Inter- und Transsexuelle Nur wenige Mitteldeutsche mit Geschlechtseintrag "divers"

Männlich, weiblich, divers – seit zwei Jahren ist es in Deutschland rein theoretisch möglich, bei den Meldebehörden ganz offiziell das dritte Geschlecht anzugeben. Man kann also zum Bürgeramt gehen und dort beantragen, dass der Geschlechtseintrag entsprechend geändert wird. Im Reisepass zum Beispiel würde dann unter Geschlecht "divers" stehen. In Mitteldeutschland wird diese Möglichkeit jedoch bisher kaum genutzt.

Drei Möglichkeiten für einen Geschlechtseintrag - 'W', 'M' und 'X' - sind 2014 auf einem Banner zu sehen.
Seit zwei Jahren ist es in Deutschland möglich, bei den Meldebehörden "divers" als Geschlecht eintragen zu lassen. Bildrechte: dpa

25 Menschen in Mitteldeutschland haben sich bisher als "divers" registrieren lassen. 13 in Sachsen und jeweils sechs in Sachsen-Anhalt und Thüringen. Das geht aus einer Statistik des Bundesinnenministeriums hervor, die MDR AKTUELL vorliegt.

Viele sind das nicht, weiß Kalle Hümpfner vom Bundesverband Trans. Dafür gebe es mehrere Gründe. "Ein Punkt ist auch, dass damit viel Outing im Alltag verbunden ist und wir weiterhin in einer Gesellschaft leben, in der nicht klar ist, wie andere Menschen darauf reagieren. Also: Kommt es zu abfälligen Kommentaren? Viele sind da verunsichert und entscheiden sich dagegen." Kalle Hümpfner nennt noch viele andere Gründe für die geringe Zahl. Einer zum Beispiel ist die Angst vor dem ärztlichen Attest, das den Behörden beim Antrag vorzulegen ist und das die Diversität beweisen soll.

Kritik: Personenstandsgesetz klammere Transsexuelle aus

Am wichtigsten ist aber seiner Meinung nach, dass ein Großteil der Betroffenen ausgeklammert ist. Das hat etwas mit der gesetzlichen Lage zu tun. Denn: Die Option, den Geschlechtseintrag "divers" anzugeben, ist im Personenstandsgesetz verankert. Das ist aber nur für Intersexuelle gedacht. Also für Menschen, die mit unklarem Geschlecht auf die Welt gekommen sind. Nicht gedacht ist das Gesetz für Transsexuelle – also Menschen, die zwar rein biologisch gesehen ein eindeutiges Geschlecht haben, sich diesem aber nicht zugehörig fühlen.

Das Gesetz sei daher Murks, sagt Dr. Kurt Seikowski. Er arbeitet als Psychologe an der Uniklinik Leipzig und betreut dort viele Inter- und Transsexuelle. "Das Gesetz wurde ja im Dezember 2018 verändert und die Politiker haben einfach nicht richtig hingehört, um was es dort gehen sollte. Ursprünglich war der Gedanke, dass es viele Menschen gibt, die sich nicht eindeutig männlich oder weiblich zuordnen wollen, deswegen divers. Der Gesetzgeber hat aber was ganz anderes daraus gemacht, er hat ein Gesetz gemacht, das nur für intersexuelle Menschen gedacht ist. Das sind nur 0,2 Prozent der Bevölkerung. Und denen ist das egal, ob sie sich als divers weiblich oder männlich bezeichnen."
 
Intersexuelle werden oft nach Geburt in eine Geschlechterrichtung operiert und sozialisiert und seien sich ihres Geschlechts oft ziemlich sicher, Transsexuelle dagegen nicht, sie würden sich häufig im falschen Körper fühlen, sagt Kurt Seikowski.

Auch Psychologe fordert anderes Gesetz

Er fordert daher, genau wie Kalle Hümpfner vom Bundesverband Trans, eine Gesetzesänderung, sodass auch Transsexuelle ihren Geschlechtseintrag ändern lassen können. "Ich würde sagen, wenn wir das Gesetz öffnen, dann rechne ich auf jeden Fall damit, dass die Zahlen zunehmen, dass es mehr Menschen gibt, die sich für den Eintrag divers entscheiden, mehr Menschen gibt, die den Eintrag streichen und die sagen, mir ist wichtig, dass da nichts steht."

Die Zahl der Inter- und Transsexuellen in Deutschland wird auf insgesamt bis zu eine Million geschätzt. Das heißt also, selbst wenn das Gesetz auch für Transsexuelle geöffnet wird, es bleibt ein Gesetz für eine Minderheit. Überflüssig sei das Gesetz aber gerade deshalb nicht. Eine demokratische Gesellschaft, so der Psychologe Kurt Seikowski, lebe davon, dass man auch Minderheiten akzeptiert.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 04. Februar 2021 | 06:50 Uhr

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