Sachsen Ein Landwirt, der Arten rettet

Wenn wir in den nächsten Jahrzehnten so weitermachen, dann verlieren wir eine Million Arten. Davor warnen Wissenschaftler. Artensterben gehört zur Evolution, doch derzeit sterben die Arten rasant schnell. Der Täter ist der Mensch. Doch es gibt auch Menschen, die dagegen kämpfen – und trotzdem von ihrer Arbeit leben können.

Bio-Bauer Hans Joachim Mautschke vom Gut Krauscha bei Görlitz.
Hans Joachim Mautschke kämpft auf seinem Hof bei Görlitz gegen das Artensterben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Der Systemwechsel muss von der Gesellschaft kommen. Die Gesellschaft muss es wollen", sagt Hans Joachim Mautschke. Der Biolandwirt ist mit seinem Engagement für die Arten eine Seltenheit in der großen Welt der Landwirtschaft, sogar unter den Bio-Bauern. Gegen das Artensterben vorzugehen, und wirtschaftlich zu arbeiten, das widerspreche sich nicht, findet er. Dafür holt er sich auch einen Vogelkundler und einen Biologen auf seinen Hof im Dorf Neißeaue bei Görlitz.

Braunkehlchen mit seiner Brut.
Ein Braunkehlchen füttert seinen frisch geschlüpften Nachwuchs. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bei seinen Kühen hat Hans Joachim Mautschke Braunkehlchen gesehen. Anschließend hat er einen Zaun gebaut, damit die Kühe vom Nest wegbleiben. "Ja, die Braunkehlchen sind eine Art, die uns in ganz Mitteleuropa ganz große Sorgen macht", sagt Biologe Sven Büchner. Entgegen diesem Absturz gebe es Hoffnung, dass es auch "ein positives Beispiel gibt". Hans Joachim Mautschke "ist der Einzige, mit dem man zusammenarbeiten kann, ohne sofort übergeordnete Behörden einzuschalten", sagt Vogelkundler Steffen Koschkar. Es geschehe freiwillig. "Das ist für mich grandios."

Der Biologe, der Vogelkundler und der Landwirt arbeiten zusammen und versuchen Lösungen zu finden, die für alle Seiten passen. "Er muss mit seinem Betrieb Geld verdienen und gleichzeitig sollen die Arten bleiben", sagt Biologe Sven Büchner.

Konventionelle Landwirtschaft: Kein Platz für Insekten

Eines der Probleme: Fast überall sind die Böden ausgelaugt, mit Chemie behandelt. Wiesen werden fünfmal im Jahr gemäht, keine Blüte bleibt übrig, kein Insekt für das Überleben der Vögel. Anfang des Jahres hat das Bundesamt für Naturschutz alarmierende Zahlen des Vogelsterbens in Deutschland veröffentlicht: Zwischen 1992 und 2016 sind mehr als sieben Millionen Vogelbrutpaare verloren gegangen. Das sind acht Prozent aller heimischen Vögel in einen Zeitraum von weniger als 20 Jahren.

Doch erst die Corona Pandemie hat das Artensterben in die Chefetagen gehievt. "Artenschutz ist Gesundheitsschutz", denn die Viren werden von Wildtieren übertragen, die ihren Lebensraum verloren haben. Das hatte die gelernte Wissenschaftlerin Angela Merkel in einer Konferenz verkündet.

Angela Merkel: Artenschutz ist Gesundheitsschutz

Professor Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung.
Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung berät die Bundesregierung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Viren werden von Wildtieren übertragen, in deren Lebensräume der Mensch eindringt, sagt Professor Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle. Er war Mitvorsitzender im Internationalen Biodiversitätsrat und einer der Autoren eines bahnbrechenden Berichts über den Zustand der Ökosysteme. Heute berät er die Bundesregierung. "Auf die jetzige Pandemie werden noch gravierendere, auch tödlichere Pandemien folgen, wenn es nicht gelingt, hier gegenzusteuern", so Settele. Dafür müsse der Umgang mit der Natur entsprechend verändert werden.

Hans Joachim Mautschke gibt auf seinem Gut Krauscha 20 Leuten Arbeit. Auf seinem Hof hat er 365 Hektar Land zur Verfügung. 120 Hektar lässt er als Grünland, auf dem Rest baut er an. Sein Betrieb verarbeitet auch Produkte anderer Bioland-Bauern aus der Region. Damit sichert er sich schon mal die Hälfte der Betriebskosten, und kann sich so mehr dem Artenschutz widmen.

So lässt er einen mehrere Meter breiten Grünstreifen stehen, damit die Vögel in Ruhe schlüpfen können. Es klingt so einfach, doch es bedeutet viel Koordination: Wann kann er mit dem Gras rechnen, das er für die Mutterkühe braucht? Wann genau werden die Vögel schlüpfen? Wird es inzwischen regnen, so dass das Gras nicht mehr eingeholt werden kann? Für Heuschrecken, Bienen und andere Insekten ist der Streifen ein Paradies und so auch für Vögel ein gedeckter Tisch.

