Rohstoffmangel Auch Autoreifen werden deutlich teurer

Die Temperaturen steigen, die Autofahrer wechseln von Winter- auf Sommerreifen. Wenn die Reifen runtergefahren sind, wirds teuer. Die Preise bei manchen Herstellern sind jetzt schon um 15 Prozent gestiegen und das ist noch nicht das Ende, wie die Reifenindustrie prophezeit. Wird Autofahren jetzt bald zum Luxus für wenige, die es sich noch leisten können?

Autoreifen beim Wechsel von Sommerreifen auf Winterreifen.
In den nächsten Wochen steht der saisonbedingte Reifenwechsel an. Bildrechte: IMAGO / Kirchner-Media

Die Bezinpreise sind horrend gestiegen, jetzt erhöhen sich auch noch massiv die Preise für Reifen. Wer nicht aufs Autofahren verzichten kann, muss künftig noch mehr Kosten dafür einplanen. Die Gründe sind vielfältig – zum einen sind es die immens gestiegenen Rohstoffpreise, beispielsweise für Naturkautschuk, aber auch der Zusammenbruch ganzer Lieferketten durch die Corona- Pandemie. Der Krieg in der Ukraine und die Sanktionen gegen russische Rohstoffe werden die Preisentwicklung weiter verschärfen, fürchten Branchenkenner.

Ab April ziehen die Reifenpreise massiv an

Die Reifenhersteller in Deutschland ziehen die Preise an. Bei den Händlern und Werkstätten ist das schon länger bekannt und angekündigt. Alle Reifen-Marken werden teurer. Die Hersteller verweisen auf den starken Anstieg der Energie- und Rohstoffpreise, aber auch Transport- und Logistikkosten, die immer weiter in die Höhe gehen.

Henry Schniewind, Pressesprecher der "Continental Reifen Deutschland GmbH" erklärte gegenüber dem MDR: "Veränderungen der Produktionskosten, so z. B. durch steigende Rohmaterialpreise, können wir uns nicht entziehen und haben sie daher konstant im Blick. Je nach regionalen Gegebenheiten entscheiden wir individuell über notwendige Preisanpassungen. Eine pauschale Aussage über die Entwicklung von Reifenpreisen können wir nicht treffen".

Veränderungen der Produktionskosten, so z. B. durch steigende Rohmaterialpreise, können wir uns nicht entziehen.

Henry Schniewind, Continental Reifen Deutschland GmbH

Henry Schniewind
Henry Schniewind ist Pressesprecher bei der Continental Reifen Deutschland GmbH. Bildrechte: Continental

Vom Reifendienst Pneuhage, der deutschlandweit 93 Filialen betreibt, erfährt der MDR, dass die Reifenhersteller in den letzten Monaten die Preise unterschiedlich erhöht haben. Das sei bereits 2021 mitgeteilt worden. Auch gesagt wurde: Es sind jedoch für die nächsten Monate bereits weitere Erhöhungen angekündigt. Als Gründe werden durchweg gestiegene Energie, Prozess-,  Rohstoff- und Logistikkosten genannt.

Preissteigerungen bei Rohstoffen, Öl, Energie, Import

Die Rohstoffe, die für die Herstellung von Reifen benötigt werden, sind unter anderem Kautschuk, Industrieruß und Stahlcord. Die Beschaffungskosten für Kautschuk waren schon in den letzten Jahren immer weiter angestiegen. Sie lagen 2021 schon mehr als 50 Prozent über denen des Vorjahres. Während der Pandemie waren Lieferketten zusammengebrochen, beispielsweise aus Asien. Dazu kommt noch der gestiegene Ölpreis und dieser erhöht wiederum die Herstellungskosten, der auf petrochemischer Basis hergestellten synthetischen Kautschuke.

