Unter der Lupe | Kolumne Der Antisemitismus in uns

Tim Herden
Bildrechte: ARD Hauptstadtstudio, Steffen Jänicke

Vor einem Jahr versuchte ein rechtsextremer Attentäter in Halle am höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur, die Synagoge zu stürmen und ein Massaker anzurichten. Nur durch Zufall wurde er durch die Holztür der Synagoge aufgehalten und tötete schließlich zwei Passanten. Im Netz offenbarte er seine antisemitischen Motive. Aber Antisemitismus findet man nicht nur in rechtsradikalen Kreisen, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft.

Ein Mann mit Kippa besucht den Tatort an der Synagoge in Halle
Die Synagoge von Halle Bildrechte: dpa

"Ach Gott, wieder mal die Juden." Diese Reaktion einer Bekannten aus Halle auf den antisemitischen Anschlag auf die Synagoge am 9. Oktober 2019 macht mich bis heute sprachlos. Sie ist keine Rechtsradikale, auch wenn sie öfter ihre Zweifel an der Migrationspolitik äußert. Sie ist, wie es hier so verklärt heißt, eine "besorgte Bürgerin". Und damit ist sie kein Einzelfall.

Synagoge in Halle Saale, nach dem Terroranschlag von Stephan Balliet soll die Synagogentür ein Kunstobjekt werden, die Tür zur Synagoge in Halle Saale wird künstlerisch gestaltet und ausgestellt wie der Vorsitzende der juedischen Gemeine Max Privorozki in der Nacht zu Freitag bekannt gab
Einschusslöcher an der Tür zur Synagoge in Halle Bildrechte: imago images / Christian Schroedter

In meiner Heimatstadt beobachtete ich in den Tagen nach dem Anschlag eine irritierende Gleichgültigkeit gegenüber dem Geschehenen. Es gab keinen massenhaften Aufschrei aus der Bevölkerung gegen diese Tat. Die Besuche vieler Politiker in Halle, um den Opfern Mitgefühl und Beistand zu bekunden, wurden als notwendiges Übel wahrgenommen.

Viele beschäftigte allein das Schicksal der beiden getöteten Passanten. Die Anteilnahme für die jüdischen Anschlagsopfer in der Synagoge kam eher von außen als aus der Stadt selbst. Denen ist doch nichts passiert, war der Tenor. Wie bitte? Nichts passiert? Die Besucher der Synagoge standen wegen ihres Glaubens im wahrsten Sinne des Wortes auf der "Abschuss-Liste" eines rechtsextremen Mörders. Und verschont blieben sie nur dank einer massiven Eichenholztür. Was wäre gewesen, wenn diese Tür nicht standgehalten hätte.

Bis heute schockiert die jüdischen Gläubigen, die an diesem 9. Oktober 2019 in der halleschen Synagoge Jom Kippur, den Versöhnungstag, feiern wollten, und nur durch viel Glück mit dem Leben davonkamen, diese schnelle Rückkehr in den Alltag. Versöhnung kann es so nicht geben.

Der Antisemitismus in unserer Sprache

Wir reden oft über den Antisemitismus in den rechtsradikalen Netzwerken, bei Rechts-Rock-Konzerten und Nazidemonstrationen. Aber nie über den alltäglichen Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft.

Ein zum Chanukka-Fest geschmückter Leuchter steht in Berlin vor dem Jüdischen Museum.
Jüdisches Museum Berlin Bildrechte: dpa

Er beginnt mit Worten. Mit dem Schimpfwort "Jude" auf Schulhöfen. Mit dem Wort "Jude" in unserem täglichen Sprachgebrauch. Wir machen uns nicht bewusst, dass "Jude" für jüdische Ohren aus deutschen Mündern schmerzlich klingt.

Mir ist es erst wirklich deutlich  geworden, als ich im Jüdischen Museum Berlin die lange gelbe Stoffbahn sah mit den aufgedruckten tausenden schwarzen Davidsternen, drum herum die markierten Schnittlinien zum Ausschneiden. In der Mitte prangt fett gedruckt in jedem Stern das Wort "Jude". Es ist das Symbol der Ausgrenzung. Es ist das Symbol des Holocaust. Es war das Todesurteil. Sprechen wir also lieber von "jüdischen Mitbürgern" oder "Menschen jüdischen Glaubens".

Und wenn wir unsere Sprache schon einmal abklopfen, dann hier gleich noch zwei Beispiele: Die Wörter Mischpoke und schachern.

Chanukka-Leuchter mit 5 brennenden Kerzen anlässlich des Chanukka-Festes der Jüdischen Gemeinde Thüringen in Erfurt.
Chanukka-Leuchter mit 5 brennenden Kerzen anlässlich des Chanukka-Festes der Jüdischen Gemeinde Thüringen Bildrechte: imago/fotokombinat

Wie oft habe ich in Beiträgen oder Schaltgesprächen über das "Schachern um Posten" philosophiert? Und wer hat nicht schon mal  eine Menschengruppe abfällig als "Mischpoke" bezeichnet. Beide Begriffe haben etwas Anrüchiges und Herabsetzendes.

