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Die Aufschrift "Betten an der Rückwand für Kinder" ist an der Wand eines Schlafraums im Zivilschutz-Bunker unter dem Hamburger Hauptbahnhof angebracht. Bildrechte: dpa

ZivilschutzKaum Schutzräume und Bunker in Deutschland

von MDR UMSCHAU

Stand: 30. April 2022, 05:00 Uhr

Nach Ende des Kalten Krieges hat Deutschland Hunderte von Bunkeranlagen stillgelegt. Im Moment gibt es nur noch rund 600 öffentliche Schutzräume. Das will Bundesinnenministerin, Nancy Faeser, angesichts neuer militärischer Bedrohungen jetzt ändern. Wie sieht es mit noch bestehenden Schutzräumen aus?

Deuschland ohne Schutzräume

In Deutschland gibt es keine öffentlichen Schutzräume mehr. Die rund 600 Zivilschutz-Bunker sind seit Jahrzehnten stillgelegt. "Mit dem Fall der Mauer und der Beendigung des Ost-West-Konflikts schien das Szenario eines konventionellen Krieges mit großflächigen Bombardierungen und dem Einsatz chemischer und nuklearer Waffen nicht mehr zeitgemäß", erklärt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) dazu.

Dieser Bunker im niedersächsischen Salzgitter stammt aus dem Zweiten Weltkrieg. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Angesichts des Krieges, der jetzt in der Ukraine tobt und der anhaltenden Drohungen aus Russland, machen sich viele Bürger große Sorgen. Wohin, wenn es wirklich zu einem Angriff käme. Im Eiltempo will die Bundesregierung jetzt vorhandene Bunkeranlagen überprüfen und gegebenenfalls wieder einrichten. Darüber hinaus soll investiert werden in den Zivilschutz.

Marode Bunker im Westen

Einige ehemalige Zivilschutzbunker wurden in den 1970er-Jahren sogar noch mal saniert. Einer steht im niedersächsichen Salzgitter. Dort gibt es sogar noch einen funktionierenden Stromanschluss. Maximal 1.000 Menschen sollten hier im Falle eines Bombenangriffs Schutz finden. Die Räume sind verteilt auf drei Etagen. Betten und Bänke gibt es nicht mehr. Die Toiletten wurden ausgebaut. Die Wände sind feucht. Doch die lebenswichtige Belüftungsanlage funktioniert noch. Karsten Reddies ist für den Verkauf von staatlichen Immobilien zuständig, dazu zählen auch ehemalige Zivilschutzbunker. 18 hat er bereits veräußert, auch für die Anlage in Salzgitter gab es Interessenten. Die kommen nun zu spät, sagt Karsten Reddies. "Für alle Bunker, die noch in meinem Portfolio sind, wurde der Verkauf gestoppt und ich warte auf weitere Weisung, was dann damit passieren soll". Alle Bunker, die der Bund noch besitzt sollen in den nächsten Monaten überprüft und, wenn möglich, reaktiviert werden.

Karsten Reddies hanldet im Auftrag der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Bildrechte: Karsten Reddies/MDR

NVA und Stasi-Bunker noch intakt

Ehemalige Stasi- und Armee-Bunker sind zwar seit über 30 Jahren nicht mehr in Benutzung, die Bausubstanz ist aber meistens noch in gutem Zustand. Ihr Vorteil: Sie liegen im ländlichen Raum, wo es sonst kaum Schutzräume gibt. Könnten sie die Landbevölkerung schützen?

Dieser Bunker im brandenburgischen Bad Freienwalde wurde von der NVA genutzt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Andeas Kunze-Gubsch vom sächsichen Zivilschutz sagt: "Es ist immer so ein bisschen die Annahme, dass es in Größenordnungen hier in den ostdeutschen Bundesländern irgendwo geheime Bunker-Anlagen im Wald gibt. Das ist jetzt bei weitem nicht so. Da darf man sich keine Illusionen machen.

Deshalb werde nach bestehende Bauten gesucht, die sich für den Katastrophenfall eignen. Neue Anlagen zu bauen, das sei enorm teuer, betont der Leiter vom Referat Katastrophenschutz und zivile Verteidigung im sächsichen Innenministerium, Andreas Kunze-Gubsch. "Wenn wir über Neubauten reden, was immer wieder diskutiert wird, dann kommen wir ganz schnell in wirklich epochale Größenordnungen. Deswegen muss wirklich nach allen möglichen Konzepten oder Varianten gesucht werden, das heißt bestehende öffentliche Bauten".

U-Bahn-Tunnel nicht atomsicher

In Magdeburg liegt direkt neben einem Einkaufszentrum der Eingang zu einer unterirdischen Zivilschutz-Anlage. Sie ist erstaunlich intakt. Langfristig könnten solche Bunker wieder der Zivilverteidigung dienen. Die Innenministerien der Länder suchen gerade nach weiteren geeigneten Orten. Das können Tiefgaragen sein, auch befestigte Keller sind geeignet, um als Schutzräume genutzt zu werden. Tunnel von U- und S-Bahnen bieten auch einen gewissen Schutz, aber nicht vor Atomangriffen. Dazu bräuchte es eine hermetische Abriegelung und eine eigenständige Belüftung.

