Oppositionelle in Gefahr Mordanschlag in Deutschland geplant: Auftrag kam offenbar von Kadyrow-Regime

Mutmaßliche Auftragsmörder hätten in Bayern fast einen Oppositionellen aus Tschetschenien ermordet. Nach gemeinsamen Recherchen von MDR und Spiegel sollte Mochmad Abdurachmanow Mitte Dezember bei München erschossen werden. Die Bundesanwaltschaft hat die Ermittlungen übernommen. Die Spuren führen nach Tschetschenien zu den Machthabern um Präsident Ramsan Kadyrow.

Eine vorgehaltene Pistole
In Bayern wäre es Ende 2020 fast zu einem Anschlag auf einen tschetschenischen Oppositionellen gekommen (Symbolfoto). Bildrechte: colourbox.com

Die Bilder auf dem Facebook-Video sind nur schwer erträglich. Auf den verwackelten Aufnahmen ist ein Mann zu sehen. Er hat schwarze Haare und liegt mit dem Gesicht am Boden, mitten in einer Blutlache. Aus dem Hintergrund ist eine drängende Stimme zu hören, die ihn aggressiv auf Russisch befragt.

Die Stimme gehört dem bekannten Tschetschenischen Oppositionellen und Blogger Tumso Abdurachmanow. Der Mann, über dem er kniete, war - wie sich bei späteren Ermittlungen herausstellte - geschickt worden, um Tumso zu ermorden. Er sollte ihn mit einem Hammer erschlagen. Doch dem Aktivisten gelang es, den Täter zu überwältigen. Das hielt er mit seinem Handy in einem Video fest und veröffentlichte es später. Die Tat spielte sich Ende Februar 2020 in Schweden ab, dorthin war Tumso vor den Machthabern im fernen Grosny geflüchtet, weil er durch seine Oppositionsarbeit in Tschetschenien nicht mehr sicher war. 

Blogger und tschetschenischer Oppositioneller Tumso Abudrachmanow
Der Oppositionelle und Blogger Tumso Abdurachmanow ist aus Tschetschenien geflüchtet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mord an Bruder Mochmad Abdurachmanow geplant

Nur knapp zehn Monate später geriet sein Bruder Mochmad Abdurachmanow, der sich ebenfalls politisch gegen das Tschetschenische Regime engagiert, ins Visier von Auftragsmördern. Nach gemeinsamen Recherchen von MDR und Spiegel sollte Mochmad Mitte Dezember 2020 in der Nähe von München erschossen werden. Dorthin waren er und seine Familie vor drei Jahren geflüchtet. Doch der Plan schlug fehl, und der Polizei gelang es nicht nur, die Tat zu verhindern, sondern auch einen der Drahtzieher des geplanten Attentates festzunehmen. Nach bisherigen Ermittlungen ist davon auszugehen, dass hinter dem Mordauftrag offenbar das Tschetschenische Regime um Machthaber Ramsan Kadyrow steht.

Tschetschenischer Oppositioneller Mochmad Abdurachmanow
Gegen den tschetschenischen Oppositionellen Mochmad Abdurachmanow, der mit seiner Familie in Deutschland lebt, sollte ein Mordanschlag verübt werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dass der Anschlag auf Mochmad Abdurachmanow nicht ausgeführt wurde, hat dieser dem Mann zu verdanken, der sein Killer werden sollte. Anfang Dezember, so erzählt es Mochmad MDR und Spiegel in einem Gespräch, meldete sich Tamirlan A. bei ihm über das Internet. Er habe ihm geschildert, dass er den Auftrag bekommen habe, Mochmad zu erschießen. Dabei solle ihm ein Mittelsmann mit dem Namen Walid D. helfen. Dieser lebt seit knapp 20 Jahren in Deutschland mit einer Aufenthaltsgenehmigung.

Mit Tamirlans Zustimmung alarmierte Mochmad die Polizei. Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt übernahmen die Ermittlungen. Walid D. soll eine Pistole vom Typ Makarow mit einem Schalldämpfer nach Deutschland geschmuggelt haben. Die wurde jedenfalls bei einer späteren Razzia in seiner Wohnung gefunden. Tamirlan A. selber war nur wenige Wochen vor dem geplanten Mord als Asylbewerber getarnt nach Deutschland gekommen.

Bundesanwaltschaft erhebt schwere Vorwürfe

Laut Ermittlungen fuhren Tamirlan A. und Walid D. Mitte Dezember in die Nähe von München, dort wo Mochmad Abdurachmanow mit seiner Frau, seinen Kindern und seiner Mutter lebt. Nach eigener Aussage gelang es Tamirlan, seinem Komplizen Walid D. den Anschlag an diesem Tag auszureden. Er konnte ihn offenbar davon Überzeugen, dass ihr geplanter Fluchtweg über ein freies Feld nicht optimal war. Walid D. stimmte dem zu - und der Anschlag fand nicht statt.

