Mobilität und Wohnen Klimakosten in der Stadt und auf dem Land

Der seit Januar geltende CO2-Preis macht fossilen Heiz- und Kraftstoff teuer. Zahlen Menschen auf dem Land beim Klimawandel drauf, weil sie häufiger auf ihren Pkw angewiesen sind und mehr Wohnfläche beheizen müssen?

Bereits im Juni 2018 waren wir in Niederdorla. Wie das Dorf im Unstrut-Hainich-Kreis durch die Zeit der Corona-Pandemie kommt, durften wir diesmal miterleben.
Mit dem eigenen Pkw in den Nachbarort, zum Einkaufen oder zum Hausarzt. Auf dem Land hat man häufig keine andere Alternative. Bildrechte: Jana Herold

Mehr als eineinhalb Stunden zu Fuß sind durchschnittlich nötig, um im Unstrut-Hainich-Kreis in Thüringen zu einer Bus- oder Bahnhaltestelle zu gelangen. Nur in einem Landkreis in Deutschland sind die Menschen weiter von der nächsten ÖPNV-Haltestelle entfernt. Auch zum nächsten Supermarkt ist ein Fußmarsch von durchschnittlich fast 40 Minuten nötig, zum Hausarzt laufen Bewohner durchschnittlich eine gute halbe Stunde.

In Leipzig oder Dresden hingegen liegt die durchschnittliche Entfernung zur nächsten ÖPNV-Haltestelle zu Fuß bei gut fünf bzw. sechs Minuten. Wer in Magdeburg mit dem Fahrrad zum Hausarzt fahren möchte, benötigt durchschnittlich auch nicht mal fünf Minuten. Der Supermarkt ist fußläufig in durchschnittlich knapp 15 Minuten zu erreichen. Diese und noch weitere Entfernungen stellt das Thünen-Institut in einem Landatlas zur Verfügung. Anhand der Daten werden die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten von Bewohnern in der Stadt und auf dem Land deutlich. Sie belegen auch die Abhängigkeit von Bewohnern ländlicher Regionen von ihrem Pkw.

Auto bleibt wichtigstes Verkehrsmittel auf dem Land

Während in der Stadt 25 Prozent aller bewegten Kilometer mit Bus oder Bahn zurücklegt werden, sind es nur 9 Prozent auf dem Land, so der Think Tank Agora Verkehrswende. Nicht nur die Erreichbarkeit von ÖPNV-Möglichkeiten bereitet auf dem Land Sorgen, auch die Taktung der Fahrzeiten mindert die Attraktivität von Bus oder Bahn. Laut Agora Verkehrswende gibt es in Städten wie Halle, Jena oder Leipzig mehr als 500 Abfahrten von Bus oder Bahn pro Quadratkilometer am Tag. In den meisten ländlichen Regionen in Mitteldeutschland sind es nicht mal 100 Abfahrten pro Quadratkilometer.

Die Landbevölkerung ist aus einem weiteren Grund auf ihr Auto angewiesen: Viele pendeln zur Arbeit. Nach Erfurt pendelten beispielsweise im vergangenen Jahr täglich rund 50.000 Beschäftigte. Das sind rund 44 Prozent. Die meisten davon kommen aus dem angrenzenden Landkreis Sömmerda: fast 7.000. Insgesamt arbeitet fast die Hälfte aller Beschäftigten aus diesem Landkreis in einem anderen Kreis. Diese und weitere Beispiele zum Pendelverhalten von Land- und Stadtbevölkerung zeigt der Pendleratlas der Bundesagentur für Arbeit. Die Folge: Der motorisierte Individualverkehr – so wird die Nutzung von Autos im Fachjargon bezeichnet – bleibt Fortbewegungsmöglichkeit Nummer Eins auf dem Land. Daher sind seine Bewohner besonders von den gestiegenen Kraftstoff-Preisen betroffen.

CO2-Bepreisung seit Januar 2021

Das Klimaziel der Bundesregierung stellt Deutschland vor große Herausforderungen: Bis 2030 sollen die CO2-Emissionen im Vergleich zu 1990 um 65 Prozent sinken. Daher hat die Bundesregierung einen CO2-Preis eingeführt. Seit Januar gilt ein Festpreis pro verursachte Tonne CO2. So soll ein Anreiz entstehen, auf klimaschonende Technologien umzusteigen. Der CO2-Preis beträgt aktuell 25 Euro und soll bis 2025 schrittweise auf bis zu 55 Euro ansteigen. Die Deutsche Emissionshandelsstelle im Umweltbundesamt erhebt den CO2-Preis für Unternehmen, die Heiz- und Kraftstoffe verkaufen. Die CO2-Bepreisung wird an den Endverbraucher weitergegeben.