Doch im Jüdischen bedeutet "mischpóche" nichts anderes als Familie und "sachern" einfach nur Handel treiben. Die Begriffe sind wertfrei. Kein Deutschlehrer in der Schule, keine Germanistin im Fach Sprachgebrauch Journalistik hat mich je darauf aufmerksam gemacht. Wir haben das negative Verbiegen von jüdischen Wörtern nie hinterfragt. Mir ist es jetzt erst bei der Recherche für diesen Beitrag durch ein kleines Buch aufgefallen. (Ronen Steinke, "Antisemitismus in der Sprache").

Unwissen über das Judentum

Der Grund ist einfach: Wir wissen einfach zu wenig über das Judentum, seine Geschichte, seine Kultur, seine Sprache. Schlimmer noch: Wir reproduzieren unwissend alte, antisemitisch geprägte Stereotype. Aber hätten wir nicht die Pflicht mehr zu wissen? Eben weil es den Holocaust gab? Und weil wir uns als Deutsche so viel auf unsere Kulturgeschichte einbilden?

Unter der Lupe: Tim Herden
Bildrechte: MDR

Manchmal habe ich den Eindruck, dass jüdisches Leben in Deutschland mit der Shoah beginnt und damit auch endet. Eine jüdische Geschichte in Deutschland davor scheint es nicht zu geben. Ich habe das an dieser Stelle schon einmal beklagt: Ohne Mendelssohn-Bartholdy wäre Bach längst vergessen. Ohne Einstein wäre die Relativitätstheorie nicht entdeckt worden. Ohne die vielen jüdischen Künstler, Schauspieler, Schriftsteller hätte das deutsche Kino nichts zu zeigen, hätten die Verleger wenig zu drucken gehabt. Die "goldenen Zwanziger" hätten vielleicht gar nicht stattgefunden. Mit dem Tod der Millionen in den Gaskammern der Vernichtungslager schien auch die jüdische Geschichte in Deutschland ausgelöscht und ins Vergessen geschickt worden zu sein.  

Holocaust wurde in der DDR lange wenig beachtet

In meiner DDR-Schulzeit spielte das Judentum vor 1933 nur einmal eine Rolle - mit der "Ringparabel" aus Lessings "Nathan der Weise". Da wurde zumindest die Existenz dieser Religion erwähnt. Mehr aber auch nicht.

Für die Zeit nach 1933 und das Schicksal der jüdischen Bevölkerung gab es im Deutschunterricht "Professor Mamlock" von Friedrich Wolf auf dem Lehrplan. Doch die Interpretation des Dramas beinhaltete den Vorwurf, dass der jüdische Medizinprofessor Mamlock die Augen vor dem drohenden Schicksal von Ausgrenzung und Verfolgung verschlossen hatte.

Im Geschichtsunterricht wurde vor allem über den kommunistischen Widerstand gesprochen und nur wenig über den Völkermord an der jüdischen Bevölkerung Deutschlands und Europas. Der Begriff "Holocaust" war verpönt. Erst Mitte der 80er Jahren änderte sich das. 1987 erschien in der DDR das Buch "Der gelbe Fleck" von Rosemarie Schuder und Rudolf Hirsch über die Geschichte des Antisemitismus in Deutschland. Das Buch war sofort "Bückware", denn es gab ein Bedürfnis, mehr über jüdische Geschichte zu erfahren.

Auf einem Tisch sind eine Kippa, ide Tora, ein Chanukkaleuchter und ein Tallit zu sehen.
Religiöse Symbole des Judentums - eine Kippa, die Tora, ein Chanukkaleuchter und ein Tallit Bildrechte: imago images/Shotshop

Viele der Verschwörungsmythen und Pogrome an der jüdischen Bevölkerung, schon weit vor dem Holocaust, waren mir unbekannt gewesen. Umso erschreckender ist es für mich, wenn heute Hetzgeschichten wie die Ritualmordlegende in neuem Gewand im Umfeld der Querdenken-Demonstration und QAnon-Bewegung wieder auftauchen.

Die Wiederentdeckung des Jüdischen war übrigens alles andere als eine Herzensangelegenheit der DDR-Führung. Sie war dem Devisenmangel geschuldet und Honeckers Wunsch, einmal im Weißen Haus empfangen zu werden. Den Türöffner sollte der Jüdische Weltkongress spielen. Doch es gab ein Problem. Das Verhältnis der DDR zu Israel. Durch die klare Positionierung der DDR-Führung im Nahostkonflikt pro PLO und contra Israel hatte sie unter Ostdeutschen antisemitische und antijüdische Ressentiments geschürt, die diplomatische Beziehungen zwischen beiden Ländern verhinderten. So musste Honecker zuhause bleiben. Während viele jüdische Mitbürger diese Haltung aus dem Land trieb. Zum Ende der DDR lebten im Osten nur noch 500 Menschen jüdischen Glaubens.  

