Klassenwiederholung in Mitteldeutschland Eltern und Pädagogen kritisieren freiwilliges Sitzenbleiben

Das letzte Corona-Schuljahr war für Schüler und Schülerinnen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen besonders herausfordernd. Deswegen können sie es freiwillig wiederholen, ohne, dass es auf die Schulbesuchsdauer angerechnet wird. Was sagen Elternvertreter und Pädagogen dazu? Und sind die Schulen in Mitteldeutschland überhaupt gewappnet für eine möglicherweise große Zahl an Wiederholern?

Ein Mund- und Nasenschutz liegt in einer Grundschule auf einer Federmappe
Das letzte Schuljahr war für mitteldeutsche Schülerinnen und Schüler geprägt von der Corona-Pandemie. Bildrechte: dpa

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Landeselternrat: Zeitfaktor darf nicht zum Stressfaktor werden

Der Landeselternrat Sachsen weist auf die vielen Hürden des Distanzlernens im Schuljahr 2020/21 hin. Die Schülerinnen und Schüler hätten die Herausforderungen der häuslichen Lernzeit unterschiedlich gut bewältigt – viele seien über sich hinausgewachsen, andere wiederum hätten Probleme gehabt, neue Lerninhalte zu erfassen und sich zu motivieren.

Viele Eltern haben sich laut dem Landeselternrat daher gewünscht, dass ihre Kinder die Klasse wiederholen können, ohne dass dies auf die Schulbesuchsdauer angerechnet wird. Andere hingegen hätten vorgeschlagen, dass alle Schüler und Schülerinnen das Schuljahr wiederholen sollten oder dass das Schuljahr verlängert werden sollte. Die Mehrheit begrüße es, dass in diesem Jahr die Härtefallregelung, die sonst bei Langzeiterkrankten herangezogen werde, für alle gelte. Dabei entscheiden Lehrkräfte "mit viel Fingerspitzengefühl, Empathie und Weitblick" über Versetzung oder Nichtversetzung.

Im Hinterkopf haben müssen die Schulen dabei die Kapazitäten – und zwar nicht nur die der Schulen selbst:

(...) Das Platzproblem beginnt schon in den Kindergärten. Wir müssen pünktlich einschulen, weil immer wieder neue Kindergartenkinder aufgenommen werden, die ab dem ersten Geburtstag einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz haben. Außerdem fehlen in vielen Schulen die Räumlichkeiten, damit mehr Kinder und Jugendliche aufgenommen werden können. Des Weiteren hat sich eine bereits seit Jahren angespannte Personalsituation in vielen Schulen noch verschärft. In diesem Schuljahr gibt es keine Gruppe, die nicht nachhaltig geprägt ist durch Corona. Kinder, Lehrer, Eltern. Deshalb dürfen wir den Zeitfaktor jetzt nicht als Stressfaktor zulassen, denn um die Lerninhalte aufzuholen, werden wir ein bis zwei Jahre benötigen.

Statement des Landeselternrats Sachsen

Einen Lösungsansatz sehen die sächsischen Elternvertreter etwa in den Wahlbereichen der Oberschulen. Diese könnten durch Regelunterricht ersetzt werden. In der Grundschule könnte etwa vorübergehend auf Fächer wie Ethik und Religion verzichtet, deren Inhalte fächerübergreifend vermittelt werden. Die Elternvertreter stellen aber auch klar:

An die Ferienzeiten sollten wir nicht rangehen und wir dürfen auch keine zusätzlichen Nachhilfe- und Förderstunden einplanen. Die Schüler*innen haben im Regelbetrieb 30 bis 35 Unterrichtsstunden pro Woche und dazu kommen Hausaufgaben und Lernstunden. Wenn dieses Pensum noch erhöht wird, sind die psychologischen Folgen vorprogrammiert und nicht zu unterschätzen.

Statement des Landeselternrats Sachsen

Längerfristig sollten grundsätzlich die Lernkonzepte für die Klassen fünf bis acht überarbeitet werden, argumentiert der sächsische Landeselternrat. Dafür brauche es aber Übergangslehrpläne für die nächsten ein bis zwei Jahre.

GEW: Klassenwiederholung sollte kein Massenphänomen werden

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Sachsen sieht das freiwillige Wiederholen des Schuljahres kritisch. GEW-Vorsitzende Uschi Kruse sagte MDR AKTUELL: "Grundsätzlich muss man jedem Schüler und jeder Schülerin diese Möglichkeit eröffnen. Aber es wäre nicht gut, wenn das zum Massenphänomen wird". Auch ohne die Schuljahreswiederholung gebe es schon massiven Lehrermangel und größere Klassen durch immer mehr Schüler, betonte Kruse. Der Druck auf das System würde sich weiter erhöhen, wenn etwa ein wiederholendes Kind "als 29. Schüler in eine Klasse" käme.

