Fachkräftemangel Weiter zu wenig Kita-Personal in Ostdeutschland

MDR Aktuell-Redakteur Marvin Kalies
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Im Osten gibt es ein im bundesweiten Vergleich großes Angebot an Kitas. Studien der Bertelsmann-Stiftung und des Verbands Bildung und Erziehung weisen aber erneut auf einen großen Personalmangel an den Einrichtungen hin. Nach Angaben der Bertelsmann-Stiftung wird sich der Mangel an Fachkräften nach aktuellem Stand weiter verschärfen. Hinzu kommen nach Angaben des Verbands Bildung und Erziehung neue Herausforderungen durch die Corona-Pandemie.

Kindergarten-Gruppe
Eine Kindergarten-Gruppe ist draußen unterwegs. Bildrechte: dpa

In den Kitas in Ostdeutschland gibt es weiterhin zu wenig Fachkräfte. Das legen Studien der Bertelsmann-Stiftung und des Verbands Bildung und Erziehung nahe. Im Vergleich zu Westdeutschland stehen in den neuen Bundesländern vielerorts ausreichend Kita-Plätze zur Verfügung, geht aus der Bertelsmann-Studie hervor. Allerdings gebe es zu wenig Personal in den Kitas. Daraus folge, dass eine Fachkraft deutlich mehr Kinder betreue, als eigentlich empfohlen.

Der Verband Bildung und Erziehung warnt bundesweit vor einer Lage, in der teilweise die gesetzlichen Vorgaben nicht mehr eingehalten werden könnten:

40 Prozent der Kitaleitungen geben [...] an, dass sie in mehr als einem Fünftel der Zeit wegen Personalunterdeckung ihrer Aufsichtspflicht nicht nachkommen können.

Udo Beckmann | Bundesvorsitzender Verband Bildung und Erziehung

An mindestens einem Tag pro Woche sei die Aufsicht in diesen Kitas nach Einschätzungen der Kitaleitungen nicht mehr entsprechend der gesetzlichen Vorgaben garantiert, sagt Udo Beckmann, Bundesvorsitzender Verband Bildung und Erziehung. Mehr als sieben Prozent der Befragten schätzten sogar, dass sie im zurückliegenden Jahr in über 60 Prozent der Zeit in Personalunterdeckung gearbeitet hätten.

Zu wenig Personal vor allem im Osten

Nach Angaben der Bertelsmann-Stiftung haben über 90 Prozent der Kinder in Kita-Gruppen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen nicht ausreichend Fachpersonal zur Verfügung. Das sei ein deutlich höherer Wert als im Bundesschnitt mit 73 Prozent. Das sei vor allem in den Betreuungsschlüsseln der einzelnen Länder erkennbar.

In Mitteldeutschland betreut der Studie zufolge eine Fachkraft fünf bis sechs Krippenkinder. Der empfohlene Wert für diese Altersgruppe liegt bei einem Betreuungsschlüssel von 1:3. Dieser wird den Angaben nach bundesweit nicht erreicht. In Westdeutschland liege der durchschnittliche Betreuungsschlüssel aber immerhin noch bei einer Fachkraft auf 3,5 Krippenkinder. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen betreut eine Fachkraft den Angaben nach im Schnitt mindestens vier Kinder mehr als eine Kollegin oder ein Kollege in Baden-Württemberg.

Bei den Kindergartenkindern ab zwei Jahren zeigt sich in der Studie ein ähnliches Bild. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen betreue eine Person zwischen zehn und elf Kindern. Der empfohlene Schlüssel liege bei 1:4,9. Im Westen Deutschlands werde immerhin ein Schlüssel von 1:7,7 erreicht.

Die hohe Arbeitsbelastung hat in Mitteldeutschland aber auch bundesweit nach Angaben des Verbands Bildung und Erziehung Folgen.

Eine nahezu logische Konsequenz ist, dass die hohe Arbeitsbelastung der zur Zeit in den Kitas beschäftigten pädagogischen Fachkräfte zu höheren Fehlzeiten und Krankschreibungen führt.

Udo Beckmann | Bundesvorsitzender Verband Bildung und Erziehung

Höhere Fehlzeiten haben demnach neun der zehn befragten Kitaleitungen angegeben.

Kita-Gruppen zu groß

Bundesweit gibt es nach Angaben der Bertelsmann-Studie zudem ein Problem mit zu großen Kita-Gruppen. Wissenschaftlichen Empfehlungen zufolge sollten in jüngeren Gruppen maximal zwölf Kinder zusammen betreut werden, bei älteren maximal 18 Kinder, erklärt die Stiftung. In Sachsen und Thüringen seien allerdings rund ein Drittel der Gruppen zu groß. In Sachsen-Anhalt treffe das auf 45 Prozent der Kita-Gruppen zu. Besonders häufig seien in den drei Bundesländern die Gruppen der unter 3-Jährigen betroffen. Im bundesweiten Vergleich stehen die drei Länder aber mit ihren Ergebnissen demnach noch gut da. Im Bundesschnitt seien 54 Prozent der Kita-Gruppen zu groß.