U-Bahnsteige können einen gewissen Schutz vor Angriffen mit herkömmlichen Raketen bieten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Einige U-Bahnhöfe, beispielsweise im Westen Berlins, wurden einst als Bunker geplant und gebaut. Da sind in den 1970iger Jahren neben dem Bahnhof Tunnel und Katakomben hergerichtet worden. Diese Schutzräume mit Küchen- und Sanitärbereich sind heute als Museum zugänglich. Knapp 3.500 Menschen hatten hier Platz. Das ist weniger als ein Prozent der Bewohner des Stadtteils. Heute führt Kay Heyne vom Verein "Berliner Unterwelten" Touristen durch die Katakomben. Er weist auf die Eingangs-Schleuse hin. Dort hätten alle Insassen durchgemusst, zur Zählung. Im Ernstfall würde eine Panik entstehen, sagt Kay Heyne: "Wir müssen damit rechnen, wenn Tausende, vielleicht Zehntausende Leute versuchen, hier reinzukommen, dass es hier tatsächlich dann auch zu Panik kommen würde am Eingang".

Kay Heyne führt Toristen durch die unterirdischen Anlagen von Berlin. Bildrechte: Kay Heyne/MDR

Aber auch der Museumsbunker in Berlin wurde seit Jahren nicht gewartet. Er lässt sich nicht mehr hermetisch abriegeln. Ob die Lüftungsanlage noch funktioniert, weiß niemand. Eine Sanierung wäre sehr teuer. Doch die Bundesregierung erwägt, wieder mehr Geld für solche Objekte auszugeben. Zwei Milliarden Euro für erste, ganz grundlegende Schutzmaßnahmen sind im Gespräch.

Vorbild Schweiz: Bunkerpflicht

In der Schweiz hat fast jedes Haus einen Schutzraum. Das Land hat mehr Plätze in Bunkern als Einwohner. Das liegt daran, dass in der Alpenrepublik Hausbesitzer verpflichtet sind, für ausreichend Kapazität zu sorgen. Für Deutschland wäre eine Bunkerpflicht eher unrealistisch, sagt Leon Eckert, Zivilschutzexperte bei den Grünen. "Das kann man machen, dann erreichen wir das vielleicht auch in 50, 60, 70, 80 Jahren. Das hat aber auch den Effekt, dass Häuser deutlich teurer werden in den Baukosten und das muss man sich halt gut überlegen".

Private Bunker kaufen?

Seit in der Ukraine der Krieg ausgebrochen ist, boomt das Geschäft mit Privat-Bunkern. Die Berliner Firma: "Bunker Schutzraum Systeme Deutschland" (BSSD) kann sich vor Anfragen kaum retten. "Viele Menschen haben derzeit einfach Angst. Andere haben sich schon immer für solche Anlagen interessiert, bei den meisten unserer Kunden ist es eine Mischung aus beidem", sagt Unternehmenssprecher Mark Schmiechen.

Das Unternehmen sei das erste in Deutschland, das sich auf Bunker und Schutzräume spezialisiert habe, welche "militärisches Niveau" erreichen. Bis zu 5.300 Euro kostet ein Quadratmeter Bunker bei dem Berliner Hersteller. Zur Basisauststattung gehören Panzertür und Trockentoilette.

Einstiegsmodell zum Selbstaufbau

Für den Einbau im Keller gibt es den Popup-Panikraum oder Popup-Schutzraum. Der lässt sich mit mehreren Helfern in etwa vier Stunden aufbauen. Das kleinste Modell aus Panzerstahl kostet 15.000 Euro. Viel Platz ist nicht und länger als eine Stunde hielten es nur wenige drin aus, meint Mark Schmiechen.

Größere Optionen aus Panzerstahl kosten ab 250.000 Euro aufwärts. Die würden gut vor Angriffen mit Schusswaffen schützen, aber kaum vor Atomschlägen. Lieferzeit derzeit: sechs Monate. Vor dem Krieg waren es zwei Wochen.

Dieser Bunker aus Panzerstahl tarnt sich als Garage. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Schmiechen weiter: "Wir haben natürlich immer, wenn Krisen waren, gewisse Peaks, kann man sagen. Da haben wir schon gemerkt, wenn was passiert ist in der Welt. Aber das, was jetzt passiert ist, das hat wirklich einen Run ausgelöst, den wir so auch gar nicht erwartet haben".

Das hat wirklich einen Run ausgelöst, den wir so auch gar nicht erwartet haben.

Mark Schmiechen, BSSD GmbH

Mark Schmiechen hat derzeit enorm viele Anfragen nach privaten Schutzräumen. Bildrechte: Mark Schmiechen, BSSD GmbH / MDR

Den ultimativen Schutz könne aber kein Bunker bieten. Mark Schmiechen verweist auf die moderne Waffentechnik und die wenige Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. "Nehmen wir jetzt die neuesten Entwicklungen in der Waffentechnik, also eine Hyperschall-Rakete. Da liegen wir bei vielleicht zwei Minuten oder drei Minuten Vorwarnzeit. Da kann man sich also vorstellen, bin ich nicht in der Nähe, habe ich ein echtes Problem".

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MDR UMSCHAU

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | MDR UMSCHAU | 26. April 2022 | 20:15 Uhr