Rohstoffe aus Russland fehlen

Ein weiterer wichtiger Rohstoff ist Industrieruß. Ruß ist ein elementarer Bestandteil vieler Reifenmischungen. Durch die Verwendung von hochwertigem Ruß kann die Leistungsfähigkeit von Reifen gezielt verbessert werden. Dieser Rohstoff wird unter anderem aus Russland importiert. Seit Kriegsbeginn sind die Lieferwege durch die Ukraine abgeschnitten. Für "Continental" bedeutet das etwa, so Sprecher Henry Schniewind, dass neue Bezugsquellen erschlossen werden müssen. "Für unsere Reifenproduktion haben wir bisher bestimmte Rohmaterialien (so. z.B. Ruß oder Stahlcord) unter anderem aus Russland bezogen. Angesichts des Krieges in der Ukraine haben wir die Rohmaterialbeschaffung aus Russland auf ein Minimum reduziert und bereits alternative Lieferanten aus anderen Ländern aktiviert." Das geht normalerweise nicht innerhalb weniger Wochen, sagt der Unternehmenssprecher.

Angesichts des Krieges in der Ukraine haben wir die Rohmaterialbeschaffung aus Russland auf ein Minimum reduziert und bereits alternative Lieferanten aus anderen Ländern aktiviert.

Henry Schniewind, Continental Reifen Deutschland GmbH

Die europäischen Reifenwerke würden zwar noch produzieren, jedoch, so "Continental", verschärfe sich die Versorgungslage der für die Reifenproduktion in Europa notwendigen Rohmaterialien angesichts der verhängten Sanktionen weiter. Bei "Continental" wurden deshalb entsprechende Notfallpläne aktiviert, die Sicherheitsvorräte und alternative Lieferanten umfassen.

Die Händler schlagen drauf

Petra Lauber, Medienbeauftragte der Pneuhage Unternehmensgruppe, räumt gegenüber dem MDR ein: "Als Händler müssen wir diese Erhöhungen leider auch weitergeben. Aber bei Preisproblemen haben wir die Möglichkeit, innerhalb unseres Sortiments alternative Marken anzubieten." Nicht zuletzt werde die Kundenzufriedenheit nicht nur durch den Preis, sondern über professionelle Beratung erreicht. Das Ziel sei es, der Kundschaft auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten, die qualitativ und preislich passende Bereifung anzubieten.

Als Händler müssen wir diese Erhöhungen leider auch weitergeben, aber bei Preisproblemen haben wir die Möglichkeit, innerhalb unseres Sortiments alternative Marken anzubieten.

Petra Lauber, Pneuhage Unternehmensgruppe

Preisvergleiche lohnen sich

Dass die Preissteigerungen voll an den privaten, wie auch an den gewerblichen Nutzer weitergegen werden, das bestätigte auch Stephan Helm, Vorsitzender des BRV (Bundesverband Reifenhandel und Vulkaniseur-Handwerk). In welcher Höhe, das entscheidet der Markt. Da es aber auch bei Reifen derzeit zu Engpässe kommt, steht zu befürchten, dass einige Händler nochmal ordentlich draufschlagen beim Preis, weil es die Nachfrage zulässt. Wie teuer es letztlich wird, ist regional unterschiedlich und abhängig von den jeweiligen Marktbedingungen. Deshalb lohnt es sich, die Preise zu vergleichen.

Die Reifenbranche in Mitteldeutschland

Der MDR hat sich bei Reifenherstellern und -händlern in Mitteldeutschland umgehört. Der Familienbetrieb "Reifen-Lorenz" betreibt 22 Filialen in Deutschland, auch in Leipzig, Gera, Erfurt und bei Zeitz. An den Standorten gibt es nicht nur Reifen aller Art zu kaufen, es werden auch Altreifen recycelt und KFZ-Service angeboten. Im Unternehmen hat man sich auf die veränderten Marktbedingungen eingestellt. Der Händler arbeitet mit vielen großen Marken zusammen und hat sich bevorratet.

Studioaufnahme eines Stapels Reifen.
Händler haben Reifen auf Vorrat gekauft. Bildrechte: imago images / imagebroker

Die Lager seien voll, so der Juniorchef. Der Betrieb hätte im vergangenen Jahr pandemiebedingt Probleme gehabt, ausreichend Ware zu bekommen. Das sieht offenbar dieses Jahr anders aus, die Lieferschwierigkeiten seien geringer, als befürchtet. Geschäftsführer Maximilian Lorenz: "Die Lage ist angespannt, aber nicht dramatisch. Die Preise sind gestiegen, aber wir bekommen Nachschub".

