Computersucht bekämpfen Erfahrungsbericht eines Gamers: Nach zehn Jahren von der Sucht befreit

Computersucht kann viele Auslöser haben: Pornografie, Glücksspiel, Kaufsucht oder exzessive Nutzung von Streamingdiensten und soziale Medien. Bei Ronald Stolz waren es Computerspiele. Nach zehn Jahren Sucht bekam er sein Leben wieder in den Griff. Heute hilft er Angehörigen und Betroffenen, Symptome zu erkennen. Dazu gründete er eine Selbsthilfegruppe.

Erste Anzeichen der Sucht schwer zu erkennen

Bei Ronald Stolz waren es eher positive Gründe, die am Ende zur Sucht führten. Geboren in Leipzig, aufgewachsen im Erzgebirge, zog er mit 16 Jahren nach Süddeutschland. Hier machte er eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann, mit Anfang 20 wechselte er in den Vertrieb. Berufsbedingt verbrachte er viel Zeit vor dem Rechner. Privat vertrieb er sich ab und an die Zeit mit einem Computerspiel. Suchtpotential hatten diese damals für ihn aber noch nicht: "Man hat sie gespielt, sie waren irgendwann durchgespielt und vorbei. Dann bin ich auch wieder raus und habe mich mit anderen Dingen beschäftigt."

Ein Mann in einem Garten
Ronald Stolz hat die Internetsucht hinter sich gelassen und leitet heute eine Selbsthilfegruppe. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im Sog von "World of Warcraft"

Mit Mitte 20 heiratete Ronald Stolz seine damalige Freundin, sie brachte zwei Söhne mit in die Ehe. Um mit dem damals 13-jährigen Stiefsohn eine Beziehung aufzubauen, begannen beide mit dem Spiel "World of Warcraft". Das Spiel ist ein über das Internet spielbares Computer-Rollenspiel. 2009 gewann es den Guinness-Weltrekord für das beliebteste Multiplayer-Online-Rollenspiel. Noch im selben Jahr belegte eine Studie, das die Gefahr, an einer Sucht zu erkranken, bei "World of Warcraft" höher ist als bei anderen Computerspielen.

Ein Grund ist die starke Identifikation mit dem eigenen erstellten Charakter. Ronald Stolz kreierte eine Figur namens "Rollroll", in deren Entwicklung er viel Zeit und immer mehr Energie steckte. Beschränkte sich seine Internetzeit am Anfang noch auf wenige Stunden pro Woche, wendete Ronald Stolz bald immer mehr Zeit für sein Spiel auf. "Ich hatte ein schlechtes Gewissen, wenn ich mal nicht online war. Ich hatte auch das Gefühl, ich lasse meine Mitspieler im Stich. Das konnte ich nicht ertragen."

Ich hatte ein schlechtes Gewissen, wenn ich mal nicht online war. Ich hatte auch das Gefühl, ich lasse meine Mitspieler im Stich. Das konnte ich nicht ertragen.

Ronald Stolz, Gamer

Computersucht führt zu Einsamkeit

Ronald Stolz hatte wegen der Sucht große Probleme, sich längerfristig in einer beruflichen Anstellung zu halten. Die arbeitslosen Zeiten zwischen seinen Anstellungen wurden immer länger und führten dazu, dass er sich immer weiter vom realen Leben entfernte. Die permanente Zockerei belastete auch seine Ehe. "Ich dachte mir, da es sich ja nur ums Zocken handelt, kann es nichts Schlimmes sein. Andere trinken Bier und rasten aus und ich habe halt daheim gehockt und gezockt. Online hatte ich ja dennoch Kontakt zu anderen Menschen."

Andere trinken Bier und rasten aus und ich habe halt daheim gehockt und gezockt. Online hatte ich ja dennoch Kontakt zu anderen Menschen.

Ronald Stolz, Gamer

Verhaltenstherapie als Chance für einen Neuanfang

Der Kontakt zu seiner Frau, welche im realen Leben auf ihn wartete, reduzierte sich aufgrund der zunehmenden Spielzeiten am Computer immer mehr. Auf dem Höhepunkt seiner Sucht war Ronald Stolz täglich bis zu 15 Stunden online, um zu spielen. Erst nachdem seine Frau ihn verließ, stellte er sich mit Anfang 30 die Sinnfrage.

