Umstrittenes Füllmaterial Zahnärzte wollen vorerst nicht auf Amalgam verzichten

Viele Menschen haben Zahnfüllungen aus Amalgam. Doch das Material ist umstritten, in der EU könnte es verboten werden. Eine Initiative will das Verbot beschleunigen – doch ausgerechnet die Zahnärzte sind skeptisch.

Ein Zahnarzt begutachtet die Zähne einer Frau, während eine Zahnarzthelferin mit einem Absauger assistiert.
Amalgam hat als quecksilberhaltiges Material für Zahnfüllungen einige Nachteile. Aber eben nicht nur. Bildrechte: dpa

Carsten Hünecke verwendet noch regelmäßig Amalgam für die Zahnfüllungen seiner Patienten und Patientinnen. Viel seltener allerdings als vor 20 oder 25 Jahren, erzählt der Magdeburger Zahnarzt. In jedem Einzelfall bespricht Hünecke Vor- und Nachteile mit den Patienten.

Ich persönlich habe Patienten, die haben Amalgamfüllungen, die sind schon 40, 50 Jahre im Mund – und ich kenne keine Kunststofffüllung, die dieses Alter erreicht und in Takt ist.

Carsten Hünecke Zahnarzt und Präsident der Zahnärztekammer Sachsen-Anhalt

Größter Nachteil ist das Quecksilber im Amalgam. Andererseits sei das Metallgemisch preisgünstig, widerstandsfähig und könne auch bei großen Löchern verwendet werden, wendet Hünecke ein. Und: "Ein Großteil der Amalgamfüllungen ist älter als zehn Jahre. Ich persönlich habe Patienten, die haben Amalgamfüllungen, die sind schon 40, 50 Jahre im Mund – und ich kenne keine Kunststofffüllung, die dieses Alter erreicht und in Takt ist."

Zahnarzt: Kommen nicht kurzfristig ohne Amalgam aus

Hünecke, der auch Präsident der Zahnärztekammer Sachsen-Anhalt ist, glaubt nicht, dass er und seine Kollegen trotz Alternativen kurzfristig ohne Amalgam auskommen. Die EU plant ein Gesetz, mit dem Dental-Amalgam bis 2030 verboten werden könnte. Einige EU-Länder steigen deutlich früher aus. In Deutschland setzen sich jetzt rund 50 Organisationen und Verbände aus Medizin und Naturschutz sowie Wissenschaftler für ein Verbot bis 2025 ein.

In der Bonner Amalgam-Erklärung verweisen sie unter anderem darauf, dass durch die Verwendung in Zahnarztpraxen giftiges Quecksilber in die Luft und ins Wasser gelange. Es geht um Umweltschutz, aber auch um die Sorge um Patienten und Praxisteams, sagt Sylvia Gabel vom Verband medizinischer Fachberufe, der den Aufruf gegen Amalgam unterstützt. "Auch wenn es ausgehärtet ist, setzt sich über Jahre Quecksilber ab. Das sind Dämpfe – und die sind auch für die zahnmedizinischen Fachangestellten gesundheitsschädlich", erklärt Gabel.

Ethische Bedenken: Amalgam ist zuzahlungsfrei

Bei Kindern bis 15 Jahre, Stillenden und Schwangeren darf Amalgam nicht verwendet werden. Ansonsten übernehmen die Gesetzlichen Krankenkassen Kosten für Füllungen in Backenzähnen nicht oder nur zum Teil, erklärt Gabel. "Wenn wir Versicherte aus sozial schwachen Familien haben, dann wird gern zu Amalgamfüllungen gegriffen, damit keine Zuzahlung für den Patienten anfällt."

Sie wünscht sich, dass die Kassen für alle auch die höheren Kosten für Kunststoff-Füllungen übernehmen. So eine Umstellung bräuchte aber Zeit, sagt Sachsen-Anhalts Zahnärztekammer-Chef Hünecke. Ein Patient müsse bei einer Kunststoff-Füllung zudem deutlich länger ausharren und die Fehlerquote beim Abdichten des Loches sei höher. Aus seiner Sicht sind die Alternativen noch nicht ausreichend erforscht. Wenn sich die Datenlage bessere und man die Vorteile der Alternativen besser nutzen könne, "werden die Zahnärzte die letzten sein, die an dem Amalgam kleben", verspricht Hünecke.

Amalgam-Füllungen nicht austauschen

In jedem Fall warnt der Magdeburger Zahnarzt davor, Amalgam-Füllungen ohne medizinischen Grund zu ersetzen. Auch beim Entfernen der Füllungen können Quecksilber-Dämpfe austreten.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 17. Juni 2021 | 06:06 Uhr

5 Kommentare

Critica vor 7 Wochen

Reuter, seit gefühlten Millionen Jahren wird Amalgam verwendet, mit Erfolg, wie sich zeigt.
Nun hat sicher wieder ein europäischer "Klugsch...(reiber) herausgefunden, wie schädlich dieses Füllmaterial vermeintlich sein könnte. Ob es das wirklich ist, wer weiß das so genau, Meines Wissens ist noch niemand an einer Amalgamfüllung erkrankt oder gestorben. Fragt Euren Zahnarzt!

Reuter4774 vor 7 Wochen

Bitte nur über Dinge reden mit denen man sich fachlich fundiert auskennt, Anni22! Sue waren höchstens als Patientin mal in einer ZA Praxis, nicht schlimm aber dann bitte kein falsches Halbwissen verbreiten! Danke!!!

Reuter4774 vor 7 Wochen

Nein! Amalgam ist das haltbare Füllungsmaterial überhaupt, hält ähnlich lange wie eine Krone. Das schafft kein Kunststoff ( Stärke des menschlichen Kaudruckes). Und eine falsche Mischung ( Quecksilberanteil) wird durch maschinelle Anmischen ( nicht mehr per Hand) vermieden. Ich selbst nehme jederzeit Amalgam wann immer das geht, in der Front leider nicht, würde dafür auch zu zahlen.
Eine Zahnmedizinische Fachangestellte.

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