Kaum Unterschied zwischen CO2-Emissionen von Stadt- und Landbewohnern

Beim Verkehr ist das laut Fachleuten bitter nötig. Seit 1990 haben sich in dem Bereich die Treibhausgas-Emissionen nicht verringert. Das Einsparungsziel der Bundesregierung für das Jahr 2020 konnte laut Expertenrat für Klimafragen nur durch den Corona-Effekt erreicht werden. Dabei unterscheiden sich die verkehrsbezogenen CO2-Emissionen pro Kopf im städtischen und ländlichen Raum kaum – so eine Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt aus dem Jahr 2019. Grund: Auf dem Land treibt vor allem die Nutzung des Pkws die CO2-Emissionen jedes Einzelnen in die Höhe. Die Bewohner in den Städten reisen hingegen häufiger mit dem Flugzeug und gleichen damit ihre Einsparungen im Individualverkehr wieder aus.

Geringe Mehrkosten der Landbevölkerung durch CO2-Preis

Der seit Anfang des Jahres eingeführte CO2-Preis für Kraft- und Heizstoffe führt dazu, dass Landbewohner auf dem ersten Blick mehr zahlen müssen, als Bewohner städtischer Gebiete. Das belegen Beispielrechnungen des Mercator Research Instituts (MCC), einem wissenschaftlichen Think Tank der von der Stiftung Mercator und dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung gegründet wurde. Ein durchschnittlicher Haushalt auf dem Land würde mit einem CO2-Preis je Tonne von 30 Euro im kommenden Jahr rein rechnerisch rund 179 Euro zahlen. Der gleiche Haushalt in der Stadt würde 40 Euro im Jahr weniger zahlen – gäbe es keine Rückerstattungsmaßnahmen des Bundes.

"Man sollte nie den CO2-Preis ohne die Rückverteilung bedenken", erklärt Christina Roolfs vom MCC. Je nach Maßnahmen könnte die Rückerstattungen sogar dazu führen, dass ein Haushalt mehr zurückbekomme, als er bezahlt habe. Eine besonders sozial gerechte Rückverteilung würden Pro Kopf Transfers und Härtefallkompensation leisten. Aktuell wird bereits die EEG-Umlage abgesenkt. "Kurzfristig liegt der Vorteil bei der Nutzung der Absenkung der EEG-Umlage in der momentan einfachen Umsetzbarkeit. Mittelfristig sollte dies aber mit pro Kopf Transfers ersetz werden, da dies noch gerechter ist", erklärt Roolfs. Dass Haushalte im ländlichen Raum ohne Rückerstattung mehr zahlen müssten, liegt an der häufigeren Pkw-Nutzung sowie an den größeren Distanzen zum Arbeitsplatz. Außerdem komme hinzu, dass Menschen auf dem Land mehr Wohnraum zur Verfügung hätten, die beheizt werden müssten.

Teilweise mehr als 90 Prozent Ein- und Zweifamilienhäuser auf dem Land

In Mitteldeutschland haben beispielsweise die Bewohner des Altmarkkreises Salzwedel am meisten Wohnfläche zur Verfügung: Durchschnittlich 50,5 Quadratmeter pro Person. In Dresden sind es dagegen nur 38,6 Quadratmeter. Auf dem Land wohnen außerdem mehr Menschen in Ein- oder Zweifamilienhäusern. Während zum Bespiel in Leipzig 54 Prozent aller Wohngebäude Ein- oder Zweifamilienhäuser sind, sind es im Landkreis Schmalkalden-Meiningen rund 90 Prozent.

30 Prozent der Eigenheim-Besitzer bundesweit heizen mit Öl

Ähnlich wie beim Verkehr, konnten in Deutschland in den vergangenen Jahren auch im Bereich Wohnen kaum CO2-Emissionen eingespart werden. Höhere finanzielle Belastungen kommen vor allem auf die Eigenheim-Besitzer zu, die mit Öl heizen. Deutschlandweit besitzen fast 30 Prozent eine Öl-Heizung. Rund 45 Prozent der Hausbesitzer heizt mit Gas. Nur knapp 7 Prozent nutzen die klimafreundlichere Alternative der Fernwärme. In Mitteldeutschland heizen weitaus weniger Eigenheim-Besitzer mit Öl: In Sachsen-Anhalt haben rund 15 Prozent, in Thüringen knapp 19 Prozent und in Sachsen rund 27 Prozent eine Ölheizung. Grundsätzlich ist Öl als Heizmethode besonders klimaschädlich. Das Problem: Vor allem auf dem Land fehlt oftmals ein Gasanschluss, zugleich ist die Bevölkerung oft älter als in den Städten. Investitionen in neue Heizungsanlagen – die sich erst langfristig rentieren – sind also weniger interessant, trotz Förderung der KfW-Bank. In den Städten könnten Heizungssysteme theoretisch leichter umgestellt werden, etwa auf Nah- und Fernwärme. Aber auch das kann problematisch werden, denn dafür müssten vielerorts neue Leitungen verlegt werden. Und: Laut der aktuellen Regelungen dürfen Vermieter die Modernisierungskosten für neue Heizungen vollständig auf die Mieter umlegen, dadurch kann also der Mietpreis steigen – gerade in angespannten Wohnungslagen in den Städten ist das ein Problem.

