Krankenversicherung Krankenkassen erhöhen Beiträge unterschiedlich

Porträtaufnahme einer weißen Frau mit zurückgebundenen Haaren, einer großen Brille und grüner Bluse
Bildrechte: Tobias Thiergen

Ob gesetzlich oder privat versichert, im kommenden Jahr dürfte es vielen Menschen gleich ergehen: die Krankenkassenbeiträge steigen. Die Beiträge steigen aber unterschiedlich stark und aus verschiedenen Gründen.

Ärztliches Attest
Besonders für Debeka-Versicherte wird es im kommenden Jahr teurer werden. Bildrechte: imago/McPHOTO

Dieser Sprung dürfte im Geldbeutel von Debeka-Versicherten deutliche Spuren hinterlassen: Der größte deutsche Privat-Versicherer erhöht die Beiträge um sage und schreibe 17 Prozent. Vor allem für Selbstständige, die anders als Beamte den kompletten Versicherungsbeitrag selbst stemmen müssen, dürfte das ein ziemlicher Schlag sein, gerade in Zeiten der Corona-Krise.

Ist die Beitragserhöhung auch eine Folge von Corona? Nein, sagt Debeka-Sprecher Gerd Benner. Grundlage der Berechnungen sei das Jahr 2019.

Keine Anpassung seit vier Jahren

Benner sagt: "Der Hauptgrund liegt darin, dass wir die Beiträge nicht so anpassen können, wie wir das wollen - sprich, vielleicht jedes Jahr oder jedes zweite Jahr moderat. Vielmehr gebe der Gesetzgeber vor, "dass wir die Beiträge nur dann anpassen können, wenn bestimmte Schwellenwerte bei den Leistungsausgaben überschritten werden."

Das sei vier Jahre lang nicht passiert und darum habe man die Beiträge nicht anpassen dürfen.

Grund sei auch Niedrigzins-Politik

Ein weiteres Problem sei die aktuelle Niedrigzins-Politik, erläutert Gerd Benner. Etwa die Hälfte der Beitragssteigerung sei darauf zurückzuführen. Diesen Punkt betont auch Stefan Reker von Verband der Privaten Krankenversicherungen: "Die Zinssenkung betrifft uns stark, weil wir sehr viele Kapitalrücklagen für unsere Versicherten bilden, für die Kosten im Alter."

Reker erklärt: "Je weniger Zinsen die Privaten Krankenversicherungen bekommen, desto mehr müssen sie durch Beitragsgelder die entsprechende Vorsorge ausgleichen." Und das verschärfe dann die Beitragserhöhungen.

Steigende Beiträge

Reker rechnet damit, dass weitere private Versicherer ihre Beiträge erhöhen, wenn auch nicht so stark. Das betreffe etwa die Hälfte aller privat Versicherten, schätzt er. Doch auch wer in der gesetzlichen Krankenversicherung ist, muss sich im kommenden Jahr auf eine Anhebung des Satzes um mindestens 0,2 Prozentpunkte einrichten.

Doch noch werde ums Geld gestritten, sagt der Vorstandsvorsitzende der AOK Plus, Rainer Striebel. Die zu erwartende Finanzierungslücke in Höhe von 16 Milliarden Euro soll nämlich nicht nur mit Zusatzbeiträgen und fünf Milliarden Euro Steuermitteln, sondern auch mithilfe der Rücklagen der Krankenkassen finanziert werden.

Umverteilung zwischen den Kassen

Im Fall der AOK Plus seien das 700 Millionen Euro Beitragsgelder, die aus Sachsen und Thüringen an ärmere Kassen im Bundesgebiet umverteilt würden, sagt der AOK-Chef. Was er davon hält?

"Na natürlich gar nichts, weil es nicht sein kann, dass Beitragsgelder unserer Versicherten und Arbeitgeber auf diesem Weg gesetzlich abgeschöpft werden bei der AOK Plus." Es sei eine nicht akzeptable Zumutung. Deshalb habe die AOK Plus auch die klare Forderung, dass diese Vermögensentnahme bei ihnen zu unterbleiben habe.

