Ein persönliches Corona-Schicksal Soloselbstständige: "Mein persönliches Corona-Jahr"

Geschlossen – das ist für viele Unternehmen monatelang Realität gewesen im vergangenen Coronajahr. Welche Einzelschicksale stecken dahinter? Wir ziehen Bilanz mit einer Soloselbstständigen, die auf Honorarbasis unterrichtet. Von welchen Schließungswellen war sie betroffen, welche Coronahilfen kamen (nicht) bei ihr an? Wie blickt sie in die unsichere Zukunft?

Stefanie Lorenz
Stefanie Lorenz hat viele Ausfallzeiten hinter sich und viele Förderanträge gestellt. Was ist bei ihr angekommen? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Stefanie Lorenz kurz vorgestellt

Stefanie Lorenz unterrichtet seit fünf Jahren an der Volkshochschule Dresden "Deutsch als Fremdsprache". In ihren Kursen saßen vor der Coronazeit bis zu 20 SchülerInnen aus verschiedenen Ländern. Das Erlernen der Sprache gehört zu den Basisfaktoren für eine gute Integrationsmöglichkeit. Die 34-Jährige hat sich im letzten Jahr durch viele Förderprogramme gewühlt und sich fit für den Online-Unterricht gemacht.

Derzeit gibt es keinen Präsenzunterricht an der VHS Dresden - aber immerhin Kurse via Internet. Natürlich belastet sie die finanzielle Unsicherheit. "Auch der Kontakt zu meinen Schülern fehlt mir sehr", sagt sie und hofft darauf, bald so viele von ihnen wie möglich wieder in ihren Kursen zu sehen.

Stefanie Lorenz und SchülerInnen
Stefanie Lorenz geht in ihrem Job als Volkshochschullehrerin voll auf. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Chronologie eines Corona-Schicksals

Januar, Februar 2020 – erste Berichte über Corona-Fälle

Als die WHO Ende Januar eine "gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite" meldete, ist Corona für Stefanie Lorenz nur eine ferne, vage Bedrohung. Am 25. Februar feierte die Dresdnerin in Paris ganz sorgenfrei ihren 33. Geburtstag. "Am Anfang habe ich mir wirklich gar keine Gedanken gemacht, denn es war ja weit weg von uns", erinnert sich die junge Volkshochschullehrerin Monate später rückblickend.

Wegen einer Autoimmunerkrankung muss sie regelmäßig Immunsuppressiva einnehmen. Das macht sie anfälliger für Krankheiten. Sie wurde notgedrungen vorsichtiger im Umgang mit anderen Menschen. Obwohl genau das ihren Job ausmacht. Denn Stefanie Lorenz unterrichtet seit Jahren Deutsch als Fremdsprache an der Volkshochschule.

Am Anfang habe ich mir wirklich gar keine Gedanken gemacht, denn es war ja weit weg von uns.

Stefanie Lorenz

März bis August – erster Lockdown

Das Corona-Virus breitete sich nun auch in Deutschland immer weiter aus. Bund und Länder handelten: Das gesellschaftliche Leben wurde in mehreren Schritten runtergefahren. Schließlich kam es zum ersten Lockdown: Als die Volkshochschule Dresden Mitte März wegen der Corona-Auflagen die Deutschkurse aussetzte, verlor die Soloselbstständige auf einen Schlag ihre wichtigste Einkommensquelle. Im Klartext fehlten ihr nun ganze 3.500 Euro Brutto monatliches Honorar. Davon hatte Stefanie Lorenz bisher alle Kosten bestritten.