Neue Zeit – neue Vorurteile

Ein geöffneter Schrein Aron Hakodesch verwahrt 17 alte Torarollen.
Ein Schrein mit 17 wertvollen Torarollen Bildrechte: imago images/Uwe Steinert

Die Vorurteile in der ostdeutschen Gesellschaft gegenüber dem Judentum widerspiegeln sich auch in den Debatten über die Rückgabe während des Nationalsozialismus enteigneten oder entwendeten jüdischen Eigentums nach der deutschen Einheit. Wenn man darüber Artikel liest, schimmert immer der Gedanke durch, dass der Holocaust lange her sei und man einen Schlussstrich ziehen müsse. Nicht selten wird dabei auch die alte These aufgewärmt, man habe nicht gewusst, dass die jüdischen Besitzer von Häusern oder Grundstücken vertrieben worden waren oder fliehen mussten.

Bei der Rückgabe von Kunstwerken wird der Verlust für die deutsche Kultur beklagt. Schnell ertönt dann der Vorwurf, man könne altes Unrecht nicht mit neuem Unrecht wiedergutmachen. So werden aber die Rollen von Tätern und Opfern vertauscht.

Wiedergutmachung kann man das ohnehin nicht nennen, denn es geht hier um verlorene Leben. Und um die Identität der Nachkommen der Holocaustopfer, die zu einem großen Teil aus Trauer, Trauma und Tod besteht. Deshalb empfinden viele die langen Prozesse über ihre berechtigten Ansprüche wie eine nachträgliche Legitimierung der nationalsozialistischen Verbrechen.

Religionsfreiheit der jüdischen Gemeinden braucht Schutz

Dem allen zum Trotz entwickelt sich wieder mehr jüdisches Leben in Ostdeutschland. Synagogen werden wieder saniert oder neugebaut. Selbst dort, wo fast kein jüdisches Leben mehr war. Wie in Halle. Es ist oft ein stilles Dasein. Aus Angst. "Je ruhiger man ist, so weniger Lärm man macht, umso mehr lässt man uns in Ruhe", erklärt ein jüdischer Mann im Jahr 2020 in einem Video im Jüdischen Museum Berlin.

Eine Mesusa befindet sich am Türpfosten des Eingangs einer Synagoge.
Eine Mesusa ( Kapsel mit Schriftrolle) am Türpfosten Jüdischer Häuser Bildrechte: imago/Uwe Steinert

Der 9. Oktober 2019 zeigte, dass auch das eine trügerische Hoffnung ist. Um den Schutz der Synagogen durch die Polizei und die Kosten der Sicherheitsmaßnahmen gibt es eine unerträgliche Debatte. Vielen Amtsträgern würde da der Blick ins Grundgesetz helfen. Die Freiheit der Religionsausübung wird dort garantiert. Das bedeutet für mich: Der deutsche Staat muss den jüdischen Gemeinden Schutz bieten, damit sie ihre Religion auch leben können. Aber hören wir uns um. Nicht wenige meinen, das sei Angelegenheit der jüdischen Community. Die habe doch genug Geld. Nicht tot zu kriegen – das Ressentiment vom reichen Juden. Denn der Antisemitismus ist unter uns.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 04. Oktober 2020 | 05:00 Uhr

66 Kommentare

Querdenker vor 26 Wochen

Herr Tim Herden, ich habe ein Buch gefunden, was für Sie vielleicht interessant sein könnte?

„Völkermord statt Holocaust, Jude und Judenbild im Literaturunterricht der DDR“ von Matthias Krauß

Auf der Internetseite der „Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien“ der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist dazu auch eine Buchvorstellung zu finden.

siehe „AjuM völkermord statt holocaust“

DER Beobachter vor 26 Wochen

@ Goffman: Mir ist noch bestens aus dem Stabü-Unterricht und den Schulwandzeitungen der Marx-Versatz in Erinnerung: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern." Nun ja, ich glaube nicht, dass unsere Atheistin aus Mangel irgendwas mit Platon, Descartes, Kant, Adam Smith, Fromm und Adorno anfangen kann, weils im DDR-Plan jedenfalls in der POS und der Berufsschule keine Rolle spielte. Ganz abgesehen davon, dass Augustinus christlicher Philosoph war... Ich fürchte angesichts der Auslassungen der Atheistin aus Mangel, dass doch jene Theologin-Philosophin recht behält, die vor einigen Jahren sinngemäß mal äußerte, dass das Problem des DDR-Atheismus nicht der Atheismus an sich sei, sondern dass dieser DDR-Atheismus für Generationen das Bewusstsein für die ethischen Werte der Religionen und des christlichen Abendlandes zerstört hat. Womit wir wieder bei Kant gelandet sind....

DER Beobachter vor 26 Wochen

Habe ich nicht behauptet, und das würden Sie kapieren, wenn Sie sich aus Ihrer Blase hinausbewegen wollten. Das Pali-Tuch war durchaus Symbol der radikallinken bis linksextremistischen Israelkritiker. Bis es die Rechte in den 90ern und frühen 2000ern abkupferte, wie sie jedes Symbol abkupfert, wenn es nur irgendwie in die eigene Ideologie pressbar ist.

Mehr aus Deutschland