Krieg in der Ukraine Warum erhalten Geflüchtete aus der Ukraine mehr Hilfe als andere?

Legale Fluchtwege, eigene Wohnung oder eine schnelle Erlaubnis zu arbeiten – die Geflüchteten aus der Ukraine erfahren auch in Deutschland viel Hilfsbereitschaft und die Politik senkt für sie bürokratische Hürden. Doch wie geht es den Geflüchteten aus anderen Ländern – etwa Afghanistan, Palästina oder Syrien?

Die Familie aus der Ukraine konnte in Schönebeck in eine eigene Wohnung ziehen.
Die Familie aus der Ukraine konnte nach kurzer Zeit in Schönebeck in eine eigene Wohnung ziehen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eine eigene Wohnung, die Erlaubnis zu arbeiten oder von der Grenze abgeholt und nach Deutschland gebracht zu werden – die Geflüchteten aus der Ukraine erfahren eine große Welle der Solidarität und die Politik schafft die Voraussetzungen für eine schnelle Integration. Dagegen müssen Geflüchtete aus Afghanistan, Syrien oder Palästina teils jahrelang mit dem Status der Duldung leben, zum Teil unter schlechten Bedingungen in Massenunterkünften und dürfen lange nicht arbeiten. Gibt es in Deutschland also ein Zwei-Klassensystem für Geflüchtete? 

"Die haben mein Wohnheim für die ukrainischen Flüchtlinge genommen", berichtet Fahim in einem YouTube-Video. Der junge Mann aus Afghanistan sagt, dass er und andere Mitbewohner in Chemnitz von einer Unterkunft in eine andere geschickt wurden – und die Bedingungen für sie nun deutlich schlechter sind.

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exactly: Guter Flüchtling, schlechter Flüchtling? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fahim aus Afghanistan fühlt sich diskriminiert

"Was das Sozialamt jetzt gemacht hat, das macht uns krank", sagt Fahim als er sich mit MDR exactly trifft. Der Mann hat ein Video von seiner Unterkunft in der Altenburger Straße gemacht: Die Wände im Zimmer haben Wasserflecken, die Tapete ist vergilbt. In Bädern fehlten Wasserhähne und Duschköpfe und auf den uralten Toiletten gehe teilweise das Licht nicht. Er sei dankbar, für alles, was Deutschland für ihn getan hat. Doch er kann nicht verstehen, warum die Ukrainer nun bessere Wohnorte bekämen.

Das ist eine große Diskriminierung zwischen asiatische Flüchtlinge und allen anderen.

Fahim Geflüchteter aus Afghanistan
Fahim ist aus Afghanistan nach Deutschland geflohen.
Fahim ist aus Afghanistan nach Deutschland geflohen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fahim ist aus Afghanistan geflohen. Details möchte er nicht berichten – und es fällt ihm offenbar sehr schwer darüber zu reden, bricht immer wieder in Tränen aus. Die Situation seiner Familie sei sehr schlimm. Vor rund zwei Monaten hätten die Taliban seine Anschrift herausgefunden. Es gab Gewalt. Mehr will er vor der Kamera nicht erzählen. Er ist traumatisiert, wie aus seinem Arztbrief hervorgeht.

Als Asylbewerber darf Fahim nicht selbst entscheiden, wo er wohnen will, auch wenn er bereits Geld verdient – als Kassierer im Supermarkt. Das gilt in der Regel so lange, bis der Asylantrag bewilligt ist. Deshalb hänge er bereits seit anderthalb Jahren in Gemeinschaftsunterkünften fest. Auch in der alten Unterkunft habe er nicht freiwillig gelebt, doch dort sei er immerhin zufrieden gewesen. "Hier war alles ruhiger, alles war in Ordnung", sagt er über die Unterkunft in der Straßburger Straße. Fotos von dort zeigen helle Wände und funktionierende Sanitärraume – und auch Fahim beschreibt die Umstände dort so. Jetzt wohnen dort ukrainische Frauen mit ihren Kindern.

Flüchtlingsrat: Zwei-Klassen-Gesellschaft bei Geflüchteten in Deutschland

Andere Geflüchtete wollen den Ukrainerinnen auf keinen Fall Leid absprechen, erzählt Dave Schmidtke vom Sächsischen Flüchtlingsrat. "Sie können das sehr gut nachempfinden, was die Menschen da durchmachen müssen. Allerdings verstehen sie nicht, warum dort doch eine Zwei-Klassen-Gesellschaft von Geflüchteten aufgemacht wird."

Zwar würden Geflüchtete aus der Ukraine auch in Turnhallen untergebracht, so Schmidtke, aber das sei nur eine temporäre Sache. MDR exactly hat bei seinen Recherchen in Messehallen in Magdeburg etwa erfahren, dass die Ukrainerinnen und Ukrainer dort meist nur bis zu zwei Wochen bleiben müssten. Anschließend können sie in bessere Unterkünfte oder sogar eine eigenen Wohnung ziehen.

In Duldung, ohne Sprachkurs und warten auf Erlaubnis zum arbeiten

Das sei bei anderen Geflüchteten ganz anders, erklärt Schmidtke: "Der Aufenthalt, der bei ganz vielen Leuten nicht gesichert ist, deren Asylantrag abgelehnt wurde, die sich seit Jahren im Klageverfahren befinden, die mit einer Duldung leben müssen, wo sie sich in einem bestimmten Landkreis aufhalten müssen, wo sie nicht arbeiten dürfen, wo sie keinen Sprachkurs bekommen. All diese Dinge passieren und sind natürlich verschiedene Stufen von Geflüchteten."