Wenige Tage später stellte sich Tamirlan A. der Polizei und ist inzwischen an einem geheimen Ort in einem Zeugenschutzprogramm untergebracht. Die Ermittler sind überzeugt, dass er nie vor hatte, den Mord tatsächlich auszuführen. Offenbar war er in einem Tschetschenischen Gefängnis angeworben und mit Geld geködert worden.

Hintermann Walid D. konnte festgenommen werden und sitzt in Untersuchungshaft. Der im Haftbefehl der Bundesanwaltschaft erhobene Vorwurf lautet auf Verabredung zum Mord und der Vorbereitung einer schweren Staatsgefährdenden Tat "im Auftrag staatlicher Stellen der russischen Teilrepublik Tschetschenien". Sein Anwalt teilte auf Anfrage mit, dass er die Tat bestreitet. Wie die Waffe in die Wohnung gekommen sei, wisse sein Mandant nicht.

Oppositionelle in Europa nicht sicher

Der Fall der Brüder Abdurachmanow macht deutlich, dass Tschetschenische Oppositionelle im europäischen Ausland nicht sicher sind. So wurde im Februar 2020 der Kadyrow-Gegner Imran Aliyev im französischen Lille erstochen. Nur wenige Monate später, im Juli 2020, wurde bei Wien Mamikhan "Anzor" Umarow erschossen. Auch er galt als ein Gegner des Tschetschenischen Machthabers.

Für weltweite Schlagzeilen sorgte ein Mord im Berliner Tiergarten: Aktuell steht in Berlin ein russischer Staatsbürger vor Gericht, dem die Bundesanwaltschaft vorwirft, den tschetschenischstämmigen Georgier Zelimkhan Khangoshvili am 23. August 2019 mit einer Glock 26 mit Schalldämpfer ermordet zu haben. Laut Anklage sollen "staatliche Stellen der Zentralregierung der Russischen Föderation" den Mordauftrag erteilt haben. Die angstmachende Botschaft ist unmissverständlich: Egal, wie und wo, der lange Arm aus Grosny oder Moskau erwischt jeden. 

Es ist kein Geheimnis, dass die dafür zuständigen russischen Nachrichtendienste nicht zimperlich sind, auch in der Wahl ihrer Mittel.

Geheimdienste wissen um Gefahr

Die deutschen Nachrichtendienste wissen um die Brisanz und die fehlende Sicherheit von Kadyrow-Gegnern im Ausland. Thüringens Verfassungsschutzchef Stephan Kramer sagte MDR und Spiegel: "Es ist kein Geheimnis, dass die dafür zuständigen russischen Nachrichtendienste nicht zimperlich sind, auch in der Wahl ihrer Mittel." Dazu zählten Fake-News, Manipulation in sozialen Netzwerken und körperliche Angriffe bis hin zu Mordversuchen und Mord.

Stephan Kramer
Der Präsident des Thüringer Amtes für Verfassungsschutz, Stephan Kramer: Die fehlende Sicherheit für Kadyrow-Gegner ist den deutschen Nachrichtendiensten offenbar bekannt. Bildrechte: dpa

"Die Möglichkeiten, dem hier etwas entgegenzusetzen, sind natürlich begrenzt", so Kramer. Auch wenn dies nicht heiße, dass man sich nicht nur alle Mühe gebe, sondern auch manche Dinge teilweise verhindern könne. 

Anschlagsopfer soll abgeschoben werden

Für Mochmad Abdurachmanow bleibt die Lage weiter ernst, denn er und seine Familie sollen aus Deutschland abgeschoben werden. Seine Anwältin Johanna Künne sagte MDR und Spiegel: "Trotz des Anschlags auf seinen Bruder und der Tatsache, dass die Bundesanwaltschaft wegen des Mordversuchs im Dezember ermittelt, gibt es bisher keine Entscheidung, ob meinem Mandanten ein neues Asylverfahren gewährt wird." Bisher habe das Bundesamt für Migration und Flüchtlingen (BAMF) die Gefährdung für eine Lüge gehalten und seinen Asylantrag abgelehnt. Nach den neuerlichen Ereignissen hofft die Anwältin auf Einsicht beim BAMF und auf ein neues Asylverfahren mit einem positiven Ausgang. "Zumindest die Sicherheitsbehörden nehmen das Ganze jetzt sehr ernst."

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 16. April 2021 | 13:00 Uhr

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