Wärmepumpen spielen bisher kaum eine Rolle

Kaum eine Rolle spielen bisher alternative Heizsysteme wie Elektro-Wärmepumpen oder das Heizen mit Biomasse. Laut dem Bundesverband Wärmepumpe gibt es in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen derzeit durchschnittlich lediglich fünf bis zehn Wärmepumpen pro 1.000 Einwohner. Besser sieht es deutschlandweit bei den Neubauten aus: Dort werden nach Zahlen des Bundesverbandes Wärmepumpe inzwischen in mehr als der Hälfte (53 Prozent) der neuen Gebäude Wärmepumpen eingebaut, Gasheizungsanlagen liegen mit rund 32 Prozent nur noch auf Rang zwei.

Fazit: Finanzielle Belastungen unterscheiden sich nur geringfügig

Laut Berechnungen des MCC kann die Mehrbelastungen des CO2-Preises für die Landbevölkerung durch verschiedene Rückerstattungsmaßnahmen des Bundes am Ende weitgehend ausgeglichen werden. Für 2030 und einem perspektivischen CO2-Preis von 130 Euro im Jahr könnte ein städtischer Haushalt sogar durchschnittlich 4 Euro pro Monat gewinnen, ein ländlicher Haushalt würde 2 Euro draufzahlen. Die unterschiedliche Belastung beträgt damit 6 Euro im Monat oder 72 Euro im Jahr.

Wichtiger als die Unterschiede zwischen Stadt und Land sei laut MCC der Fokus auf bestimmte Härtefälle, die es zu vermeiden gelte. Dazu zählen Pendler, Besitzer von Ölheizungen und Ein-Personen-Haushalte. Eine Anpassung der Pendlerpauschale oder Förderprogramme zur Umrüstung von Ölheizungen könnten hohe Belastungen abmildern, so das MCC. Auch könnte die außergewöhnliche Belastung in der Steuererklärung angerechnet werden. Werde die CO2-Bepreisung mit Maßnahmen wie der Senkung der Stromsteuer und der EEG-Umlage kombiniert, ergebe sich zudem ein Kostenvorteil für Elektro- oder Hybridautos.

Mögliche Umrüstungen am Eigenheim, wie Dämmmaßnahmen, verursachten natürlich erst einmal Kosten, führten jedoch auf lange Sicht zu Energie- und damit Kosteneinsparungen, so Dieter Behrendt vom Eduard Pestel Institut, das sich schwerpunktmäßig mit den Themen Klimawandel und Nachhaltigkeit beschäftigt. Das gelte auch für einen Großteil der Stadtbevölkerung, da Mieter Sanierungsmaßnahmen in der Regel durch Überwälzung der Kosten auf die Miete mittragen. Zudem unterstütze die Bundesregierung energetische Sanierungen und Umrüstungen wie beispielsweise den Austausch von Heizkesseln mit Fördergeld.

Anders als Mieter, die häufig keinen Einfluss auf den Sanierungsstand ihres Wohngebäudes hätten, hätten es Eigenheim-Besitzer – die häufig in ländlichen Regionen leben – selbst in der Hand, Energie und damit auch Geld durch Dämmmaßnahmen und Heizungsumrüstungen zu sparen, so Behrendt. "Allerdings ist der Energieverbrauch auch bei gut isolierten Neubauten mit energieeffizienten Heizungssystemen häufig hoch, da die aktuell modernen offenen Grundrisse und große Wohnflächen zu hohen Heizkosten führen." Wer hohe Heizkosten vermeiden möchte, müsse sich grundsätzlich entscheiden: Mieter hätten bei Umzug und Eigenheimbesitzer beim Bau oder Kauf eines Hauses immer die Möglichkeit, über eine Verringerung der Wohnfläche Heizkosten zu sparen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 07. Dezember 2021 | 06:39 Uhr

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