Pandemie und Streaming-Konkurrenz Vor der Wiedereröffnung: Hat Kino nach Corona noch eine Zukunft?

Am 1. Juli sollen deutschlandweit die Kinos öffnen. So will es der Branchenverband HDF Kino, der mit seinen rund 600 Mitgliedern die Mehrheit der Kinobetreiber vertritt. Ein bundesweit einheitlicher Start sei wichtig, für eine erfolgreiche Vermarktung von neuen Filmen, sagt Verbandschefin Christine Berg. Sie kritisiert die verschiedenen Länderregelungen für Kinos. Hat Kino nach Corona noch Zukunft?

Geschlossenes Kino, Anzeige BIS BALD BLEIBEN SIE GESUND UND ACHTEN SIE AUFEINANDER
In den vergangenen Monaten blieben die Kinos in Deutschland wegen der Corona-Pandemie verwaist. (Symbolbild) Bildrechte: imago images/Michael Weber

Das erste Corona-Jahr war wirtschaftlich ein Desaster für das Kino. Deutschlands Kinobetreiber verbuchten einen Umsatzeinbruch von einer Milliarde Euro. Trotzdem ist der Anteil von Kinos, die die Pandemie nicht überlebten, relativ gering, sagt Christine Berg im Interview mit MDR THÜRINGEN. Dafür hätten Kurzarbeitergeld und Überbrückungshilfen des Staates gesorgt. Nun gelte es, für einen gemeinsamen Neustart zu sorgen.

"Flickenteppich" an Regelungen für Kinos in Deutschland

Einen "Flickenteppich" in der Kinolandschaft wolle der Branchenverband nicht mitmachen, sagt Berg. Die unterschiedlichen Länderregeln seien "nicht mehr durchschaubar". Es gebe unterschiedliche Auflagen für Besucheranzahl und für eine Maskenpflicht am Sitzplatz.

Hier sieht Christine Berg die Politik in der Pflicht. Politiker würden nicht ausreichend wahrnehmen, dass auch Kinobetreiber Hygienekonzepte und dank Online-Bestellung eine Besuchernachverfolgung böten.

Sitzreihen in einem Kino sind zur Einhaltung der Abstandsregeln gesperrt
Auch nach der Wiederöffnung der Kinos werden die Säle noch nicht voll besetzt werden können. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Kino auch nach Corona nicht tot

Trotz dieser Herausforderung sieht die Verbandschefin optimistisch in die Zukunft. Zwar sei die Situation für die Kinos dramatisch. In 126 Jahren Geschichte sei es "das allererste Mal" gewesen, dass Kinos etwas nicht leisten können, was in schwierigen Zeiten ihr Plus gewesen sei: nämlich für alle Menschen da zu sein.

Doch jetzt gebe es etliche neue Filme, auf die sich Zuschauer freuen sollten. Komödien, Kinderfilme und nicht zuletzt der jüngste "James Bond". Wenn es nach ihr gehe, dann könnten die Deutschen zurecht einen "heißen Kinoherbst" erwarten. Kino sei auch jetzt nicht tot.

Streaming-Dienste könnten zu Verdrossenheit führen

Auch die neuen digitalen Möglichkeiten - Gewöhnung an Fernsehen im Internet und an Streaming-Dienst - könnten Kino nicht stoppen. Christine Berg sagt, Streaming-Dienste hätten den Markt verändert. Jeder könne jetzt Filme schauen, wann, wo und mit wem er wolle, und das sehr günstig. Das könne Kino so nicht bieten.

Doch diese einfachen Möglichkeiten führten auch zu einer Verdrossenheit gegenüber den Streaming-Diensten. Dann nämlich, wenn "die 50. Serie angeguckt" wurde. Dann wollten die Menschen aus dem Haus und Kino erleben: "Sie gehen in einen Saal, der wird dunkel. Sie können sich nicht ablenken lassen. Das ist ja etwas sehr Besonderes, finde ich. Und es ist doch jedes Mal faszinierend."

Vermarktung von Filmen: Geht die Exklusivität verloren?

Als problematisch wertet Christine Berg die künftige Vermarktung von Filmen. Ein strittiger Punkt sei die Exklusivität. Geld werde vor allem an den Kinokassen eingespielt. Doch dazu müsse ein neu produzierter Film entsprechend lang ausschließlich auf großer Leinwand gezeigt werden.

Inzwischen gebe es jedoch den Trend, dass Filme kurzfristig nach Kinostart bereits von Streaming-Diensten übernommen würden. Die Exklusivität gehe verloren, Kinobetreiber verlören Einnahmen.

Eine Frau sitzt an einem Schreibtisch und redet. 4 min
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Fr 04.06.2021 07:53Uhr 03:44 min

https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/video-kino-wiederoeffnung-zukunft-100.html

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Umdenken bei Filmproduktion: Welche Filme eignen sich fürs Kino?

Entsprechend fordert die Verbandschefin ein Umdenken bei der Filmproduktion. In Deutschland, sagt Berg, würden jährlich 230 und damit zu viele Filme für das Kino gedreht. Das sei eine Entwicklung in die falsche Richtung.

Produzenten, Verleiher und Kinobetreiber müssten künftig besser entscheiden, welche Filme für die Leinwand und welche für andere Ausspielwege wie Fernsehen oder Streaming-Dienste geeignet seien.

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Querdenker demonstrieren gegen die Coronamaßnahmen der Regierung
Querdenker demonstrieren gegen die Coronamaßnahmen der Regierung Bildrechte: MDR/Peter Podjavorsek
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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 05. Juni 2021 | 18:20 Uhr

1 Kommentar

Freies Moria vor 25 Wochen

Nicht Corona hat die Kinos sterben lassen sondern die miserablen Remakes mit weiblichen Hauptrollen, die schon vor Corona jeden Kino-Besuch verleideten.
Der Stern von Hollywood ist verblasst, und Streaming ist einfach nicht dasselbe.
Es wird eine neue Generation von Erzählern brauchen, und bis dahin gibt es auch neue Darbietungsformen.
Ich hoffe nur, die Kurzatmigkeit der Youtube Clips hat sich bis dahin auch erledigt, denn armseliger geht es kaum.

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