Tricksen beim Krankenschein Falsche Krankmeldung kann Lohn und Job kosten

Nach der Kündigung erst einmal krankschreiben lassen? Das könnte in Zukunft schwieriger werden. Am Mittwoch hat das Bundesarbeitsgericht entschieden, dass Arbeitgeber Krankmeldungen in einem solchen Fall anzweifeln können und nicht automatisch das Gehalt weiterzahlen müssen. Doch wann sind Zweifel an einer Krankschreibung gerechtfertigt und wann nicht?

Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung wird unterschrieben
Nach einem Urteil vom Bundesarbeitsgericht dürfen Arbeitgeber eine Krankschreibung nach der Kündigung anzweifeln. Bildrechte: dpa

Hand aufs Herz: Haben Sie sich schon mal krankschreiben lassen, obwohl sie es gar nicht waren? Gerichte befassen sich damit immer wieder – erst am Mittwoch das Bundesarbeitsgericht in Erfurt.

Das Gericht hat entschieden, dass eine Frau keinen Anspruch auf Lohnfortzahlung hat. Die Angestellte hatte nämlich gekündigt und sich dann exakt für die verbleibende Zeit im Unternehmen krankschreiben lassen.

Missbrauch von Krankmeldungen sind Alltag

Solche Krankmeldungen sind für Silvio Lindemann "täglich Brot", erzählt der Fachanwalt für Arbeitsrecht aus Dresden: "Da mag tatsächlich ein Kritikgespräch vorangegangen sein oder es gibt irgendwas, was die Arbeitnehmer nicht machen wollen – weil ihnen die Arbeit nicht schmeckt, sie die falsche Route fahren müssen oder weil sie Überstunden machen müssen. Da wird nicht selten mit einem Krankenschein reagiert."

Seinem Eindruck nach steht das Recht hier auf Seiten der Arbeitnehmer. Man spüre auch immer wieder den "Unmut bei den Arbeitgebern – dass sie kaum eine Handhabe haben, wenn sie das Gefühl haben, der Mitarbeiter macht krank."

Nachweis einer Arbeitsunfähigkeit ist für Arbeitnehmer unkompliziert

Im Nachteil sieht sich hier auch der Allgemeine Arbeitgeberverband der Wirtschaft in Sachsen-Anhalt, wie Verbandsjurist Christoph Zawade erklärt: "Der Nachweis, dass tatsächlich Arbeitsunfähigkeit vorliegt, die liegt erstmal beim Arbeitnehmer", den Nachweis könne er relativ leicht mit einer Bescheinigung von einem Arzt erbringen.

Allerdings gebe es auch eine Reihe von Kriterien, die berechtigte Zweifel an einer Krankschreibung vor Gericht begründeten, führt Jurist Zawade aus. Zum Beispiel eine vorher angekündigte Migräne oder wenn die Krankschreibung exakt mit der Kündigungsfrist endet.

Arbeitgeber wollen Dauer der Lohnfortzahlung verkürzen

Grundsätzlich ist es so, dass der Arbeitgeber im Krankheitsfall den Lohn sechs Wochen lang weiterzahlen muss. Zawade plädiert dafür, diesen Zeitraum zu verkürzen: "Sodass auch die finanziellen Risiken für die Unternehmen begrenzt sind." Hier wäre die Frage, ob der Gesetzgeber den Zeitraum enger ziehe.

Gewerkschaft: Lohnfortzahlung reicht oft nicht aus

Erwartungsgemäß bekommt ein Gewerkschaftssekretär Ausschlag bei dieser Forderung. Auf gar keinen Fall würde Daniel Stach von Verdi die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall verkürzen. Der Hintergrund sei, dass die Lohnfortzahlung häufig gar nicht ausreiche: "Das ist gerade bei länger andauernden Erkrankungen so. Denken Sie etwa an Krebs. Da sind die sechs Wochen schnell vorbei.

Stach zufolge reiche das Krankengeld, das die Krankenkasse im Anschluss zahlt, dann häufig nicht aus, um den Lebensunterhalt abzusichern.

Bei falscher Krankmeldung droht mitunter die Kündigung

Das Missbrauchsrisiko hält sich aus der Sicht des Gewerkschaftssekretärs Stach auch in Grenzen. Man sehe eher den umgekehrten Fall: "Dass sich Arbeitnehmer trotz Krankheit zur Arbeit schleppen, weil sie Konsequenzen fürchten. Denn Arbeitgeber haben bereits nach der derzeitigen Rechtslage Mittel in der Hand, um gegen ein Ausufern von Krankschreibungen einzelner Beschäftigter vorzugehen. Im schlimmsten Fall droht die Kündigung."

Sicher können die Folgen derart drastisch sein, sagt auch der Dresdner Arbeitsrechtler Silvio Lindemann. Aber zugleich müsse er hinter vorgehaltener Hand sagen: "Wenn das Arbeitnehmer richtig anstellen, dann hat der Arbeitgeber kaum eine Chance, das nachzuweisen."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 09. September 2021 | 07:12 Uhr

Mehr aus Deutschland