Allein, arbeitslos und einsam machte er seinen Tiefpunkt zum Wendepunkt. Er stand aus seinem Gamerstuhl auf und kämpfte sich langsam ins Leben zurück. Dies gelang ihm mit Selbsthilfegruppen und einer Therapie. Die Therapieansätze richten sich immer nach der Anamnese der Betroffenen. Bei Roland Stolz waren es die Onlinespiele, welche zur Internetsucht geführt haben. Im an die Thrapie Anschluss absolvierte er eine Berufsausbildung und schaffte so die Grundlage für ein regelmäßiges Leben außerhalb der eigenen vier Wände.

Ein Mann läuft einen Weg entlang.
Durchatmen während eines Spaziergangs: Für Ronald Stolz war das während seiner Spielsucht zehn Jahre lang eine Ausnahme. Bildrechte: Umschau

397.440 Minuten Lebenszeit verpasst

Ronald Stolz ist heute im Kundendienst beschäftigt. Anfang 2019 fühlte er sich gefestigt genug und machte sich das Thema Onlinesucht und Medienabhängigkeit zur Herzensangelegenheit. Zusammen mit dem Suchtherapeuten Nils Pruin engagiert er sich als Vorstand im Verein "Aktiv gegen Mediensucht". Er organisiert Selbsthilfegruppen und stellt Kontakt zwischen Betroffenen und Therapeuten her. Auf seiner Homepage veröffentlicht er eine Rechnung, in der er auf seine Zeit mit dem Spiel "World of Warcraft" eingeht: "Meine Spielzeit beträgt nur bei diesem Charakter krasse 276 Spieltage. 276 Tage x 24 Stunden = 6.624 Spielstunden x 60 Minuten = 397.440 Spielminuten. Diese 397.440 Minuten sind nur ein kleiner Teil der Geschichte. Diese Lebenszeit habe ich verpasst.“

Suchttherapeut rät: Kein kompletter Verzicht möglich

Im Unterschied zu Betroffenen, die eine stoffgebundene Sucht überwunden haben, konsumiert Ronald Stolz seine Droge "das Internet" weiterhin. Laut dem Suchttherapeuten Nils Pruin hat er auch keine andere Alternative. "Eine Abstinenz vom Internet ist in unserer heutigen Gesellschaft nicht möglich und auch nicht erstrebenswert. Es ist wichtig, die suchtauslösenden Funktionen und Anwendungen der Betroffenen am Bildschirm herauszuarbeiten und zu lernen, diese gegebenenfalls zu vermeiden."

Zwei Personen im Gespräch.
Befreit von seiner Spielsucht lernte Ronald Stolz seine Freundin Jaqueline kennen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Struktur ist notwendig

Ronald Stolz hat heute mehrere technische Geräte, die er streng unterscheidet. So hat er zum Beispiel ein Handy, welches er nur für die Arbeit nutzt und eins für private Telefonate. Er hat auch mehrere Rechner, u.a. auch einen für Spiele. Seine Bildschirmzeit hat er aber heute streng getaktet. Aufhören macht ihm heute nichts mehr aus. "Ich weiß, dass das Spiel auch ohne mich auskommt. Ich muss nicht mehr ständig online sein." Die Zeit verbringt er auch lieber mit seiner neuen Freundin. Zu seiner Exfrau und seinen Stiefsöhnen hat er heute keinen Kontakt mehr. Umso mehr hat er viel für den Verein zu tun.

Was ist Computer- und Internetsucht? Der Begriff Computer- und Internetsucht bezieht sich auf verschiedenste Online-Aktivitäten. Ein problematisches Internetnutzungsverhalten entsteht häufig durch Internetpornografie, die sozialen Medien, hohe YouTube-Nutzungszeiten, Netflix und andere Streaming-Dienste. Auch Online-Kaufsucht und Online-Glücksspiel fallen in den Bereich Computer- und Internetsucht. Die Computerspielsucht gilt sogar als eine von der WHO anerkannte Erkrankung.

Ein Mann in einem Büro
Suchttherapeut Nils Pruin (50) leitet das Fachgebiet Medien- und Internetsucht des Caritasverbandes der Diözese Augsburg e.V. und arbeitet als Therapeut, u.a. mit betroffenen Internet-Usern. Zusätzlich gibt er freiberuflich Seminare und Workshops und hält u.a. Vorträge zum Thema Computer-, Smartphone- und Internetsucht. Den speziellen Internetsüchtigen gibt es für ihn nicht.  Bildrechte: Umschau

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MDR Wirtschaftsredaktion

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 12. Mai 2022 | 21:00 Uhr

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