Doch noch etwas sei anders: "Dass jetzt Fluchtwege geöffnet wurden, haben wir vorher für keinerlei Nationalitäten erlebt", sagt Schmidtke. So seien etwa an der Grenze von Belarus zu Polen erst im Oktober vergangenen Jahres Menschen in den Wäldern erfroren. "Innerhalb Europas! Während jetzt private PKW-Konvois von Deutschland an die ukrainische Grenze fahren, Menschen abholen, die innerhalb von wenigen Stunden in einer sicheren Unterkunft sind. Das sind auch ganz andere Erlebnisse während der Flucht."

Unterschiede bei Frauen und Kindern aus Ukraine und anderen Ländern? 

Der Pressesprecher der Stadt Chemnitz: Matthias Nowak.
Der Pressesprecher der Stadt Chemnitz: Matthias Nowak. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Die Altendorfer Straße wurde freigeräumt, weil wir verpflichtet sind, für Frauen und Kinder, als Geflüchtete, besondere Schutzräume zu schaffen", erklärt der Pressesprecher der Stadt Chemnitz, Matthias Nowak. In der Unterkunft hätten nur noch 16 Geflüchtete gewohnt und es sei entschieden worden, diese den Frauen und Kindern aus der Ukraine zur Verfügung zu stellen.

"Damit sie ihren geschützten Raum haben, damit die Sozialarbeiter und die Psychologen sich um sie kümmern können", so Nowak. Es sei auch darum gegangen, kurzfristig Platz für mehrere hundert Menschen zu schaffen. Per Gesetz sei zudem vorgeschrieben, dass diese Unterkunft exklusiv Frauen und Kindern zur Verfügung steht.

Schlechte Bedingungen in Erstaufnahme für Frau mit Kindern aus Palästina?

Doch das gilt offenbar nicht in ganz Sachsen: In Schneeberg ist eine ehemalige Kaserne zur Erstaufnahme-Einrichtung für über 600 Geflüchtete aus verschiedensten Ländern umfunktioniert worden. Dort lebt Sara (Name geändert) mit ihren beiden Kindern seit einem Monat, als MDR exactly sie trifft. Sie ist aus Palästina geflohen, weil ihre Familie bedroht worden sei. Details könne und wolle sie nicht nennen. Sie will auch nicht erkannt werden, aus Sorge um ihren Asylantrag.

"Die einfachsten Dinge, wie ein sauberes Bad, gibt es nicht", berichtet Sara über die Unterkunft in Schneeberg. Toilettensitze seien kaputt, Türe funktionieren nicht und an den Duschen gebe es keine Brauseköpfe. 30 Frauen teilten sich zwei Toiletten. Es sei kein Leben, sondern eher ein Überleben.

Die Massenzustrom-Richtlinie für Menschen aus der Ukraine

Arbeiten gehen darf sie in den ersten sechs Monaten ihres Asylverfahrens nicht. Das ist bei ukrainischen Geflüchteten anders. Denn wird durch die sogenannte EU-Massenzustrom-Richtlinie Vorteile zugesichert. Diese ist eine absolute Sonderregelung, die nichts damit zu tun hat, ob ein Land Mitglied in der EU ist und wurde kurz Beginn des Ukraine-Krieges zum allerersten Mal aktiviert. Dadurch erhalten ukrainische Geflüchtete:

• Aufenthaltsrecht bis zu drei Jahre ohne Asylverfahren

• sofortige Arbeitserlaubnis

• Anspruch auf Sozialleistungen und Krankenversicherung

Sara berichtet, dass auch Ukrainerinnen mit in Schneeberg gelebt haben: "Die waren nur vier oder fünf Tage da und dann haben sie plötzlich alle mit Bussen nach Chemnitz gebracht." Sie empfindet das als eine "große Diskriminierung und wundert sich, dass nicht alle Nationalitäten gleich behandelt würden. "Warum müssen wir hier bleiben? Warum ist das ein Heim für Familien? Dieses Heim ist nicht gut für Familien."

Die zuständige Landesdirektion Sachsen weist die Vorwürfe zurück. In den Unterkünften gelte der Gleichbehandlungsgrundsatz. Die Umverlegung hätte organisatorische Gründe gehabt: "Die Landesdirektion Sachsen verfolgt das Ziel, die ukrainischen Vertriebenen weitestgehend gemeinsam in Unterkünften unterzubringen, damit diese schnell registriert und an die zuständigen Landkreise und kreisfreien Städte weitergeleitet werden können. Ukrainische Vertriebene haben rechtlich gesehen einen anderen Status als reguläre Asylbewerber, für welche die Landesdirektion Sachsen zuständig ist.”

Süßigkeiten für die neuen Nachbarn aus der Ukraine

Das ukrainische Geflüchtete einen anderen Status haben, zeigt sich auch im Wohnumfeld. Nach anderthalb Wochen in der Messehalle Magdeburg konnte eine ukrainische Familie in Schönebeck in eine eigene Wohnung ziehen: Eigene Küche, eigenes Bad, einfache Möbel aus Spenden. Eine Frau mit zwei Kindern, ihr minderjähriger Bruder und die Schwiegermutter teilen sich 57 Quadratmeter in einem Plattenbau.

"Als wir in die Wohnung eingezogen sind, haben die Nachbarn von oben bei uns geklingelt und haben Spielzeug für die Kinder mitgebracht", sagt Schwiegermutter Tetiana Kotko und lacht. Ostern hätten die Nachbarn Süßigkeiten für die Kinder gebracht. In der kommenden Woche sollen sie erfahren, wann sie demnächst Deutsch lernen können.

Quelle: MDR exactly/ mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR+ | MDR exactly | 09. Mai 2022 | 11:00 Uhr

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