Wachsender Beratungsbedarf Studie: Viele Jugendliche von sexualisierter Gewalt betroffen

In Deutschland sind viele Jugendliche von sexualisierter Gewalt betroffen. Fast jedes vierte Mädchen berichtet in einer Studie der Hochschule Merseburg von einem Vergewaltigungsversuch. Bei den diversgeschlechtlichen Personen sind es noch deutlich mehr. Immer mehr Jugendliche sprechen über ihre Erlebnisse, aber in Sachsen und Sachsen-Anhalt mangelt es an Beratungsstellen. Der Landesjugendbeauftragte in Sachsen-Anhalt will das ändern.

Schwarze Hand und Kinderfiguren
Mehr Jugendliche berichten von sexuellen Übergriffen Bildrechte: IMAGO / Christian Ohde
Gewalt gegen Frauen
Die Hochschule Merseburg erfasst Fälle in Studien seit 1990. Bildrechte: Colourbox.de

Viele Jugendliche in Mitteldeutschland haben bereits Erfahrungen mit sexueller Belästigung oder sexualisierter Gewalt gemacht. Das geht aus der neuen Studie der Hochschule Merseburg über Jugendliche im Alter zwischen 16 und 18 Jahren im Auftrag des Landesinnenministeriums Sachsen-Anhalt hervor. Dabei waren Jugendliche in ganz Deutschland befragt worden, mehr als die Hälfte von ihnen kam aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Informationen zur Studie

Bei der "PARTNER 5 Jugendstudie 2021" sind Anfang 2020  Jugendliche im Alter zwischen 16 und 18 Jahren befragt worden. Zu Beginn wurden schriftliche Befragungen in Bildungseinrichtungen durchgeführt. Durch die Corona-Pandemie wurde die Studie dann online bis März 2021 fortgesetzt. Insgesamt haben 1.443 Personen teilgenommen (1.269 online, 174 offline). Die gültige Stichprobe umfasst 861 Jugendliche. Darunter waren 522 Mädchen/junge Frauen, 297 Jungen/junge Männer sowie 42 diversgeschlechtliche Personen. 377 Teilnehmende wohnen in Sachsen-Anhalt, 471 in den neuen Bundesländern.

Es war die dritte Auflage der Studie: Die Anzahl der angegebenen Fälle sexualisierter Gewalt ist seit 1990 angestiegen. Während bei der gleichen Studie im Jahr 1990 noch elf Prozent der jungen Frauen angaben, zum Geschlechtsverkehr gezwungen worden zu sein, waren es 2013 schon 15 Prozent und in diesem Jahr jede vierte junge Frau. Einen Anstieg gab es auch bei jungen Männern (2013: 5 Prozent, 2021: 7 Prozent). Erstmals sind auch die Angaben von diversgeschlechtlichen Personen erfasst worden. Von ihnen gaben 39 Prozent an, bereits selbst Erfahrungen mit einem Vergewaltigungsversuch gemacht zu haben.

Die Ergebnisse zu den diversgeschlechtlichen Personen sind dem Studienleiter Heinz-Jürgen Voß zufolge belastbar. Er sagte MDR AKTUELL, der große Anteil Betroffener decke sich auch mit den Tendenzen aus einer Erwachsenenstudie. Aus den Ergebnissen ergebe sich in diesem Bereich weiterer Forschungs- und Handlungsbedarf. Dieser sei von den zuständigen Ministerien in Sachsen-Anhalt auch erkannt worden:

Ich nehme wahr, dass es ein wachsendes Interesse der Ministerien an der Forschung in dem Bereich der diversgeschlechtlichen Personen gibt, um daraus handlungsorientierte Beratungsangebote abzuleiten.

Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß, Gesamtleitung PARTNER 5-Studie

Die PARTNER-5-Studie decke aber nicht nur auf, dass und wie stark diversgeschlechtliche Personen von sexualisierter Gewalt betroffen seien. Voß weist darauf hin, dass die Ergebnisse der Studie allen Geschlechtern helfe.

Jugendliche sprechen mehr

Prof. Dr. Voß
Heinz-Jürgen Voß, Hochschule Merseburg, Leiter der PARTNER-5-Studie. Bildrechte: Thomas Tiltmann, Hochschule Merseburg

Die steigende Fallzahl der angegebenen Fälle sexualisierter Gewalt ist laut Voß nicht ausschließlich auf einen möglichen Anstieg der Straftaten zurückzuführen. Seiner Meinung nach ist auch die Sensibilisierung der Jugendlichen stärker ausgeprägt. Sie trauten sich häufiger, über ihre Erlebnisse zu sprechen.

