Virusmutation Merkel spricht von "neuer Pandemie" – was sagen Experten?

Als Bundeskanzlerin Angela Merkel Anfang der Woche die Verlängerung des Lockdowns verkündete, sprach sie in Hinblick auf die Virusmutation aus Großbritannien von einer "neuen" Pandemie: "Im Wesentlichen haben wir ein neues Virus, natürlich derselben Art, aber mit ganz anderen Eigenschaften – deutlich tödlicher, deutlich infektiöser, länger infektiöser." Doch was halten Ärzte und Epidemiologen davon? Haben wir tatsächlich eine neue Pandemie?

Angela Merkel
"Wir haben jetzt ja im Grunde eine neue Pandemie", sagte Merkel, "die Mutation Großbritanniens hat die Mehrheit übernommen unter dem Virus." Bildrechte: dpa

Alles neu macht die Virusmutation? Haben wir wegen der britischen Corona-Variante eine neue Pandemie? Rein vom Lehrbuch her gesehen, stimme die Formulierung der Kanzlerin so nicht, sagt der Leipziger Virologe Uwe Gert Liebert, aber: "Das ist eine ganz gute Beschreibung, wenn sie sagt, es fühlt sich an wie eine neue Pandemie. In Wirklichkeit ist es natürlich nur eine Fortsetzung der Pandemie mit einem veränderten Virus." Denn dass Viren mutieren, komme in der Evolution immer wieder vor. So habe das SARS-Corona-Virus im vergangenen Jahr mehrere hundert, vielleicht sogar mehrere tausende Mutationen entwickelt, schätzt Liebert.

Virusmutation setzt sich durch

Allerdings hätten nur einige wenige neue Eigenschaften aufgezeigt, ergänzt Markus Scholz vom Institut für medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie der Universität Leipzig. "Bei der neuen Variante ist es tatsächlich so, dass die ansteckender ist und eben einen längeren Infektiositätszeitraum hat und möglicherweise auch eine höhere Mortalität, also Sterblichkeit, und man sieht eben, dass sich diese Variante gerade durchsetzt in Deutschland."

Ungefähr 70 Prozent des Corona-Infektionsgeschehens mache die sogenannte britische Mutation hierzulande derzeit aus, sagt der Epidemiologe Scholz. Anfang April werde sie alle anderen Varianten verdrängt haben und bei nahezu 100 Prozent liegen. Das habe man bereits in anderen Ländern beobachten können. In diesem Sinne habe die Kanzlerin Recht, dass man auf die neuen Parameter reagieren müsse, so Scholz. Er und Liebert betonen jedoch: "Wer geimpft wird oder geimpft ist, der ist auch gegen diese Variante des Virus geschützt."

Und das zeigt sich bereits in der Statistik. Die Alten werden nicht mehr so häufig krank. Was nicht daran liegt, dass die neue Variante es auf eine bestimmte Altersgruppe abzielt, sondern, weil eben die älteren Menschen durch die Impfungen geschützt sind, sagt Virologe Liebert. "Und deshalb werden jetzt vor allem 40-, 50-, 60-Jährige infiziert und krank und kommen dann auch unter Umständen auf die Intensivstation."

Epidemiologe befürwortet strengen Lockdown

Die Politik müsse deshalb alles daran setzen, die Impfungen voranzutreiben, fordert Liebert. Solange das nicht ausreiche, müssten die Kontakte reduziert werden. In diesem Sinne seien die Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz für einen strengeren Lockdown richtig gewesen, findet auch Epidemiologe Scholz. Denn die aktuellen Infektions-Zahlen zeigen: "Wir sind an der oberen Grenze dessen, was wir modellseitig erwartet hätten für die stärkere Infektiosität. Also, wir sind eigentlich schon in dem Worst-Case-Szenario, muss man sagen."

Auch der Intensivmediziner-Verband Divi lobt den Beschluss von Bund und Ländern. Die Politik habe angesichts der dritten Welle vollkommen richtig gehandelt.

Der Präsident der sächsischen Landesärztekammer sieht die Notbremse dagegen als Konsequenz von Versäumnissen: "Das geht beim Impfen los, das geht beim Testen weiter, das geht bei intelligenten Konzepten weiter und beginnt oder endet bei der Digitalisierung, wie man das gerne haben will. Leider haben wir es versäumt, andere Maßnahmen viel besser und günstiger umzusetzen."

Nun bleibe nur der Appell an die Bürger, sich an die Kontaktbeschränkungen über Ostern zu halten, sagt Bodendieck.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: 24. März 2021 | 08:08 Uhr

167 Kommentare

DER Beobachter vor 26 Wochen

Ritter Runkel: Welche aktuelle Auflage und Sachbezug zur konkreten Covid-Situation? Sollten Sie tatsächlich gerade Medizin studieren, hoffe ich, dass ich mich nach Ihren bisherigen Kommentaren von Ihnen niemals beraten lassen müsste.

DER Beobachter vor 26 Wochen

Naja, ich sehe mich nicht als Untertan. Sie etwa? Oder doch nur Propaganda? In der Tat sprechen wir uns im Herbst. Bis dahin fließen noch viele Bäche. Nicht nur in der Coronafrage und nicht nur in den bisherigen Impfunsäglichkeiten. Und nicht nur in D und seinen Ländern und Kreisen...

DER Beobachter vor 26 Wochen

"Meine Frau und Kinder arbeiten ALLE in Krankenhäusern verstreut auf ganz Deutschland" HERRLICH ;) Aber alle in Friede-Freude-Eierkuchenkrankenhäusern. KÖSTLICH ;) (Bitte MDR ausdrücklich um Freigabe auf das allzu offensichtliche Fake des Faultiers)

Mehr aus Panorama

Viele junge Menschen stehn mit Transparenten für bessere Klimapolitik vor dem Reichstagsgebäude in Berlin 1 min
"Fridays for Future" - Aktionstag für bessere Klimapolitik vor der Bundestagswahl Bildrechte: Reuters

Kurz vor der Bundestagswahl protestieren am Freitag deutschlandweit Zehntausende Menschen für eine bessere Klimapolitik. Die Klimabewegung "Fridays For Future" hatte zu dem Aktionstag aufgerufen.

24.09.2021 | 15:29 Uhr

Fr 24.09.2021 15:16Uhr 01:07 min

https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/panorama/video-557374.html

Rechte: MDR, Reuters, EBU, AP

Video
Bundeskanzlerin Angela Merkel als Räucherfigur 1 min
Bundeskanzlerin Angela Merkel als Räucherfigur Bildrechte: Telenewsnetwork

Zum Ende ihrer Kanzlerschaft gibt es Angela Merkel nun auch als Räucherfigur aus dem Erzgebirge. Hergestellt wird die Holzfigur in der Schauwerkstatt der Seiffener Volkskunst im Erzgebirge.

24.09.2021 | 11:35 Uhr

Fr 24.09.2021 11:22Uhr 00:54 min

https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/panorama/video-557274.html

Rechte: Telenewsnetwork, MDR, Reuters

Video

Mehr aus Deutschland