Mehr Sicherheit für Radfahrer Abbiegeassistenten für Lkw kommen - aber nur langsam

Seit Jahren wird darüber diskutiert, doch eine generelle Pflicht für Abbiegeassistenten an Lkws ist nicht in Sicht. Für Radfahrer, die beim Abbiegen im toten Winkel leicht übersehen werden, können sie lebensrettend sein.

Zwar ist die Zahl der Verkehrstoten seit 2011 gesunken: von mehr als 4.000 auf rund 3.050. Die Zahl der getöteten Radfahrer allerdings ist im gleichen Zeitraum gestiegen: von 399 auf 445. Jedes Jahr sterben laut ADAC im Schnitt bundesweit allein 30 Radfahrer, weil sie von rechtsabbiegenden Lkws übersehen und überrollt werden.

Monitore
Monitore übertragen hier Bilder aus dem toten Winkel ins Fahrerhaus. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Pflicht kommt stufenweise - aber nur für Neufahrzeuge

Seit 1. Juli gilt bereits für neu zugelassene Lkws mit Anhänger (18,75 m bis 25,25 m) eine Abbiegeassistenten-Pflicht. Bereits zugelassene Lang-Lkws müssen bis Juli 2022 nachgerüstet werden.

Ab 2022 sollen Abbiegeassistenten EU-weit verpflichtend für alle neuen Fahrzeugtypen eingeführt werden, ab 2024 für alle neu zugelassenen Lkws und Busse. Da der Umgang mit Lang-Lkws im europäischen Recht nicht geregelt ist, war es möglich, für diesen Fahrzeugtyp in Deutschland eine frühere Pflicht einzuführen.

Förderprogramm des Bundes für freiwillige Nachrüstungen

Für freiwillige Nachrüstungen hat die Bundesregierung einen Fördertopf bereitgestellt, um den Einsatz der Technologie voranzutreiben. Der Einbau von Abbiegeassistenten wird seit 2018 vom Bund mit 1.500 Euro pro System unterstützt. Die Kosten dafür liegen zwischen 600 und 3.000 Euro. Die Geräte verbreiten sich nur langsam.

Kamera als Abbiegeassistent
Eine Kamera zeichnet Bilder auf: Bei den Stadtwerken Magdeburg bereits an 25 Fahrzeugen der Müllabfuhr. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Städtische Fahrzeuge mit Abbiegesystemen

Immer mehr Kommunen reagieren auf die seit Jahren anhaltende Debatte und bauen allmählich Abbiegeassistenzsysteme in ihre Fahrzeuge ein. Dadurch bekommt der Fahrer Informationen über die Verkehrslage beim Abbiegen - und Fußgänger und Radfahrer verschwinden nicht mehr im toten Winkel. Die auf dem Markt befindlichen Systeme sind dabei verschieden. Sie können aus Kameratechnik, Sensoren oder einer Kombination aus beiden bestehen.

In Jena fährt eine solche lebensrettende Technologie bei drei städtischen Lkws mit, in Leipzig bei zwei und in Dresden bei 15. In Magdeburg sind es sogar 25 Fahrzeuge, die darüber verfügen - bereits die Hälfte der Wagen bei der städtischen Müllabfuhr. In Erfurt sollen neu angeschaffte Lkws damit bestückt werden.

Spiegel an einer Ampel
Hier sorgt ein Spiegel an einer Ampel für Sicht im sonst toten Winkel. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Abbiegeverbot für Lkw ohne Asisstentenzsystem?

Politiker wie der Münchener Oberbürgermeister Dieter Reiter fordern angesichts immer neuer tödlicher Unfälle konsequente Maßnahmen. Lkws ohne Abbiegeassistent solle die Durchfahrt durch Kommunen verboten werden. Mit einer geringfügigen Änderung der Straßenverkehrsordnung wäre das möglich.  

In Wien gilt ein solches Verbot seit April für Lkws über 7,5 Tonnen, die nicht mit einem Abbiegesystem ausgerüstet sind. Zur Kasse gebeten werden die Fahrer bei Verstößen allerdings erst ab 1. Januar 2021 - bis dahin gilt noch eine Übergangsfrist.

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Das niederländische Modell: Rot markiert sind die von der Kreuzung weggeführten Radwege. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Radfahrer an Kreuzung vorbei lenken?

In den Niederlanden sollen die Radwege durch eine andere Straßenführung sicherer sein: Radfahrer sollen nicht direkt über die Kreuzung fahren, sondern durch die Radwege nach außen umgelenkt werden - und die Fahrbahn später kreuzen. "Die Hoffnung war, dass Radfahrer dann nicht mehr parallel zum Lkw geradeaus fahren müssen, sondern im rechten Winkel zum Lkw", erklärt Unfallforscher Siegfried Brockmann. Dadurch solle der Lkw-Fahrer den Radfahrer besser sehen können.

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Unfallforscher Brockmann warnt, das niederländische Modell könnte Assistenzsysteme verwirren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach Untersuchungen der Unfallforscher hat sich diese Hoffnung nicht bestätigt. Die Unfallzahlen konnten nicht verringert werden. Zudem bestehe sogar die Gefahr, die Abbiegeassistenten zu verwirren. "Weil der Radweg frühzeitig von der Fahrbahn weggeführt wird, muss der Assistent annehmen, dass der Radfahrer nicht mehr in seiner Fahrlinie ist", so Brockmann.

In Mitteldeutschland gibt es keine Planungen für den flächendeckenden Umbau von Kreuzungen nach niederländischem Vorbild. Die Städte Berlin, Darmstadt und Bochum wollen das Konzept aber testen. Ob die Argumente der Unfallforscher hIer berücksichtigt werden, ist derzeit unklar.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 17. November 2020 | 20:15 Uhr

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