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Frieren für den Frieden in der Ukraine - kann das wirklich helfen? Bildrechte: IMAGO / Bihlmayerfotografie

Erdgas aus RusslandHeizung runterdrehen, um Putin zu schaden?

von Britta Veltzke, MDR AKTUELL

Stand: 14. März 2022, 13:58 Uhr

Deutschland finanziert den russischen Staatshaushalt über Gas- und Ölimporte mit. Folglich sagte Wirtschaftsminister Robert Habeck vergangene Woche: "Wenn man Putin ein bisschen schaden will, dann spart man Energie." Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat zum Energiesparen aufgerufen. Das Ziel: Europa schneller von russischen Energieimporten unabhängig zu machen. Frieren für den Frieden – dieser Slogan macht schon die Runde. Macht das wirklich einen Unterschied?

  • Greenpeace hält jede Maßnahme, die dazu beiträgt, unabhängig von russischem Öl und Gas zu werden, für sinnvoll. Dazu gehört auch, die Heizung runterzudrehen.
  • Eine Verhaltensökonomin sagt, dass Menschen gern nach ihren Überzeugungen handeln wollen, dabei aber auch gesehen werden möchten. Das widerspreche der tatsächlichen Handlung, zuhause weniger zu heizen.
  • Allerdings könne es gut tun, zu verzichten und damit das Gefühl zu bekommen, etwas Nützliches zu tun.

Ein Grad spart sechs Prozent Energie

Frieren für den Frieden? Klimaexperte Benjamin Stephan von Greenpeace hält das jetzt für sinnvoll. "Aus unserer Sicht ist jede Maßnahme, die wir hier leicht umsetzen können und die uns unabhängig gegenüber Russland macht, ein wichtiger Beitrag, [...] um den Druck auf Putin zu erhöhen." Eine Faustformel besage: "Ein Grad runterdrehen, bringt ungefähr sechs Prozent Energieeinsparung." Stephan ist Co-Autor der jüngsten Greenpeace-Publikation "Kein Öl für den Krieg", die Maßnahmen nennt, wie Deutschland schnell unabhängiger von russischem Öl werden könnte.

Gefragt sind aus seiner Sicht alle, jetzt zu handeln: "Die Bundesregierung kann einen Importstopp verhängen und bestimmte Maßnahmen durchsetzen, zum Beispiel ein Tempolimit von 100 auf Autobahnen, 80 auf der Landstraße oder autofreie Sonntage. Aber natürlich gibt es viel mehr Maßnahmen, die wir auch als Privatpersonen machen können." Zum Beispiel das Auto stehen lassen oder die Heizung runter drehen.

Menschen wollen nach ihren Überzeugungen handeln, dabei aber auch gesehen werden

Doch unter welchen Umständen ändern Menschen ihr Konsumverhalten? Wann üben sie Verzicht oder geben mehr Geld aus, etwa für fair gehandelten Kaffee? Mit solchen Fragen beschäftigt sich Theresa Eyerund, Verhaltensökonomin und Wirtschaftsethikerin am Institut der Deutschen Wirtschaft. "Wir haben psychologische Mechanismen, dass wir gern im Einklang mit unseren Werten und Überzeugungen handeln wollen. Und wenn wir das nicht tun, brauchen wir zumindest gute Rechtfertigungsstrategien, um trotzdem ein positives Selbstbild von uns zu haben."

Zudem würden wir mit unserem Verhalten zeigen wollen, welcher Gruppe wir angehören, sagt Eyerund. Je sichtbarer die Folgen unseres Handelns, desto leichter die Verhaltensänderung: Alle können sehen, dass ich einen Mehrweg-Kaffeebecher nutze oder Fahrrad fahre. Dass man zu Hause womöglich friert, bekommen andere unter Umständen gar nicht mit. Aus Sicht der Verhaltensökonomin spricht das also gegen den Erfolg von "Frieren für den Frieden".

Hinzu kämen weitere Fragen: "Habe ich überhaupt eine Gasheizung? Woher kommt das Gas in meiner Leitung? Das ist natürlich relativ abstrakt und ich kann mir viele Legitimationsstrategien geben, dass man das jetzt nicht machen muss, weil es eh nicht klar ist, ob man damit einen Einfluss hat."

Das Gefühl, etwas Nützliches beizutragen

Und trotzdem glaubt sie, dass viele Menschen ihre Heizung jetzt abdrehen. "Wir erleben im Moment einen großen Schock. Die Leute sind wirklich schockiert, können aber nicht viel machen, außer sich solidarisch zu zeigen und zu spenden. Viele haben sonst vielleicht sogar ein schlechtes Gewissen, dass sie so komfortabel weiterleben können." Jetzt zu verzichten, könnte uns das Gefühl geben, etwas Nützliches beizutragen. Ob das dann auch wirklich so ist – das stehe auf einem anderen Blatt.

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 14. März 2022 | 07:08 Uhr