Integration Pizzabote und afghanischer Ex-Minister: Migranten werden ausgebremst

Die Taliban waren ein Grund, warum der ehemalige afghanische Minister und IT-Experte Sayed Ahmad Shah Sadaat seine Heimat verließ und nach Deutschland ging. Mit Blick auf die Lage in Afghanistan setzt er sich dennoch für Gespräche mit den Taliban ein.

Syed Ahmad Shan Sadaat steht in einer Fußgängerzone in Leipzig.
Syed Ahmad Shan Sadaat war in Afghanistan Kommunikationsminister. Derzeit sortiert er in Leipzig Pakete oder liefert Pizza aus. Bildrechte: dpa

Er möge die Leipziger Eisenbahnstraße, sagt Sayed Ahmad Shah Sadaat und kippt noch etwas Milch in seinen Kaffee. Alles wuselt und ist geschäftig. Der mittelgroße Mann ist unscheinbar und etwas schüchtern. Aber über die große Politik redet er viel. Auch über seine Arbeit als Kommunikationsminister in der afghanischen Regierung, die er 2018 nach acht Monaten im Amt aufgab. Das Regierungsmilieu sei ihm zu korrupt gewesen, erklärt er.

Bekanntheit, aber bisher kein neuer Job

Doch als es um seine Familie geht, wird er unruhig. Seine Berühmtheit sei auch gefährlich. Er oder seine Familie könnten attackiert werden. Mehr sagt er nicht.

Lieber erwähnt er die positiven Seiten seiner medialen Aufmerksamkeit: "Leute erkennen mich auf der Straße und wollen Fotos mit mir machen oder mich zum Kaffee einladen. Lieferando hat durch mich weltweit Publicity bekommen. Sie geben mir zwar nicht mehr Geld, aber sie haben gesagt, dass sie die Ohren offen halten für eine Stelle in der IT bei ihnen."

Er habe auch von außerhalb ein paar Anrufe bekommen und Bewerbungen geschickt: "Mal schauen, vielleicht habe ich Glück", sagt Sadaat.

Sadaat: Migrantinnen und Migranten ausgebremst

Mittlerweile arbeitet er nur noch einen Tag bei dem Essenslieferanten. An den anderen Tagen sortiert er Pakete bei DHL am Flughafen. Er geht es taktisch an: Rein kommen, Kontakte knüpfen und dann in die IT aufsteigen.

Syed Ahmad Shan Sadaat ist in Leipzig mit seinem Fahrrad unterwegs.
Sadaat möchte wieder als IT-Experte arbeiten und das Fahrrad – zumindest als Arbeitsmittel – wieder eintauschen. Bildrechte: dpa

Doch bisher reichen ein Masterstudium in England und 23 Jahre Berufserfahrung im IT-Bereich nicht. Ahmad Shah Sadaat findet, Deutschland bremse seine Migranten und Migrantinnen aus. Nicht nur Experten wie ihn.

Immerhin habe er durch seinen britischen Pass sehr schnell eine Aufenthaltserlaubnis bekommen. Viele Migranten und Migrantinnen müssten auf Staatskosten in Camps leben, manchmal mitten auf dem Land. Man lasse sie ewig lange auf einen Aufenthalt oder eine Arbeitserlaubnis warten. Das verstehe er nicht.

Taliban als Grund, Afghanistan zu verlassen

2020 waren die Taliban für ihn einer der Gründe, Afghanistan zu verlassen. Würden sie ihm jetzt ein Angebot auf einen Ministerposten machen – er würde es trotzdem annehmen, denn er würde seinem Land helfen wollen. So würde er seine Rolle betrachten.

Die Sicherheitslage, der Tribalismus (Anm. d. Red.: Stammestum), die Korruption, der Drogenhandel, all das sei vorher so schlimm gewesen, dass er Hoffnung darin setze, dass die neuen Machthaber mit ihrer neuen Agenda dahingehend besser seien. Er findet, man solle ihnen drei Monate einräumen.

Aus westlicher Sicht könne man vieles nicht wirklich beurteilen. Noch wolle er daran glauben, dass man mit den Taliban reden müsse. Er ist der Überzeugung: eine andere Wahl hätten weder die Afghanen noch der Westen.

"Wir müssen mit den Taliban reden"

"Einige Politiker registrieren jetzt, dass das notwendig sein wird. Auch Angela Merkel hat vor ein paar Tagen gesagt, man habe keine Wahl: Wir müssen mit den Taliban reden."

Er grinst breit, als er sagt, sie habe vielleicht eines der unzähligen Interviews gelesen oder gehört, in denen er das gesagt habe. Die Gespräche müssten "natürlich immer an Bedingungen geknüpft" sein. Aber reden müsse man.

Nur so, erklärt Sadaat, könne der Teufelskreis der letzten 40 Jahre durchbrochen werden. Er wolle Deutsch lernen und irgendwann einen IT-Job in Frankfurt oder Hamburg finden. Oder einen Posten als politischer Berater in Berlin.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 20. September 2021 | 07:51 Uhr

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