Die Preisentwicklung sieht Maximilian Lorenz mit Sorge. Da müsse die Politik vielleicht kurzfristig gegensteuern. Er sei kein Politiker, aber "Mobilität dürfe kein Luxusgut sein. Für viele Menschen, gerade auf dem Land, ist das Auto unverzichtbar".

Maximilian Lorenz
Maximilian Lorenz führt den Familienbetrieb in vierter Generation. Bildrechte: Reifen-Lorenz

Mobilität dürfe kein Luxusgut sein.

Maximilian Lorenz, Fa. Reifen-Lorenz

Für die Kundschaft hat der Händler einige Tipps parat, um beim Reifenkauf Geld zu sparen. Beispielsweise lohne es sich, vor Saisonbeginn nach den passenden Reifen zu suchen: also Sommerrreifen ab Mitte Februar und Winterreifenn im September. Außerdem, so der Tipp des Fachhändlers, solle man immer saisongerechte Bereifung fahren. Das heißt, Sommerreifen im Sommer und Winterreifen in der kalten Jahreszeit. Von Ganzjahresreifen rät er ab: Die nutzen sich deutlich schneller ab und das verstärkte Profil verbraucht mehr Sprit.

Verbrauchertipp Bevor man kauft, sollte man sich genau über die Produktpalette der Händler informieren und dementsprechend nachfragen. Angebote vor Saisonbeginn einholen.

Auch Motorradreifen werden bis zu 15 Prozent teurer

Ab Mai wird auch der Reifenhersteller im Reifenwerk-Heidenau die Preise um bis zu 15 Prozent erhöhen müssen.

Ein Motorroller
Im Werk Heidenau werden Reifen für Zweiräder produziert Bildrechte: Reifenwerk Heidenau

Das Grundproblem ist auch hier die Beschaffung von Material für die Fertigung. Beim mittelständischen Traditionsunternehmen, dass schon zu DDR-Zeiten Reifen für Simson und MZ-Motorräder hergestellt hat, sind die Auftragsbücher voll, aber die Lager leer. Vetriebsleiter Pierre Schäffer sagt: Die Produktion sei erstmal bis Ende Mai gesichert. Bis dahin müsse man neue Wege auftun, um die Rohstoffe, die bisher aus Russland und der Ukraine kommen, über andere Lieferanten zu beziehen. "Das wird schon klappen", gibt sich der Vertriebsleiter zuversichtlich.

Allerdings sei ein Ende der Preisspirale nach oben noch nicht absehbar. Die Veränderungen am Weltmarkt haben nicht nur Material und Rohstoffe verknappt, es haben auch nahezu alle Lieferanten ihre Preise erhöht. Beispielsweise sind die Verpackungen aus Karton deutlich teurer, die Transportkosten sind gestiegen und nicht zuletzt die Energiepreise.

Die Botschaft an die Kundschaft: Man wird nicht mehr immer sofort den Reifen bekommen, den man fahren möchte und die Kunden müssen sich auf weitere Preisteigerungen einstellen.

Foto Motorradreifen
Das ist das Reifenwerk Heidenau aus der Luft aufgenommen. Bildrechte: MDR-Wrtschaft

Recycling von Altreifen

Wenn Rohstoffe immer knapper werden – warum verwendet man Altreifen nicht einfach zweimal? Bei Mehrwegflaschen geht das ja auch. Im sächsischen Mülsen bei Zwickau werden seit 18 Jahren ausgediente Reifen verarbeitet. Nach Unternehmensangaben der Mülsener Handels- und Rohstoff GmbH wurde anfangs das Granulat als Brennstoff genutzt; heute entstehen daraus ressourcenschonende und recyclebare Gummimatten für zahlreiche Einsatzgebiete.

Einsatzgebiete sind:

  • Gummiindustrie (Zumischungen)
  • Sportstättenbau, Freizeitbau (Einstreugranulate für Kunstrasen, Rohstoff für Elastikbeläge)
  • Straßenbau (Bitumenverarbeitung)
  • Bauchemie

Die Altreifen werden direkt vom Reifenhändler oder von der Kfz-Werkstatt abgeholt. Im Zwischenlager werden die Altreifen sortiert. Wiederverwertbare Reifen gehen in die Aufbereitung, und Schrottreifen werden umweltschonend zu Granulat verarbeitet.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 31. März 2022 | 21:45 Uhr

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