Inflation Experte: In Krisenzeiten Lebensmittel-Spekulation einschränken

Reichlich 287 Euro kostete eine Tonne Weizen einen Tag bevor Russland die Ukraine angegriffen hat. Wenig später betrug der Preis bereits 422 Euro. Neben der Sorge vor drohender Knappheit spielten auch Agrarfonds eine Rolle, die auf steigende Preise gewettet haben. Im Interview erklärt der Wirtschaftswissenschaftler Lukas Kornher, warum er diese Form der Spekulation ablehnt, aber nicht generell gegen die Spekulation ist. Die gestiegenen Preise sind auch Thema bei "Fakt ist!" im MDR FERNSEHEN.

Ein junger Mann mit Vollbart schaut lächelnd in die Kamera.
Dr. Lukas Kornher arbeitet am Institut für Ernährungswirtschaft und Verbrauchslehre in Bonn. Bildrechte: Yesim Pacal

Herr Dr. Kornher, kurz nach dem Kriegsausbruch in der Ukraine explodierten bereits die Getreidepreise an der Börse. Zu diesem Zeitpunkt war das Getreide aber noch gar nicht knapp. Sollte man die Spekulation mit Lebensmitteln daher nicht lieber verbieten?

Nein, das sehe ich nicht so. Grundsätzlich ist der Handel mit Agrarrohstoffen, wie zum Beispiel Getreide, an der Börse etwas Positives. Bauern können sich dadurch absichern, indem sie für einen Liefertermin in der Zukunft einen bestimmten Preis vereinbaren. Dabei spielen Erwartungen über das Wetter oder wie eben jetzt die Auswirkungen des Krieges eine Rolle. 

Aber wo würden Sie die Grenze zwischen legitimer Absicherung und bloßer Spekulation ziehen?

Wenn es nicht nur um die Absicherung von Preisen geht, sondern um exzessive Spekulation, die einzig und allein auf einen Trend aufspringen will. In diesem Fall weicht die Entwicklung an der Börse zu stark von den Fundamentaldaten ab. Kritisch sehe ich diesbezüglich große Agrarfonds, die sich mit enormen Summen an solchen Spekulationen beteiligen. Das wirkt sich dann am Ende auch ganz real auf die Exportpreise aus.

Weil sich solche Spekulationen nicht vollkommen unterbinden lassen, bin ich dafür, die Zahl der Kontrakte, die solche Fonds an der Börse handeln dürfen, zu beschränken; vor allem in Krisensituationen. Dafür gibt es schon Regeln. Diese müssen aber noch besser überwacht und durchgesetzt werden. 

Lukas Kornher

Blickt man in die Geschichte zurück, dann hat es die Spekulation mit Lebensmitteln schon immer gegeben. Bereits in der Bibel ist von den sieben guten Jahren die Rede, in denen die Ernte in den Speicher geschafft wird, um für die sieben schlechten Jahre vorzusorgen. Auch das war ja im Prinzip schon ein Warentermingeschäft… 

Auf jeden Fall. Dort geht es um die Vorsorge für die Zukunft und nicht um eine rein vom Finanzmarkt getriebene Spekulation, die nichts mehr mit verfügbaren Mengen und zukünftigen Markterwartungen zu tun hat. Diese Form der Spekulation halte ich für legitim und wichtig.

Weizenähren
Durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ist der Weizenpreis auf dem Weltmarkt ernorm gestiegen. Bildrechte: dpa

In der Politik werden Gegenstrategien diskutiert. So war eine Übergewinnsteuer im Gespräch, um die Firmen, die von der aktuellen Krise profitieren, zur Kasse zu bitten. Es gibt auch Forderungen, Verbraucherinnen und Verbraucher durch eine abgesenkte Mehrwertsteuer oder durch weitere Hilfspakete zu unterstützen. Was halten sie von solchen Maßnahmen?

Das Schwierige daran ist, dass jeder Eingriff in den Markt Nebenwirkungen hat. Sorgen wir mit Subventionen dafür, dass die Menschen hierzulande günstiger an Lebensmittel kommen, obwohl die Weltmarktpreise massiv gestiegen sind, heizen wir die Nachfrage künstlich an. Wir können damit indirekt für Hungersnöte in Entwicklungsländern verantwortlich sein, indem wir die schon geringeren Mengen für unseren Konsum nutzen.

Die Übergewinnsteuer würde wiederum nur funktionieren, wenn sie beim Handel an den Terminbörsen ansetzt und diesen gewissermaßen ausbremst. Allerdings sind auch da Nebenwirkungen nicht auszuschließen. Betrifft die Übergewinnsteuer auch Geschäfte der Landwirte und Produzenten, die die Endprodukte herstellen, dann ist es wahrscheinlich, dass sie die Steuer auf ihre Produkte draufschlagen. Am Ende müssten die Verbraucher mehr zahlen, was wiederum die Situation bei uns weiter verschärfen könnte. 

Wir rufen in der Krise in Deutschland meist nach dem Staat. Haben aber auch einzelne Konsumentinnen und Konsumenten die Möglichkeit, etwas zu tun?

Ja, das geht. Schließlich kommt das Geld großer Agrarfonds, die an der Warenbörse spekulieren, ja irgendwo her. Vor ein paar Jahren wurde sogar auf Bäckertüten für solche Fonds geworben. Jeder Verbraucher kann selbst entscheiden, wo er investiert und wo nicht. Wenn das genügend Menschen tun, hat das mit Sicherheit Auswirkungen. 

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MDR (sth)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Fakt ist! | 16. Mai 2022 | 22:10 Uhr

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