Wir haben kontinuierlich ein großes Problem mit sexualisierter Gewalt. Unsere Gesellschaft wird aber sensibler, auch darüber zu sprechen.

Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß, Gesamtleitung PARTNER 5-Studie

Vor allem junge Frauen trauen sich demnach häufiger, mit einer vertrauten Person das Gespräch zu suchen. 61 Prozent von ihnen gaben an, nach einem Übergriffserlebnis mit jemand anderem darüber zu sprechen. Bei den diversgeschlechtlichen Personen und männlichen Betroffenen fiel der Anteil geringer aus (divers: 49 Prozent, männlich 37 Prozent).

Anzeigeverhalten gestiegen

Vor allem bei Taten, die länger zurückliegen, ist die Bereitschaft für eine Anzeige gestiegen. In der aktuellen Umfrage gaben 20 Prozent der Jugendlichen zwischen 16 und 18 Jahren an, Übergriffe, die sie bis zum 13. Lebensjahr erlitten hatten, angezeigt zu haben. 1990 hatten nur vier Prozent der Betroffenen eine Anzeige ausgelöst. Aktuelle Übergriffe würden aber deutlich seltener angezeigt. Dort liegt der Anteil der Anzeigen bei null bis sechs Prozent. Laut Voß muss die Sensibilität in Bezug auf Jugendliche deutlich wachsen: Eine Möglichkeit seien Hilfsangebote durch Beratungsstellen.

Zu wenige Beratungsstellen

Junger Mann steht an einem Baumstamm
Junge Menschen müssen lange Wege zu Beratungsangeboten auf sich nehmen Bildrechte: IMAGO / photothek

Von diesen Beratungsstellen gibt es in Sachsen-Anhalt lediglich vier Stück – und sie seien personell dünn besetzt, erklärt Voß. Erst vor kurzem seien die Stellen aufgerüstet worden, damit sie auch verstärkt präventiv arbeiten könnten. Laut Voß sind die Wege zu den Beratungsstellen aber viel zu lang. Wer einen Übergriff erlebt habe, leide oft unter Unsicherheit, fühle sich nicht gut und brauche einen kurzen Draht zur Hilfe. Wenn es dann notwendig sei, dutzende Kilometer in eine fremde Region zurückzulegen, sei das als Hürde viel zu groß.

Im bundesweiten Vergleich bietet Sachsen-Anhalt in Relation zur Einwohnerzahl die wenigsten Beratungsstellen. Auch Sachsen liegt mit sechs Anlaufstellen weit hinten.

Voß zufolge ist Thüringen bezüglich der Anzahl der Beratungsstellen ein Vorbild. Er sagte, es brauche in jeder kreisfreien Stadt und in jedem Kreis eine Anlaufstelle für Betroffene.

Hilfe für Betroffene

In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gibt es mehrere Beratungsstellen, bei denen Betroffene sexualisierter Gewalt Hilfe bekommen können:

Sachsen
Standorte: Chemnitz, Dresden, Freiberg, Leipzig, Plauen, Zwickau
Weitere Informationen: Anschriften und Kontaktdaten

Sachsen-Anhalt
Standorte: Magdeburg, Halle, Stendal und Dessau-Roßlau
Weitere Informationen: Anschriften und Kontaktdaten

Thüringen
Standorte: Erfurt, Weimar, Jena, Nordhausen, Sömmerda, Bad Salzungen, Mühlhausen, Suhl,
Weitere Informationen: Anschriften und Kontaktdaten

Landesbeauftragter sieht Handlungsbedarf

Der Kinder- und Jugendbeauftragte des Landes Sachsen-Anhalt, Holger Paech, zeigt sich erschüttert über die Ergebnisse der Studie:

Die registrierten Fälle in der polizeilichen Kriminalitätsstatistik sind wirklich nur eine äußerst kleine Spitze eines sehr großen Eisbergs. [...] Kinder und Jugendliche brauchen mehr vertrauensvolle Ansprechpersonen und mehr Sicherheit.

Holger Paech, Landesjugendbeauftragter Sachsen-Anhalt

Paech spricht sich wie Voß für verbesserte Beratungs- und Hilfsangebote aus. Die Beratungsstellen in Magdeburg, Halle, Stendal und Dessau-Roßlau reichten für ein Flächenland wie Sachsen-Anhalt nicht aus. Paech sagte, der Anspruch müsse sein, dass Opfer von sexualisierter Gewalt umgehend nach einer Tat beste Unterstützung erhalten. Dazu brauche es nicht nur mehr Beratungsangebote, sondern auch einen Ausbau von ortsunabhängigen Angeboten.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 30. Juli 2021 | 12:00 Uhr

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