"Meine finanziellen Spielräume sind nicht groß. Derzeit kann ich nur von Monat zu Monat leben. Ich habe keinen Puffer mehr. Den April bekomme ich noch hin. Anschließend brauche ich Hilfe oder muss wieder Geld verdienen", zog sie damals eine persönliche finanzielle Bilanz. Ihre Hoffnung lag auf virtuellen Unterrichtseinheiten: "Eine Alternative, um weiterzumachen wären Online-Kurse. Das Problem ist aber, das technische Know-Know der Schüler und auch von mir. Außerdem verdient man weniger". Um die Lebenskosten abzudecken, könne das nicht reichen, war ihr klar. Aber es gab ihr eine neue Perspektive und sie machte sich fit, um Online-Kurse geben zu können.

Derzeit kann ich nur von Monat zu Monat leben. Ich habe keinen Puffer mehr.

Stefanie Lorenz

Nun war Corona nicht nur ein Risiko für ihre Gesundheit, sondern bedrohte von heute auf morgen auch ihre wirtschaftliche Existenz. Stefanie Lorenz hoffte zu dem Zeitpunkt noch auf finanzielle Unterstützung durch staatliche Hilfsprogramme. Doch diese Hoffnung erfüllte sich nicht.

Da Hilfskredite angesichts ihrer Einkommenssituation sowieso nicht in Frage kamen, blieben nur "Geldgeschenke" in Form von Soforthilfen. Diese hatten allerdings ihre Tücken. Denn Soforthilfen gab es in Sachsen nur für laufende Betriebskosten. Dazu gehören zum Beispiel Mieten für Betriebsräume oder Leasing-Raten für Maschinen. Posten, die Stefanie als Volkshochschullehrerin gar nicht hat. Die Förderung von Lebenshaltungskosten war nicht vorgesehen. Auch die von der Stadt Dresden in Aussicht gestellten 1.000 Euro Soforthilfe fielen für sie aus. Und zwar allein schon deshalb, weil ihr Antrag einging, als der Fördertopf der Stadt bereits leer war.

Steuervorauszahlungen, Versicherungsbeiträge: Vieles davon ließ Stefanie Lorenz vorerst stunden. Immer mit der Frage im Hinterkopf: Wann kann ich später das Geld wieder verdienen? "Denn bezahlen muss man am Ende ja trotzdem", war ihr bewusst. Besonders frustrierend: Es gab auch Bundesländer, die explizit Lebenshaltungskosten von Selbständigen förderten. Dazu gehörten damals etwa Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Hamburg auch oder Berlin. Obwohl diese Ungerechtigkeiten öffentlich scharf kritisiert wurden, für Stefanie Lorenz blieb fast ein halbes Jahr lang zunächst nur die Grundsicherung.

Jetzt gibt es natürlich die Möglichkeit, beim Finanzamt eine Stundung einzureichen, aber bezahlen muss man am Ende ja trotzdem.

Stefanie Lorenz

September bis Oktober – Schule öffnet, Einkommen fließt

Erst Ende des Sommers konnte Stefanie Lorenz wieder vor Ort in der Schule und vor ihren SchülerInnen unterrichten. Im Oktober erhielt sie erstmalig wieder ihr regelmäßiges Einkommen.

November und Dezember – Lockdown und Schulschließung

Während des "Lockdown light"  im November wurden die Deutschkurse erneut ausgesetzt, konnten jedoch nach einer Woche fortgeführt werden. Aber schon Anfang Dezember, noch vor Beginn des zweiten harten Lockdowns, war wieder auf unabsehbare Zeit Schluss mit Präsenzunterricht. Doch hier agierten die Volkshochschulen unterschiedlich, denn das ist Ländersache.

"Was ich gar nicht verstehe ist, dass in anderen Bundesländern die Volkshochschulen geöffnet bleiben. Wir könnten den Unterricht mit den Hygienemaßnahmen aufrecht erhalten", war sich die junge Pädagogin zu dem Zeitpunkt sicher. Stefanie Lorenz stand erneut vor der Frage: Wie geht es finanziell weiter? Auch körperlich ging es ihr in dieser Zeit nicht gut. Bis zum neuen Jahr suchte sie vor allem Ruhe und Trost im Weihnachtsfest.