Ein Vogel 30 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Muss der Verbraucher am Ende zahlen?

"Ich werde für die Effektivität meiner Produktion bezahlt, nicht für die Umwelt", sagt Dirk Andresen. Er ist konventioneller Groß-Landwirt und hat an der Schlei in Schleswig-Holstein einen Betrieb mit 160 Hektar und in Mecklenburg-Vorpommern einen zweiten mit 1600 Ha. Für eine extra Leistung dürfe man auch eine extra Bezahlung verlangen, findet er.

Landwirt Dirk Andresen hat einen Betrieb an der Schlei in Schleswig-Holstein.
Dirk Andresen ist konventioneller Groß-Landwirt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Er baut Mais für seine Biogasanlage an. Mais als Energieerzeuger, Verstromung von Lebensmitteln, das ist umstritten. Zwar geht es um Grünenergie, aber auf Kosten der ausgelaugten Böden und der Artenvielfalt. Doch Mais ist effizienter als für den Artenschutz dringend notwendige Mischkulturen. "Wenn ich die Biogasanlage füttere, dann kriege ich irgendwann mehr Strom raus", sagt Bauer LandwirtDirk Andresen. "Aber wem stellen wir für Biodiversität die Rechnung?" Wenn er diese Rechnung nicht stelle, würde die Landwirtschaft in Deutschland verschwinden.

"Das ist der Hintergrund", sagt der Landwirt. Es würde nicht mehr ausreichend bezahlt. "Egal ob es jetzt Getreide oder andere Produkte sind. Es reicht nicht mehr aus." Die Bauern hörten auf, weil sie nicht genug Geld verdienten.

Der Verbraucher gibt im Moment nur zehn Prozent seines Einkommens für Lebensmittel aus. Aber eine Umweltleistung bezahlt er nicht.

Dirk Andresen Landwirt

EU will großen Wandel

Der Wandel soll deshalb auch auf politischer Ebene unterstützt werden – in Brüssel wurde er groß angekündigt. Dafür sollen in den nächsten sieben Jahren 100 Milliarden Euro bereitgestellt werden. "Green Deal" nennt Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen das zentrale Projekt ihrer Amtszeit.

Der Green Deal sieht vor, den Niedergang der Arten bis 2030 zu stoppen: 30 Prozent der EU-Fläche sollen 2030 unter verschärftem Schutz stehen. Und bis dahin auch ein Viertel der gesamten landwirtschaftlichen Flächen ökologisch bewirtschaftet werden. Der Einsatz von chemischen und bedenklichen Pflanzenschutzmitteln soll halbiert werden. Die Mitgliedstaaten sollen dafür sorgen, dass 30 Prozent der bedrohten Arten 2030 nicht mehr im Bestand gefährdet sind. Es ist eine große Vision.

Kleine Dinge können Großes bewirken

Doch auch "die Gesellschaft muss es wollen und sagen: Wir möchten das nicht mehr", sagt Bio-Bauer Hans Joachim Mautschke. Er schützt auf seinem Hof und seinen Feldern nicht nur Vögel, sondern auch Insekten und Wildkräuter.

Eine dunkle Wildbiene mit rot-braunem Hinterleib und langen Fühlern sitzt an einer Holzwand
In Sachsen gibt es über 400 Arten von Wildbienen. (Symbolbild) Bildrechte: MDR/Ulrike Kaliner

"In Sachsen haben wir circa 410 Wildbienenarten. Von diesen 410 Arten haben wir hier auf dem Gut Krauscha schon etwa 90 Arten nachgewiesen", sagt Biologe Andreas Scholz. Mit dem Wildbienen-Spezialisten arbeitet der Landwirt ebenfalls zusammen. "Entscheidend für die Artenvielfalt ist einmal die Vielfalt an landwirtschaftlichen Kulturen und entsprechende Strukturen", sagt Andreas Scholz. Dabei gehe es etwa auch um schmale Pflugfurchen: Der Bio-Bauer lasse sie stehen, der konventionelle Landwirt ziehe sie glatt. "Eine winzig kleine Struktur kann in der Landschaft sozusagen ganz viel bewirken."

Mit insgesamt vier Wissenschaftlern feilt der Biobauer immer daran, was er auf seinem Gut noch besser machen kann. "Wir bauen an alle gängigen Getreidesorten, wir bauen an Lupinen, Erbsen, Wicken, und wir arbeiten viel mit Sonderkulturen", sagt Hans Joachim Mautschke. Doch das sei alles noch in der Versuchsphase und könnte noch nicht "mit Stolz gezeigt" werden. 

Allerdings entsteht so eine Vielfalt, die sich gegenseitig bedingt und nicht nur den Braunkelchen zugutekommt. "Es ist alles zu wenig noch in dieser großen Welt", sagt der Biobauer. Doch auf den Feldern von Hans Joachim Mautschke haben im vergangenen Jahr neun Braunkehlchen-Paare gebrütet.

Quelle: MDR exakt/ mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt - die Story | 02. Juni 2021 | 20:45 Uhr

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