Statt die Schülerinnen und Schüler aus ihren bisherigen Klassen zu lösen, sollten sie im neuen Schuljahr besser gefördert werden. Kruse zufolge bedarf es einer größeren Zuwendung durch mehr Lehr- aber auch mehr Assistenzkräfte, also nicht-pädagogische Kräfte, die etwa bei der Hausaufgabenbetreuung helfen oder das Lernen in kleineren Gruppen ermöglichen. Die Lehrer investierten viel Kraft, seien aber für die unterschiedlichen Anforderungen nicht ausreichend gewappnet. Es fehle allen Schulen an finanzieller und personeller Ausstattung, warnt Kruse.

Landeselternrat: Anrechnungsfreie Wiederholung bis 2022/2023

Der Landeselternrat Sachsen-Anhalt hält das anrechnungsfreie Wiederholen einer Klassenstufe für "wenig zielführend", da sie sich auf ein Wiederholen bis zum Beginn des Schuljahres 2021/22 beschränke:

Diese Regelung benachteiligt Schülerinnen und Schüler, bei denen eine Lernstandserhebung im laufenden Schuljahr noch keine gravierenden Lücken ergeben hat, oder bei denen sich die Prognose als falsch erweist, die bestehenden Lücken könnten im Folgejahr geschlossen werden.

Statement des Landeselternrats Sachsen-Anhalt
Stefan Kalweit-Schaulies, alleinerziehender Vater aus Magdeburg 1 min
Bildrechte: MDR/Daniel George

Nur wenige Kinder, Eltern oder Lehrkräfte könnten nach anderthalb Jahren Pandemie den Lernstand der Schülerinnen und Schüler exakt einschätzen. Die erzielten Noten seien aufgrund pandemiebedingter Schulschließungen, schlecht funktionierenden Online-Unterrichts, aufgehobener Präsenzpflicht und wegen Unterrichts in Halbgruppen nur eingeschränkt aussagekräftig.

Die Forderung der sachsen-anhaltischen Elternvertreter: Die Periode zur anrechnungsfreien Wiederholung eines Schuljahres müsse bis zum Schuljahr 2022/2023 verlängert werden. "Außerdem sollte eine Versetzung auch dann ermöglicht werden, wenn die zur Versetzung nicht ausreichenden Leistungen auf die Corona-Pandemie zurückzuführen sind, und die begründete Hoffnung besteht, dass Lerndefizite im folgenden Schuljahr aufgeholt werden können".

Matthias Rose, Sprecher des Landeselternrats sagte MDR AKTUELL: "Für den Landeselternrat war es wichtig, dass auch die nicht freiwillige Wiederholung anrechnungsfrei ist, wenn die Pandemie hierfür die wesentliche Ursache darstellt. Ebenso wollten wir für die Fälle, in denen die Versetzung aufgrund zu guter Noten (die kann es ja geben, wenn die Zeugnisnoten sich aus sehr wenigen Tests zusammensetzen) ungerechtfertigt war und dadurch das nächste Schuljahr wiederholt werden muss, diese Wiederholung anrechnungsfrei ist. Dadurch könnte man vermutlich viele unnötige freiwillige Wiederholungen vermeiden."

Wichtiger als all das sei aber ein durchdachtes Konzept, wie mit den Lernrückständen umgegangen werde, sagt Rose. Dazu müssten diese erhoben und ausgeglichen werden. Das gehe nicht ohne zusätzliche Freiräume in den Lehrplänen und solle nach Möglichkeit individuell für jede Schülerin und jeden Schüler oder zumindest für jede Klasse erfolgen. Die Lernrückstände seien aufgrund des Homeschoolings beziehungsweise Wechselunterrichts sehr unterschiedlich. Die Lehrkräfte sollten die Möglichkeit erhalten, von der Stundentafel abzuweichen, um die Defizite aus- und die Fachpläne angleichen zu können.

GEW: Personelle Ausstattung und Unterstützungssysteme benötigt

Die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Eva Gerth, betont, die letzten anderthalb Jahre seien für Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrkräfte eine große Belastung gewesen. Die GEW begrüße die Möglichkeit, Klassenstufen ohne Anrechnung wiederholen zu können.

Was für die betroffenen Schüler*innen gut und richtig ist, führt aber zu weiteren Belastungen im Schulsystem: Der ohnehin gravierende Personalmangel wird sich nochmals verschärfen, die Differenzierungen in den neuen Klassen werden zunehmen, die räumlichen Kapazitäten werden sich an einigen Standorten weiter beschränken.

Eva Gerth GEW-Landesvorsitzende

Zentrale Stellschrauben für eine gute Bildung der Kinder blieben eine ausreichende Personalausstattung, angemessene Arbeitsbedingungen der Lehrkräfte sowie ein Ausbau der schulischen Unterstützungssysteme. In diesen drei Bereiche habe das Land noch deutlichen Verbesserungsbedarf.