Verbesserung durch neues Kita-Gesetz

Kindergarten-Gruppe
Eine Kindergarten-Gruppe geht im Wald spazieren. Bildrechte: dpa

2019 ist das Kita-Qualitäts- und Teilhabeverbesserungsgesetz (KiQuTG) des Bundes in Kraft getreten. Bis 2022 fließen insgesamt 5,5 Milliarden Euro vom Bund an die Länder, die mit den Geldern die Qualität der Kitas verbessern und die Gebührenbelastung der Eltern senken sollen. Außerdem zielt das auch als "Gute-Kita-Gesetz" bekannte Gesetz auf einen Abbau von Unterschieden zwischen den Ländern und eine bessere Vereinbarung von Familie und Beruf.

In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sind die Bundesmittel aus dem "Gute-Kita-Gesetz" bisher größtenteils in die Verbesserung der Personalsituation geflossen, gibt die Bertelsmann-Stiftung an. In Sachsen bekämen Beschäftigte ein bis zwei Stunden Arbeit ohne Kinder. Dadurch könnten nach Angaben des Freistaates 5,4 Prozent mehr Personal eingestellt werden, heißt es in der Studie. Auch in Sachsen-Anhalt sorge die Einstellung von zusätzlichen Fachkräften in Kitas mit besonderen Entwicklungsbedarfen für einen besseren Personalschlüssel. In Thüringen würden die Gelder verstärkt für einen verbesserten Personalschlüssel der 4- und 5-Jährigen eingesetzt. Dort betreut den Angaben nach nun eine Fachkraft 14 Kinder in der Altersgruppe, bisher habe der Betreuungsschlüssel bei 1:16 gelegen.

Hintergrund des "Gute-Kita-Gesetzes" ist der bundesweite Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab dem ersten Lebensjahr. Dieser war von der schwarz-roten Bundesregierung beschlossen worden und im Jahr 2013 in Kraft getreten. Auch für die kommende Bundestagswahl haben die Parteien mehrere Inhalte für die Bildung in den Fokus genommen.

Hohe Teilhabe und gut qualifizierte Fachkräfte

Die Kitas im Osten Deutschlands zeichnet vor allem eine hohe Teilhabequote aus. Laut der Bertelsmann-Studie gibt es vielerorts im Osten Deutschlands ein bedarfsgerechtes Angebot. In Sachsen seien 53 Prozent der Kinder, für die ein Kita-Besuch in Frage kommt, in Kitas. In Thüringen liege der Wert bei 55 Prozent, in Sachsen-Anhalt liege die Teilhabequote sogar bei 58 Prozent. In allen drei Bundesländern sei die Teilhabe an den Kitas deutlich höher als im Bundesvergleich mit 35 Prozent.

In den Kitas erwartet die Kinder der Bertelsmann-Studie zufolge deutlich mehr hoch qualifiziertes Fachpersonal als in Westdeutschland. Zwischen 80 und 90 Prozent des Kita-Personals haben demnach einen Fachschulabschluss zum Beispiel als Erzieherin bzw. Erzieher. In Thüringen liege der Wert mit 87 Prozent bundesweit mit am höchsten. Zwischen fünf und zehn Prozent der Beschäftigten hätten einen Hochschulabschluss. Sachsen ist mit einer Quote von zehn Prozent studierten Kita-Mitarbeitenden mit an der Bundesspitze. In Mitteldeutschland sei der Anteil des Kita-Personals mit einem Sozialassistenten als höchsten Abschluss oder keinem Abschluss deutlich geringer als in Westdeutschland.

An Fachkräften in den Kitas werde es in Mitteldeutschland aber auch in den kommenden Jahren mangeln, erklärt die Bertelsmann-Stiftung. Demnach fehlen in Sachsen bis 2030 rund 12.000 Fachkräfte, in Thüringen ergibt sich eine Lücke von 7.000 Fachkräften und in Sachsen-Anhalt von 4.000 Beschäftigten. Der Bertelsmann-Stiftung zufolge braucht es einen deutlichen Anstieg der Neueinstellungen. Auch der Verband Bildung und Erziehung fordert mehr Fachkräfte. Dazu müssten Ausbildungskapazitäten ausgeweitet werden und europäische Abschlüsse leichter anerkannt werden, ohne die Qualität der Ausbildung im frühpädagogischen Bereich abzusenken, erklärt der Vorsitzende Udo Beckmann.

Unsicherheiten in der Pandemie

Die Corona-Pandemie ist nach Angaben des Verbands Bildung und Erziehung neben dem Personalmangel eine zusätzliche Belastung für die Kitas. Vier von fünf Kitaleitungen sehen demnach durch wechselnde Vorschriften und einer damit einhergehenden Planungsunsicherheit ein großes Problem. Nach Angaben des Vorsitzenden Udo Beckmann hat sich der Frust über Corona-Regeln vielfach an Kitas und Schulen entladen:

Die Folge sind unter anderem Konflikte an Kitas. Hier wird pädagogisches Fachpersonal dafür verantwortlich gemacht und dafür abgestraft, dass es seiner Arbeit nachkommt und die verordneten Infektionsschutzmaßnahmen umsetzt.

Udo Beckmann | Bundesvorsitzender Verband Bildung und Erziehung

Jede vierte Kitaleitung gab demnach in der Umfrage an, dass sich Eltern nicht an die Vorgaben hielten. Insgesamt hätten in der Studie die meisten Leitungen angegeben, sich klare Vorgaben von den Bundesländern, mehr Personal und eine bessere digitale Ausstattung für ihre Kitas zu wünschen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 24. August 2021 | 19:30 Uhr

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