Stefanie Lorenz
Stefanie Lorenz versucht, ihre innere Ruhe immer beizubehalten und ist bisher immer optimistisch geblieben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Was ich gar nicht verstehe ist, dass in anderen Bundesländern die Volkshochschulen geöffnet bleiben.

Stefanie Lorenz

Die Bundesregierung legte weitere Hilfsprogramme auf. Mit der sogenannten November- bzw. Dezemberhilfe hatten nun auch Soloselbstständige ohne betriebliche Fixkosten Anspruch auf Zuschüsse. Diese standen jetzt explizit für den eigenen Lebensunterhalt zur Verfügung. Soloselbstständige können Hilfen in Höhe von bis zu 75 Prozent der Umsätze aus den Vorjahrsmonaten erhalten. Die Ausfalltage werden dabei einzeln berechnet. Voraussetzung: 80 Prozent der Umsätze werden regelmäßig mit Unternehmen erzielt, die im Lockdown schließen müssen. Ein Kriterium, das für nicht wenige Selbständige schwer zu erfüllen ist. Doch auf Stefanie Lorenz trifft es zu. Für einen ganzen Monat ohne Einnahmen hat sie Anspruch auf rund 2.600 Euro brutto.

2021: Januar, Februar, März – "Neustarthilfe" vom Bund

Finanzielle Unterstützung für Soloselbstständige soll auch die sogenannte Neustarthilfe bieten. Für Januar bis Juni gibt es hier einen einmaligen Zuschuss. Dieser beläuft sich auf 50 Prozent dessen, was im Vorjahr im gleichen Zeitraum verdient wurde. Maximal jedoch 7.500 Euro. Am Ende des Förderzeitraums wird nachgerechnet: Wie hoch sind die tatsächlichen Einnahmeverluste im Vergleich zum Vorjahreszeitraum? Liegen diese unter 60 Prozent, werden anteilig Rückzahlungen fällig.

Von den in Aussicht gestellten Geldern hat Stefanie Lorenz noch nichts auf dem Konto. Anfang des Jahres hat sie noch einmal Grundsicherung beantragt. Doch Stefanie Lorenz ist optimistisch: "Es gibt nun endlich staatliche Hilfen für uns Soloselbstständige, die nicht nur die Betriebskosten berücksichtigen, sondern wirklich auch den Lebensunterhalt mit einbeziehen."

Stefanie Lorenz steht auch vor neuen bürokratischen Hürden: Von den neuen Hilfsprogrammen hat sie erst relativ spät erfahren. Zudem fühlt sie sich bei der Beantragung allein zu unsicher. Außerdem fehlt ihr noch ihr Steuerbescheid von 2019 eine wichtige Grundlage für den Antrag. Deswegen hat sie für alles ihr Steuerbüro beauftragt und wartet nun auf Antwort. Zumindest kann sie darauf bauen, dass die beantragten Hilfsgelder nicht auf die Grundsicherung angerechnet werden.

Viel mehr noch als einen positiven Bescheid erhofft sie sich die Rückkehr zu ihren Schülern.  Es geht ihr nicht nur um ihre wirtschaftliche Situation, sondern vor allem auch um die Lebensentwürfe ihrer Schüler. Denn diese befinden sich genau wie sie weiter in einer Sackgasse, weil "ein kleines Virus" alle Karrierepläne seit Monaten auf Eis gelegt hat. Momentan gibt sie zumindest Online-Kurse für 350 Euro brutto die Woche. Diese Einkünfte werden dann aber auf Hilfen, die sich in dieser Zeit erhalten könnte, angerechnet.

Stefanie Lorenz
"Der Kontakt zu meinen Schülern fehlt mir sehr", sagt die junge Pädagogin. Sie hofft auf Konzepte, die es ermöglichen, möglichst viele SchülerInnen zu unterrichten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | UMSCHAU | 16. März 2021 | 05:00 Uhr

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