Aufbruch und Umbruch im Osten Mut zur Veränderung und Gelassenheit – und große Probleme

Nastassja von der Weiden
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Eine qualitative Studie zu ostdeutschen Kommunen des Berliner Instituts für Bevölkerung und Entwicklung betont, dass im Osten Mut zur Veränderung und Gelassenheit herrscht. Aber Abwanderung der jungen Generation, Überalterung und Leerstand sind große Probleme, die bearbeitet werden müssen. Nur wie?

Oma im Rollstuhl lächelt Enkelkind an.
In vielen ostdeutschen Kommunen fehlt die "Zwischengeneration", also junge bis mittelalte, engagierte Menschen. Bildrechte: imago/Westend61

Sind Kommunen im Osten krisenfester?

Ostdeutsche Kommunen haben in den letzten 30 Jahren zahlreiche Strukturbrüche und Krisen erlebt – und mussten handeln. Vorbilder oder fertige Lösungen gab es nicht, woher auch?

Eine Studie des Berliner Instituts für Bevölkerung und Entwicklung fragt deshalb: Wie lösen Sie ihre Probleme und Aufgaben? Und: Sind Ostdeutsche auf dem Land durch die zahlreichen Probleme besonders krisenfest und gut gewappnet für Herausforderungen?

Die Protagonistinnen und Protagonisten von "East Side Stories" 45 min
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Abwanderung von jungen Menschen großes Problem

Ein Ergebnis der Untersuchungen ist, dass eine immer älter werdende Gesellschaft ohne Nachwuchs und der wirtschaftliche Strukturwandel mitunter die größten Probleme des Ostens sind. Vor allem ist damit der Verlust von Arbeitsplätzen und die daran anschließende Abwanderung von Menschen im jungen und mittleren Alter gemeint.

Für einige der in der Studie befragten Bürgermeisterinnen und Bürgermeister fühlt es sich so an, dass in den 1990er und 2000er Jahren eine ganze Generation verschwunden ist:

"Es ist die Gruppe jener, denen damals als einzige Option für einen Berufsstart, generell für einen Lebensstart der Umzug nach Niedersachsen, nach Kanada oder sonst wohin blieb", erzählt Frank Schütz aus der Gemeinde Golzow in Brandenburg. Diese Generation fehle und werde auch nicht zurückkommen.

Diese Menschen fehlen als Fachkräfte, als Steuerzahler, aber auch als ehrenamtlich engagierte Menschen schmerzlich, schreiben die Macherinnen und Macher der Studie.

Klassenzimmer leerten sich in den 2000ern

In den ostdeutschen Ländern ging die Anzahl an Schülerinnen und Schülern vor allem in den 2000er Jahren als Folge des Geburteneinbruchs und der Abwanderung zunächst in den Keller.

Ein solches Beispiel ist auch Nordhausen in Nordthüringen: 1990 hatte die Stadt noch 52.700 Einwohner, 2020 waren es nur noch 41.300. Und rund 27 Prozent der Bevölkerung zählen 65 Jahre oder mehr.

In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sank die Schülerzahl in den 2000er Jahren jedoch am stärksten, in einem Jahrzehnt um knapp die Hälfte. Seit Ende 2009, Anfang 2010 legen die Schülerzahlen überall zwischen Rügen und dem Erzgebirge wieder zu, während sie mit Ausnahme der Stadtstaaten Berlin und Hamburg zwischen Nordsee und Alpenrand abnehmen, wenn auch in einem geringeren Ausmaß.

Wohnraum nur in Ausnahme-Ost-Städten umkämpft

Und auch ein städtebauliches Problem ergibt sich aus dem viel zitieren demografischen Wandel. Der Leerstand von Wohnungen und Häusern muss bewältigt werden. Was Städterinnen und Städter sich sehnlichst wünschen, ist im Osten Deutschlands, vor allem in ländlichen Regionen, nämlich ein Problem: freie Wohnungen.

Mit Ausnahme einiger wachsender Städte wie Leipzig, Dresden oder Potsdam ist Leerstand für den ostdeutschen Wohnungsmarkt bis heute eine Herausforderung. Bundesweit sind rund vier Prozent aller Wohnungen unbewohnt, in abgelegenen ländlichen Gebieten und vom Strukturwandel betroffenen Regionen stehen zum Teil mehr als zehn Prozent der Wohnungen leer.

Laut einer aktuellen Prognose des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung könnte sich die Problematik gerade im Osten noch einmal verschärfen, da sich dort durch Alterung und Sterbeüberschuss bis 2040 die Zahl der Haushalte um zehn Prozent verringern dürfte.

Komplexe Fragen nicht einfach zu beantworten

Und nun? Die Studie zeigt die Probleme in den untersuchten Kommunen auf und legt den Finger in die Wunde.

Viele Gespräche und etliche Auswertungen wurden durchgeführt. Aber "von Strategien zum Umgang mit der gesellschaftlichen Alterung, einem zentralen Aspekt des demografischen Wandels, ist erstaunlich selten die Rede", schreiben die Autorinnen und Autoren.

Probleme lösen sich von selbst?

Einige der zwölf Kommunen in dieser Untersuchung verzeichnen inzwischen wieder mehr Geburten und Zuzug, nicht nur von Städtern, die sich gezielt für ein ländliches Lebensumfeld entscheiden, sondern auch von Zurückkehrenden.

Es gebe deshalb eine Hoffnung, der demografische Wandel lasse sich zumindest auf dem eigenen Gemeindegebiet aufhalten. Alle Daten sprechen jedoch dafür, dass sich nach dem aktuellen demografischen Zwischenhoch der Trend fortsetzt: In Deutschland insgesamt und verschärft im Osten wird die Bevölkerung älter und weniger.

Zuwanderung könne den demografischen Wandel nicht aufhalten, aber zumindest etwas abmildern, halten die Autorinnen und Autoren fest. Mit Zuwanderung ist aber gerade in Ostdeutschland mit seiner schwächeren Wirtschaftsstruktur wohl eher kaum zu rechnen. Das habe auch die Zuwanderungszeit 2015/16 gezeigt, denn Geflüchtete seien selten im Osten sesshaft geworden.

"Von Umbrüchen und Aufbrüchen"-Studie Das Berlin-Institut hat für seine aktuelle Veröffentlichung zwölf kleine bis mittelgroße ostdeutsche Kommunen näher unter die Lupe genommen, von Dobbertin in Mecklenburg-Vorpommern bis Seifhennersdorf in Sachsen.

In den Dörfern und Städten haben die Autorinnen und Autoren der Studie mit gegenwärtigen und ehemaligen Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern, Gemeinde- und Stadtratsmitglieder sowie zivilgesellschaftlichen Akteuren aus Vereinen, Hochschulen und Unternehmen gesprochen. Sie wollten wissen, wie die Erfahrungen der Nachwendejahre und der Umgang mit wiederkehrenden Umbrüchen sie geprägt haben und welche Ansätze und Lösungen für ihre Kommunen daraus entstanden sind.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 06. Oktober 2021 | 10:30 Uhr

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