Illegales Schächten Verschließen die Behörden die Augen vor Tierquälerei?

Nachdem FAKT im März illegale Schächtungen in einem Schlachtbetrieb in Nordrhein-Westfalen aufgedeckt hat, sind die Reaktionen der Behörden noch immer verhalten. Verschließen sie die Augen?

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Bildrechte: SOKO Tierschutz

Schächten, also das Töten von Tieren ohne vorherige Betäubung durch ein Messer ist in Deutschland verboten. Stattdessen müssen Schlachtbetriebe Tiere erst so betäuben, dass das Schmerzempfinden des Tieres komplett ausgeschaltet ist. Dennoch gibt es immer wieder Fälle von illegal durchgeführten Schächtungen. FAKT hatte im März aufgedeckt, dass in einem Betrieb in Selm, in Nordrhein-Westfalen auf eine solche Weise geschlachtet wurde. Die Bilder, die dem Magazin zugespielt wurden zeigen Rinder, die ohne Betäubung aufgehängt werden und anschließend grausam mit einem Messer geschlachtet werden.

Die Bilder stammen von Tierschützern, die die illegalen Schlachtungen beobachtet haben. Friedrich Mülln, Gründer des Tierschutzvereins Soko Tierschutz ist entsetzt über die Bilder: "Man sieht das Rind ist bei vollem Bewusstsein. Es blinzelt, atmet, strampelt mit den Füßen. Und dann sehen wir das, was wir in den letzten drei Wochen gesehen haben. 200 Schlachtungen wurden dokumentiert. Die Tiere werden bei vollem Bewusstsein abgestochen. Das Tier brüllt und versucht zu schreien."

Wer ist verantwortlich?

Nachdem die Tierschützer den Behörden die Bilder übergeben haben, wurde der Schlachthof in Selm sofort geschlossen. Aber haben die Behörden die Spuren verfolgt? Der Pressesprecher des zuständigen Landkreises Unna hatte nach der Schließung erklärt, dass die Aufnahmen des Schächtens aus der Nacht stammten. Zu Zeiten also, in denen keine Kontrollen stattfänden. Die Aufnahmen zeigen allerdings, dass häufig Schächtungen bis in den späten Vormittag hinein stattfanden. Trotzdem hat der Landkreis seine Einschätzung bis heute nicht korrigiert.

Auch das Veterinäramt in Unna hatte bereits seit 2002 den Verdacht, dass im Schlachtbetrieb illegal geschächtet worden sein soll. Man habe das aber nie nachweisen können.

Norwich Rüße, der für Bündnis 90/Die Grünen im nordrhein-westfälischen Landtag sitzt, kann das nicht nachvollziehen. Zumal der Schlachthof immer wieder auffällig wurde: Tiere ohne Ohrmarken, fehlende Dokumentationen und der Verdacht auf Schwarzschlachtungen. Also Schlachtungen, die ohne eine behördliche Genehmigung durchgeführt wurden.

Norwich Rüße, sitz für Bündnis90/die Grünen im Landtag in Nordrhein-Westfalen
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich bin absolut überrascht, wie lange dieser Schlachthof so betrieben werden konnte. In so einem Risikobetrieb müsste man rauf und runter kontrollieren, bis das entweder vernünftig läuft, oder er geschlossen ist.

Norwich Rüße, Bündnis 90/Die Grünen FAKT

In dem Videomaterial gibt es weitere brisante Spuren. Einige Rinderköpfe haben keine Einschusslöcher. Der Vorwurf der Tierschützer: kein Bolzenschuss und keine Betäubung.

Friedrich Mülln von der Soko Tierschutz sieht darin ein doppeltes Versagen der Behörden: "Wenn man einen Schlachtbetrieb kontrolliert und man sieht zwei Köpfe von der Decke hängen von Rindern, die kein Loch im Kopf haben, dann muss man kein Veterinär sein, um zu wissen, dass diese Tiere geschächtet worden sind. Und der Super-GAU für die Veterinärskontrolle im Landkreis Unna ist, auf diesem Kopf ohne Einschussloch befindet sich noch ein amtlicher Freigabe-Stempel."

Damit wurde das Fleisch dieses mutmaßlich illegal geschächteten Tiers freigegeben. Aber von wem? Der Landkreis beantwortet die Fragen von FAKT nicht, deutet aber öffentlich Konsequenzen an.

Auch das Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes bringt bisher kein Licht in den Fall Selm. Es sei ein Betrieb mit einem legalen und einem illegalen Teil gewesen. Inzwischen gibt es allerdings Zweifeln, ob es einen legalen Teil des Betriebs überhaupt gegeben habe, räumt das Ministerium auf Nachfrage ein.

Quelle: MDR FAKT

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