Interview mit Chemnitzer Infektiologe Affenpocken in Deutschland: "keine Pandemie in Sicht"

Vermehrt wird über Infektionen mit Affenpocken in Europa berichtet, nun auch über einen bestätigten Fall in Deutschland. Droht etwa eine neue Pandemie? Nein, sagt der Chemnitzer Infektiologe Dr. Thomas Grünewald.

 Eine elektronenmikroskopische Aufnahme zeigt das Affenpockenvirus
"Auch in den letzten Jahren gab es immer wieder Fälle von importierten Affenpocken in Europa", sagt Dr. Thomas Grünewald. Bildrechte: dpa

Bestätigter Fall von Affenpocken in Deutschland Wie das Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München mitteilte, wurde das Virus am Donnerstag (19.05.22) bei einem Patienten zweifelsfrei nachgewiesen. Der Patient habe die charakteristischen Hautveränderungen gezeigt.

Es wird von einem Affenpockenfall in Deutschland berichtet. Sind Sie überrascht?

Dr. Thomas Grünewald: Nein, überhaupt nicht. Das Virus ist z.B. in Nigeria, dem Kongo und anderen afrikanischen Ländern verbreitet. Durch die Reisebewegung kommt es dann auch in andere Teile der Erde.  Auch in den letzten Jahren gab es immer wieder Fälle von importierten Affenpocken in Europa, im Besonderen in Großbritannien. Es gab bloß kein breites mediales Interesse für das Thema.

Wer steckt sich an?

Dr. Thomas Grünewald: Wir stellen fest, dass sich besonders jüngere und Menschen mittleren Alters infizieren. Die ältere Generation ist meistens noch gegen Pocken geimpft. Die menschlichen Pocken gelten seit 1980 als ausgerottet, seitdem wird nicht mehr geimpft. Doch tierische Pockeninfektionen wie Affenpocken oder Kuhpocken, die vor allem von Nagetieren übertragen werden, treten nach wie vor und möglicherweise nun auch häufiger auf. Die Impfung hilft aber auch gegen diese Pockenvirusinfektionen. Deswegen infizieren sich eher junge Menschen. Je geringer die Immunität in der Bevölkerung, desto eher kann es in den Risikogebieten wieder zu Tierpockeninfektionen kommen.

Dr. med Thomas Grünewald Vorsitzender Sächsische Impfkommission
Dr. Thomas Grünewald ist Vorsitzender der Siko und Leiter der Klinik für Infektiologie und Tropenmedizin in Chemnitz. Bildrechte: MDR

Wie steckt man sich an?

Dr. Thomas Grünewald: Pockenviren sind über direkten Kontakt und Tröpfchen übertragbar. Wir wissen um sexuelle Übertragungen bei den humanen Pocken, so dass auch dieser Übertragungsweg möglich wäre. Entscheidend scheint aber derzeit der enge, direkte körperliche Kontakt von Erkrankten untereinander zu sein. Allerdings sind sie deutlich weniger infektiös als beispielsweise Corona-Viren. Die bisherigen Ausbrüche von Affenpocken in den USA oder Europa und auch in Afrika haben nicht zu einer pandemischen Ausbreitung geführt, was aufgrund der Übertragungsmechanismen und des seltenen Vorkommens des Erregers auch nicht überraschend ist. Das pandemische Risiko ist gering. Im Gegensatz dazu sind regionale Ausbrüche möglich.

Das pandemische Risiko ist gering. Im Gegensatz dazu sind regionale Ausbrüche möglich.

Dr. Thomas Grünewald

Der Experte Dr. Thomas Grünewald ist Leiter der Klinik für Infektions- und Tropenmedizin in Chemnitz und Vorsitzender der Sächsischen Impfkommission. Der Infektiologe beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit dem Thema Pockenvirusinfektionen.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 20. Mai 2022 | 15:00 Uhr

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