AOK: Grund für fehlende Gelder Gesetzgebung

Immerhin ließen sich von den fehlenden 16 Milliarden Euro gerade einmal dreieinhalb Milliarden auf die Corona-Pandemie zurückführen. Der Rest sei die Folge der Gesetzgebung aus den vergangenen zwei Jahren. Unterstützung erhalte die AOK Plus von den Ländern Sachsen und Thüringen, die beim Bund darauf hinwirkten, dass mehr Steuergeld fließe.

Das entsprechende Gesetz soll Ende November im Bundestag Thema sein. Dann wird es auch Maria Klein-Schmeink prüfen. Sie ist gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion.

Kritik der Grünen

Schmeink sagt, dass sowohl die Beitragssteigerung in der privaten als auch die Riesen-Lücke bei der gesetzlichen Krankenversicherung zeigten, dass das System zunehmend unter Druck stehe: "Wir sehen enormen Weiterentwicklungsbedarf. Wir brauchen in pragmatischen Schritten mehr Gerechtigkeit, Solidarität und eine Angepasstheit zum Einkommen derjenigen, die da versichert sind."

Das gelte insbesondere für die Private Krankenversicherung, aber es gelte auch für die gesetzliche Krankenversicherung. Es sei auf Dauer nicht vermittelbar, dass die Höchstverdiener und Bestverdiener nicht in die solidarische Finanzierung der Krankenversicherung einbezogen seien.

Grünen-Vorschlag: Bürgerversicherung

Solidarität sei keine Einbahnstraße, ergänzt Klein-Schmeink und weist daraufhin, dass die gesetzlichen Kassen beispielsweise auch die Kosten für die Corona-Tests privat Versicherter tragen würden. Die Grünen setzen deshalb weiterhin auf die Idee einer Bürgerversicherung für alle. Die ist auch Teil des aktuellen Entwurfs eines Grundsatzprogramms der Partei, über das Ende November entschieden werden soll.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 27. Oktober 2020 | 06:09 Uhr

7 Kommentare

StefanEF vor 24 Wochen

Die Konkurrenz ist bei den Kassen aber gut, weil es Service, Wettbewerb und somit Wirtschaftlichkeit fordert.

Eins, zwei oder drei Kassen und wir haben den Service einer Agentur für Arbeit. Bitte nicht!!!

StefanEF vor 24 Wochen

Es ist unfassbar für einen Vorstand einer rechtsfähigen Körperschaft des öffentlichen Rechts, solche Unwahrheiten zu verkaufen.

Es sind nicht die Beiträge der AOK Mitglieder, welche hier "abgeschröpft" werden. Es sind die Beiträge aller gesetzlich krankenversicherten Mitglieder.
Laut VO aus Dezember 2019!

Alle Beiträge sind direkt in den Gesundsfonds abzuführen. Das was letztlich bei der AOK Plus liegt, sind die Gelder aus den Zuweisungen des Fonds In Form der Grundpauschalen je Versichertem, Abschlägen und Zuschlägen anhand der entsprechenden 80 Erkrankungen und demzufolge zuzuordnenden HMR-Gruppen.

Das AOK Lager hat vor Jahren bewusst die Gesetzgebung bei der Bestimmung der 80 Diagnosen beeinflusst und über Schwippschwagerländerpolitik Einfluss auf den Bund ausgeübt. Immer schön zum eigenen Vorteil! Beim Upcoding war man auch gut dabei, stets das Maximum im Blick. Eine Aufsicht (BAS) für alle Kassen und die RSA Anpassung 2021 auf alle Diagnosen! Dann wirds ein Wettbewerb!

Leachim-21 vor 24 Wochen

anstatt die Kassen und somit die Beitragsgelder zu plündern, sollte man lieber schauen warum die eine Kasse Rücklagen aufgebaut hat und andere nicht . oder man legt die Kassen zusammen, denn es stellt sich doch die Frage warum haben wir hunderte Krankenkassen wenn ein oder zwei reichen, da fällt auch die Kosten der Vorstände weg.

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