Nachhaltiges Bauen Suhler Firma setzt auf Bausteine aus Wüstensand

Eine Firma aus dem thüringischen Suhl hat Betonbausteine aus Wüstensand und Plastik entwickelt. Diese kann man wie Legosteine zusammenstecken und miteinander verschrauben. Polymerbausteine könnten das Bauen so wesentlich günstiger machen. Das Unternehmen erwartet eine baldige Zulassung.

Die neuen Baustoffe, die die Firma Polycare aus dem thüringischen Suhl-Gehlberg entwickelt hat, muten im ersten Moment wie eine Mischung aus Bauklötzen und schwedischem Möbelhaus an. Die Polymerbausteine werden aus Wüstensand und recyceltem Plastik hergestellt und bieten so eine nachhaltige Alternative zu herkömmlichen Baustoffen. Denn für die geht langsam aber sicher das Material aus. Weltweit kommt es schon immer wieder zu Engpässen bei den Lieferungen von Betonsand. Wüstensand zu nutzen, ist ein völlig neuer Weg, denn er ist meistens eher rund beschaffen und Bausand braucht eine kantigere Struktur, um stabil zu sein.

Haus aus Polymerbaustoffen Umschau
Hier wird mit Polymerbausteinen ein Haus errichtet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wüstensand als Rohstoff reichlich vorhanden

Durch die Verbindung von Wüstensand, dem als Bindemittel eingesetzten Harz und recyceltem Plastik kann das Unternehmen Polycare aber jetzt Baustoffe herstellen, die die Ressource Wüstensand nutzen. Und davon ist reichlich vorhanden: Ein Sechstel der Erdoberfläche ist mit Wüsten bedeckt.

Die Herstellung der Polymerbausteine ist nicht nur umweltfreundlicher als herkömmlicher Beton sondern auch günstiger. Schon nach 20 Minuten ist die Mischung aus Sand und Harz ausgehärtet. Und für den Verbraucher gibt es auch klare Vorteile: Er kommt ohne Mörtel, Wasser und Strom aus. Die einzelnen Elemente sind zudem noch leicht und bedürfen nicht des Einsatzes von Maschinen.

Gerhard Dust
Gerhard Dust hat Polycare in Suhl gegründet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Langfristig ressourcenschonend bauen

Die Gebäude werden mit einer speziellen Software komplett geplant und bis auf das letzte Teil genau ausgeliefert: "Wir haben nicht zu viel und nicht zu wenig. Dadurch entsteht eben auch fast überhaupt kein Abfall", erzählt Benedikt Musiol. Er ist Entwicklungsingenieur bei Polycare. Das Stecksystem ist auch für Laien verständlich und muss nach der Nutzung nicht abgerissen werden, sondern kann wieder auseinandergenommen und wiederverwendet werden. Damit kann auch langfristig ressourcenschonend gebaut werden, denn die Baustoffe sind an anderer Stelle wieder einsetzbar. So ist auch eine Menge Bauschutt vermeidbar. "Alle Halden der Welt bestehen zu mindestens 40 Prozent aus Bauschutt", betont Polycare-Firmengründer Gerhard Dust. Das müsse sich unbedingt ändern.

Wir können nicht weiter so machen, dass wir etwas herstellen, jemand es nutzt und dann wegwirft. Wir brauchen eine Kreislaufwirtschaft.

Polycare-Firmengründer Gerhard Dust

Der Hersteller sei auch für den Lebenszyklus verantwortlich. Am Ende des Lebenszyklus, wenn der Nutzer die Ware nicht mehr braucht, müsse sie zum Hersteller zurückgehen können.

Preisersparnisse beim Bauen von bis zu 40 Prozent – laut Firmenangaben

Das Unternehmen erwartet noch in diesem Jahr die Zulassung seines neuen Baustoffes für Deutschland. Das könnte hierzulande eine Preisrevolution im Bau bedeuten. "Wenn man unser Bausystem vergleicht mit den herkömmlichen Bausystemen, werden wir in der Größenordnung 30 bis 40 Prozent günstiger liegen", prohezeit Polycare-Firmengründer Gerhard Dust.

Forscherin unterstreicht innovativen Ansatz

Professorin Andrea Osburg hat an der Bauhaus-Universität Weimar den Lehrstuhl für Bauchemie und Polymere Baustoffe inne. Der Polymerbeton von Polycare geht für sie ganz neue Wege – mit der Flexibilität im Bauvorgang, bei der Möglichkeit des Abbaus und der Wiedererichtung der Gebäude an einem anderen Ort: "Und das mit Baustoffen, mit Ressourcen, wie sie jeweils vor Ort vorhanden sind. Dass ich keinen Industriesand habe, sondern dass ich Ab-Produkte verwenden kann, zum Beispiel auch Wüstensande. Das ist von diesem Ansatz her tatsächlich neu."

Professorin Andrea Osburg Umschau
Andrea Osburg forscht an der Bauhaus-Universität Weimar auch an polymeren Baustoffen. Das Produkt von Polycare gehe neue Wege, sagt sie. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dass errichtete Bauten wieder zerlegt und an anderer Stelle neu aufgebaut werden können, hat die Belegschaft von Polycare anhand eines fünf Jahre alten Musterhauses gezeigt, aus dessen Steinen ein neues entstanden ist. Das ließe sich nach Firmenangaben auch wiederholen und auch dieses Haus könne einfach auseinandergebaut und an jeder beliebigen Stelle wieder aufgebaut werden.

Bauprojekt in Namibia

Gunther Plötner ist der Erfinder der neuen Polymerbausteine. Mehr als zehn Jahre hat er an seinem Werkstoff herumgetüftelt. Er konnte Gerhard Dust von seiner Innovation überzeugen. 2017 machte der sich mit Polycare auf den Weg ins über 8.000 Kilometer entfernte Windhoek, um dort vor Ort zu helfen, die Wohnsituation zu verbessern. In der Hauptstadt Namibias lebt zirka ein Drittel der Bevölkerung in sogenannten informellen Siedlungen. Das sind rund 100.000 Menschen, die in Ansammlungen von Wellblechhütten und ohne jegliche Infrastruktur leben. Namibia will das mit einem ambitionierten Bauprogramm ändern.

Gunther Plötner
Gunther Plötner ist der Erfinder des neuartigen Bausystems. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Suhler Firma Polycare hat mittlerweile am Rande der Hauptstadt eine Fabrik, in der 30 Männer und Frauen aus dem namibischen Wüstensand die Polymerbausteine herstellen. Das sind unausgebildete Menschen, die zum ersten mal auch wirklich einen guten Job gefunden haben. Dieses Team produziert pro Tag so viele Steine, dass man davon etwa ein Haus von etwa 60 Quadratmeter Größe bauen kann.

Wohnsiedlung in Windhoek Umschau
In Windhoek leben rund 100.000 Menschen in zusammengewürfelten Wellblechhütten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | UMSCHAU | 09. Februar 2021 | 20:15 Uhr

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