Thüringen

Landeselternvertretung: Pauschale Wiederholung ist nicht angebracht

Die Sprecherin der Landeselternvertretung Thüringen, Claudia Koch, sagte MDR AKTUELL, die Möglichkeit, auch dieses Schuljahr ohne Anrechnung auf die Schulbesuchsdauer wiederholen zu können, sei tatsächlich eine Forderung der Thüringer Landeselternvertretung gewesen. "Wir haben dazu in den letzten Wochen und Monaten immer wieder Anfragen erhalten und sehen darin eine Möglichkeit, Kindern, die mit der Corona-Situation nicht gut klargekommen sind, eine Möglichkeit zu geben, wieder in die Schullaufbahn zurückzufinden und mit einem Neustart zu beginnen."

Aber auch in Thüringen stellt diese Möglichkeit die Schulen vor Herausforderungen, wie Koch schildert. Viele Kinder wollten das Schuljahr wiederholen, die Klassen beziehungsweise Schulen seien aber bereits an der Belastungsgrenze. Das sei der ohnehin angespannten Personalsituation geschuldet. Ein flächendeckendes Problem sei das jedoch eher nicht.

In Beratungsgesprächen weist Koch die Eltern nach eigenen Angaben zudem immer wieder auf den Umstand hin, dass eine Schuljahreswiederholung nur dann Sinn ergibt, wenn ein Kind besondere Rückstände im Vergleich zu seinem direkten Klassenumfeld aufweist:

Wenn der Unterricht in einem bestimmten Fach für die ganze Klasse aufgrund der Umstände ausgefallen ist, bringt eine Wiederholung kaum etwas, weil dann alle diese Lernstände aufholen müssen – das kann auch in der neuen Klassenstufe und im gewohnten Klassenverband erfolgen. (...) Mittels hastig erhobener Noten Druck aufzubauen, bringt ebenso wenig wie eine pauschale Wiederholung eines gesamten Schuljahres – beides ist demotivierend und auch nicht angebracht.

Claudia Koch Sprecherin der Landeselternvertretung

Es sei wichtig, nach der Erholungsphase in den Sommerferien eine Bestandsaufnahme zu machen, wie die Lernstände in der jeweiligen Klasse einzuschätzen sind, und davon ausgehend die Kinder individuell zu fördern. Der Landeselternrat wünscht sich, dass zu Beginn des kommenden Schuljahres nach einer Bestandsaufnahme individuell und zielgerichtet mit den Schülerinnen und Schülern gearbeitet werde. Die Schulen brauchten Zeit, um eventuelle Rückstände oder Lücken aufholen zu können.

Die Politik müsse zum einen für eine stabile personelle Ausstattung der Schulen sorgen, möglichst zusätzlich zu den ohnehin benötigten Lehrkräften mit interdisziplinären Teams, die bei der individuellen Förderung unterstützen können. Außerdem müssten alle Beteiligten dafür Sorge tragen, dass Schulschließungen im kommenden Schuljahr so gut es geht vermieden werden.

GEW: Einheitliches Level statt "business as usual"

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Thüringen sieht die Möglichkeit der freiwilligen Klassenwiederholung eher kritisch. Aus Sicht vieler Lehrerkräfte sei es deutlich schwieriger, die Schüler und Schülerinnen zu Lernanstrengungen zu motivieren, erklärte GEW-Sprecher Michael Kummer auf Anfrage von MDR AKTUELL.

Dazu kommt, dass wir die Gefahr sehen, dass vor allem diese Schüler:innen die Wiederholungen nutzen werden, die aus Elternhäusern kommen, die ihre Kinder sowieso schon unter Leistungsdruck setzen. Bei denjenigen, bei denen eine Wiederholung tatsächlich helfen würde, kümmern sich die Elternhäuser oftmals nicht ausreichend oder gar nicht um den Lernerfolg ihrer Kinder.

Michael Kummer Sprecher der GEW

Die große Nachfrage nach Wiederholungen ist Kummer zufolge im Schuljahr 2020/21 ausgeblieben. Aus Altersgründen wäre die soziale Einbettung in den neuen Klassenverband ohnehin schwierig. Es sei vielmehr wichtig, allen Schülerinnen und Schülern einen guten Übergang aus dem Corona-Schuljahr in die weiteren Jahrgänge zu verschaffen. Daher müsse es im neuen Schuljahr zunächst darum gehen, die Kinder auf ein halbwegs einheitliches Mindestlevel zu heben und nicht "business als usual" zu machen.

Es werde sicher eine Reihe Schülerinnen und Schüler geben, die besondere Unterstützung benötigten, blickt Kummer voraus. Die Schulen sollten, gerade am Anfang des Schuljahres, darauf eingehen, betont Kummer: "Notendruck ist hier sicherlich fehl am Platz", es brauche stattdessen "Pädaogik und, wenn möglich, individuelles Eingehen auf die jeweilige Situation der Schülerin/des Schülers".

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 21. Juli 2021 | 07:45 Uhr

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