Hauptbahnhof Süchtig, verzweifelt, obdachlos: Vom Leben auf der Straße

Der Reporter und Kameramann Thomas Kasper begleitet seit vier Jahren obdachlose Menschen am Leipziger Hauptbahnhof. Bei exakt – die Story zeigt er, wie diese Menschen ihren Alltag meistern. Trotz Drogen, Alkohol, ungewollten Schwangerschaften und Kälte.

betteln, saufen, sterben (2/3)
Bildrechte: Thomas Kasper

Wenn Thomas Kasper am Leipziger Hauptbahnhof ankommt, dann grüßen ihn die, um die die meisten Passanten einen Bogen machen. Die Trinker, die Süchtigen, die Obdachlosen. Seit vier Jahren trifft er diese Menschen regelmäßig.

Mehrere Reportagen sind aus diesem Material entstanden. Nun ist ein Film, der die Situation im Corona-Jahr erfasst, online - "Betteln, Saufen, Sterben (3)"

Ein Mann mit großer Narbe im Gesicht 38 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Franz

betteln, saufen, sterben - Teil drei
Bildrechte: Thomas Kasper

Zum Beispiel Franz (Anfang 60). Franz kommt aus Bayern und ist vor zwei Jahren am Leipziger Hauptbahnhof gestrandet. Hinter dem Bahnhofsgebäude hat er sich auf der freien Fläche in einer Hütte einquartiert. Und aus Sperrmüll und Einkaufswagen ein Kunstobjekt gebaut. Die Angst, dass man ihm dieses letzte Stück Privatsphäre nehmen könnte, ist immer dabei.

Dabei ist es vor allem der private Raum, der in Pandemie-Zeiten umso wertvoller geworden ist. Denn während andere ihren Arbeitsplatz ins Homeoffice verlagern können, ist das Geschäft vieler obdachloser Menschen draußen: Durch Betteln verdienen sie sich ein kleines Geld für eine Mahlzeit oder Getränke.

Mancherorts haben sich im ersten Lockdown sogenannte „Gabenzäune“ etabliert. An denen können Anwohner Mahlzeiten oder andere Spenden befestigen, damit Bedürftige nicht ganz ohne Hilfe bleiben müssen.

Vor Corona hat es diese Hilfe auch viel direkter gegeben. Neben dem erbettelten Kleingeld haben Mittellose gelegentlich auch Hilfe von direkten Sachspenden bekommen. Ein LKW-Fahrer hat Franz regelmäßig Essen vorbeigebracht.

Der hat mir Bockwürste vorbeigebracht. Die haben halt ein Herz für ihre Mitmenschen. Seltsam, nicht?

Franz

André

betteln, saufen, sterben - Teil drei
Bildrechte: Thomas Kasper

Oft sind Drogen und Alkohol der „Einstieg“ zur Obdachlosigkeit. Einige versuchen, sich damit das Leben kurzfristig leichter zu machen. Langfristig kann die Abhängigkeit aber zu gesundheitlichen Schäden führen. André zum Beispiel, ein Mitdreißiger, der in einem Abrissbau hinter dem Hauptbahnhof übernachtet, ist schon seit er 16 ist abhängig von Heroin und Crystal Meth. Er sagt: Dass er heute noch lebt, liegt daran, dass er so oft ins Gefängnis musste. Dort sei es schwieriger, an die Drogen zu kommen.

Damit Obdachlose von den Drogen oder vom Alkohol loskommen können, gibt es verschiedene Hilfsangebote. Die Diakonie Leipzig bietet zum Beispiel eine Suchtberatung bei Drogensucht an und vermittelt Hilfe bei Spielsucht. Genauso wie das Leipziger Suchtzentrum, die Wohnprojekte für suchtkranke Menschen anbieten.

Nadine

betteln, saufen, sterben - Teil drei
Bildrechte: Thomas Kasper

Nadine hat genau das geschafft, was nur wenigen gelingt. Nach Jahren der Alkoholabhängigkeit hat sie den Entzug geschafft. Sie trank damals so viel, dass sie mit schwerem Organversagen ins Krankenhaus eingeliefert wurde.

Sie überlebte nur knapp. Danach blieb sie trocken. Heute hat sie eine Wohnung und versucht auch ihren Freudinnen und Freunden am Leipziger Hauptbahnhof zu helfen.

Ein bisschen eine Vorbildfunktion habe ich schon. Da fühle ich mich auch gut damit. Es kommen auch noch viele Leute auf mich zu und sagen: Ich finde klasse, wie du das durchziehst. Das hilft ungemein, nicht wieder zu trinken.

Nadine

Melanie

betteln, saufen, sterben - Teil drei
Bildrechte: Thomas Kasper

Melanie gelingt es nicht, vom Alkohol loszukommen. Sie trinkt auch, wenn sie ein Kind erwartet. Die junge Frau hat mehrere Schwangerschaften hinter sich. Die Kinder wurden ihr sofort entzogen.

Schwangerschaften, die in der Obdachlosigkeit entstehen sind oft nicht gewollt. Grund dafür sind häufig Übergriffe auf die Frauen, mangelnder Zugang zu Verhütungsmitteln und die oft übliche „Übernachtungsprostitution“.

Über ihre Kinder möchte Melanie nicht gerne sprechen. Sie weicht solchen Gesprächen aus.

Angesichts sinkender Temperaturen und steigender Infektionszahlen, werden die Hilfestellen ein besonderes Augenmerk auf die Wohnungslosen werfen. Die Stadt Leipzig stellt für den kommenden Winter mehr Schlafräume für wohnungslose Menschen zur Verfügung. Dazu gehören auch separate Zimmer für die Menschen, die mit dem Coronavirus infiziert sind oder unter Quarantäne stehen.

Nach vier Jahren, die Thomas Kasper am Leipziger Hauptbahnhof verbracht hat, sind viele der Menschen, die dort wohnen, zu guten Bekannten geworden. Manche von ihnen, wie Nadine, konnten ein Happy End erleben. Viele andere haben es nicht geschafft. Wie Franz, der im Sommer 2020 plötzlich verstorben ist.

Mehr zum Thema

Mann mit Mütze in Dunkelheit 30 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
EdS: Betteln, Saufen, Sterben (2) – Obdachlose am Bahnhof (2019) 30 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm: ARD MEDIATHEK | exakt - die Story | 19. November 2020 | 10:00 Uhr

Ein Angebot von

Mehr aus Panorama

Mehr aus Deutschland