Geschlechterunterschiede bei COVID-19 Infektiologin: Männer häufiger auf der Intensivstation

Es klingt paradox: Frauen stecken sich häufiger mit SARS-CoV-2 an. Aber Männer erleiden schwerere COVID-19-Verläufe und sterben häufiger daran. Infektiologin Dr. Irit Nachtigall erklärt neue Erkenntnisse zu Geschlechterunterschieden in der Coronaforschung.

Eine Frau mit Behelfs- Mund und Nasenmaske in der Innenstadt von Jena.
"Bei uns sind die Zahlen so, dass Frauen sich zu 75 Prozent anstecken, weil sie mehr in den Berufen arbeiten, die nah am Menschen sind", erklärt Dr. Irit Nachtigall. Bildrechte: imago images/MedienServiceMüller

Männer sterben häufiger an einer einer COVID-19-Erkrankung

Noch steht die Forschung am Anfang, aber es zeichnen sich deutliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern ab. So liegt die Zahl der Coronainfektionen bei Frauen etwas höher. Männer müssen aber häufiger wegen einer COVID-19-Erkrankung auf der Intensivstation behandelt werden und sie sterben auch häufiger an COVID-19, erklärt Dr. Irit Nachtigall Regionalleiterin Infektiologie bei den Helios Kliniken in der Region Ost. Die Ursachen dafür sind vielfältig.

Immunsystem von Frauen schützt besser gegen Viren

Eine entscheidende Rolle spielen die Geschlechtshormone. Sie sorgen dafür, dass die weibliche Abwehr von Viren anders funktioniert als bei Männern. "Das kann man aus der Urgeschichte der Menschen erklären", erläutert Dr. Irit Nachtigall.  "Wenn der Mann sein Werk getan und sich vermehrt hatte, dann wurde er nicht mehr so viel gebraucht wie die Frau, die die Kinder aufziehen musste." Deshalb mussten Frauen besser gegen Infektionskrankheiten gefeit sein. Das habe sich bis heute durchgezogen, dass das Immunsystem von Frauen zumindest gegen einen Teil der Infektionskrankheiten besser gewappnet ist.

Irit Nachtigall
Dr. Irit Nachtigall ist Infektiologin am Helios Klinikum Bad Saarow. Bildrechte: Helios Kliniken Sachsen-Anhalt/Thomas Oberländer

Überschießende Abwehr bei Männern

Männer und Frauen benutzen unterschiedliche Abwehrmechanismen. "Frauen haben mehr zelluläre Abwehr", so Dr. Irit Nachtigall. Die Immunabwehr von Frauen arbeite spezifischer – mit feinen Instrumenten. "Männer machen mehr über Antikörper." Diese lösen eine unspezifische und überschießende Antwort des Körpers aus. Das erkläre auch die schweren Verläufe bei Männern mit den so genannten Zytokin-Stürmen.

Zytokin-Sturm-Syndrom Bei einem Zytokin-Sturm-Syndrom produziert das Immunsystem zu viele Entzündungssignale. Dies kann in der Folge zu Organversagen führen oder sogar zum Tod.

Warum stecken sich mehr Frauen mit SARS-CoV-2 an?

Die Zahlen sind von Land zu Land sehr unterschiedlich, erklärt Dr. Irit Nachtigall. "Bei uns sind die Zahlen so, dass Frauen sich zu 75 Prozent anstecken, weil sie mehr in den Berufen arbeiten, die nah am Menschen sind. Frauen arbeiten in der Pflege, am Krankenbett." Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung bekleiden Frauen 75 Prozent der systemrelevanten Berufe. Deshalb haben sie in ihrem beruflichen Umfeld ein erhöhtes Infektionsrisiko.  

Frauen seltener auf der Intensivstation

Männer werden häufiger mit COVID-19 auf Intensivstationen behandelt. Das Verhältnis liegt mindestens bei 60 zu 40. "Aber wenn Frauen erst einmal auf der Intensivstation angekommen sind, ist da kein großer Unterschied mehr in der Sterblichkeit – vor allem wenn sie beatmet werden", beschreibt Dr. Irit Nachtigall.

Wenn es den Frauen erst einmal so schlecht geht, dass sie beatmet werden müssen, dann haben die weiblichen Mechanismen nicht ausreichend geholfen. "Aber auf dem Weg bis dahin haben unsere weiblichen Körper offenbar mehr Möglichkeiten, mit dem Virus besser fertig zu werden."

 

COVID-Behandlung für Mann und Frau unterschiedlich?

Diese wichtige Frage ist seitens der Wissenschaft noch nicht beantwortet. Dr. Irit Nachtigall forscht ganz aktuell dazu. "Es gab während der letzten Corona-Welle die Idee, dass man Cortison bei allen gibt, weil das diese überschießende Immunfunktion ein bisschen kappt." Wenn Frauen diese Reaktion aber gar nicht haben, dann brauchen sie vielleicht auch kein Cortison, so die Annahme der Expertin für Infektiologie.

Bisher gibt es noch keine unterschiedlichen Empfehlungen bei der Behandlung von Männern und Frauen. "Aber wir sollten intensiv darüber nachdenken. Wenn wir schon gute Hinweise haben, dass unsere Körper unterschiedlich reagieren, werden wir vermutlich auch andere Medikamente brauchen."

Expertin unterstützt mehr Forschung zu Geschlechterunterschieden

Dass Männer- und Frauenherzen anders ticken, dazu wurde bereits intensiv geforscht. Auch in der Neurologie sind Unterschiede zwischen Mann und Frau im Fokus. Aber im Bereich der Infektiologie sind Geschlechterunterschiede noch nicht sehr gut erforscht. "Weil man gedacht hat, es ist eher der Erreger, der das Problem macht. Und den Erreger muss man ja immer gleich bekämpfen", beschreibt Dr. Irit Nachtigall, die sich für mehr Forschung in diesem Bereich einsetzt. "Das ist ein sehr unbeackertes Feld, das mir sehr viel Freude macht."

Reagieren Männer und Frauen unterschiedlich auf COVID-19-Impfungen?

Die Impfungen scheinen bei Männern und Frauen gleich gut zu wirken. "Aber Frauen haben mehr Nebenwirkungen", so Dr. Irit Nachtigall. Dies ergab eine Abfrage unter Mitarbeitenden der Helios-Kliniken. "Wir haben gefragt, wie sie auf die Impfung reagiert haben." 10.000 Antworten wurden ausgewertet. Das Ergebnis: Frauen hatten längere und stärkere Reaktionen und waren auch länger arbeitsunfähig. "Das würde darauf hindeuten, dass sie auch eine bessere Wirkung der Impfung haben, weil man ja weiß, wenn der Körper stark auf den Impfstoff reagiert, dass es dann auch länger funktionert" so Dr. Irit Nachtigall.

Zur Person Dr. Irit Nachtigall ist Fachärztin für Anästhesie und Intensivmedizin und Regionalleiterin der Infektiologie bei den Helios Kliniken in der Region Ost. Sie ist auf die Diagnostik, Therapie und Vorbeugung von Infektionskrankheiten mit schwer beherrschbaren oder seltenen Erregern spezialisiert.

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