Sexuelle Dienste Die Probleme für Prostituierte in der Corona-Pandemie

Seit Beginn der Corona-Pandemie ist Sexarbeit fast durchgängig verboten gewesen. Doch was bedeutet dies für die Menschen in dieser Branche? Bekommen sie finanzielle Hilfen oder müssen sie aus Not weiterarbeiten – und was bedeutet es, wenn das Geschäft noch mehr in die Illegalität abdriftet?

Ein Flyer mit der Aufschrift "No Sex, only massage welcome, safety first" liegt auf einem Tisch in einem Arbeitszimmer des Bordells "Lauras Girls".
Ein Flyer mit der Aufschrift "No Sex" liegt im Arbeitszimmer eines Bordells (Symbolbild). Bildrechte: dpa

"Die Freier sagen ja jetzt nicht, weil es Corona gibt oder das Bordell zu hat, gehen sie nicht mehr zum Ficken", sagt Jasmin. Sie arbeitet seit Anfang 2020 als Prosituierte. In ihrer Wohnung hat sie dafür ein Arbeits- und ein Domina-Zimmer eingerichtet. Freier können bei ihr auch in einem Gästezimmer übernachten – ebenfalls gegen Bezahlung. Da Jasmin erst wenige Wochen vor Ausbruch der Pandemie mit der Sexarbeit begonnen hat, haben sie die damit verbundenen Einschränkungen besonders hart getroffen.

Ohne staatliche Hilfen hätte "ich gar nicht überlebt", sagt Jasmin. Nach langem Warten hat sie vor einigen Wochen die Corona-Hilfen für November und Dezember bekommen. Ansonsten hätte sie auf Erspartes zurückgreifen oder Hartz IV beantragen müssen. Doch auch mit den Hilfen habe es nicht gereicht.

Für Jasmin sei daher nicht in Frage gekommen, komplett mit der Arbeit aufzuhören – und die Freier kamen weiterhin. "Die großen Häuser haben ja gerade zu", sagt Jasmin. Das sei für sie sogar ein Vorteil: Die Freier würden nun auf Wohnungen wie ihre ausweichen, denn die Nachfrage sei vorhanden

Trotz Corona: Bis zu 15 Kunden pro Woche bei Prostituierter

Ihr Angebot: Massage, Küssen, Kuscheln, Schmusen, Spanisch, Französisch, Verkehr. "Das ist das Normale", sagt Jasmin. "Eigentlich dürfte ich nur Massage machen." So war es in der Corona-Verordnung vorgeschrieben. "Auch wenn es sich blöd anhört, es geht darum, die Kundschaft zu halten." Ansonsten müsse sie am Ende der Pandemie wieder bei null anfangen. "Corona geht ja noch lang."

Jasmin sagt, dass sie derzeit so zehn bis 15 Kunden pro Woche empfängt. Die Treffen laufen ohne Maske ab. Angst vor einer Ansteckung mit Covid-19 und den Folgen einer solchen Erkrankung habe sie nicht. "Ich gehe regelmäßig in diese Corona-Testcenter und ich bin bis jetzt noch nie positiv getestet worden", sagt die junge Frau.

Ebenso befürchtet Jasmin nicht, dass ihr eine Kontrolle etwas anhaben könnte. Eigentlich drohen Strafen bei Verstößen gegen die Verordnung. "Ich kann immer noch sagen, dass ich Zimmer an Berufspendler vermniete", sagt sie. Solange ihr nicht nachgewiesen werden könne, "dass ich Verkehr mache oder sowas, können sie nichts machen."

Arbeit mit Sex: In Leipzig könnten es bis zu 800 Menschen sein

Allein in Leipzig sollen 600 bis 800 Menschen in der Sexarbeit tätig sein, schätzt Linda Apsel von der Fachberatungsstelle Leila. Bei dieser Anlaufstelle in Leipzig werden Sexarbeitende in allen Lebenslagen beraten – auch in der Pandemie. Das Sozialministerium sagt gegenüber MDR exakt: In ganz Sachsen sind nur 800 Personen nach dem Prostituiertenschutzgesetz angemeldet. Es ist offenbar nicht so leicht herauszufinden, wie die Sexarbeitslandschaft allein in Sachsen aussieht.

Dementsprechend ist es noch schwieriger herauszufinden, wie viele Sexarbeitende Corona-Hilfen bekommen haben. Diese werden von der Sächsischen Aufbaubank ausgezahlt, doch eine spezielle Statistik zur Sexarbeit werde nicht geführt, teilt man MDR exakt mit.

Nur wenige Prostituierte haben Anspruch auf Corona-Hilfe

Ein anderes Problem: Anrecht auf Hilfen hätten zwar einige Sexarbeiterinnen, doch oft seien die fehlende Registrierung oder Sprachbarriere das Problem, erklärt Linda Apsel. Viele fielen aber auch durchs Raster, weil sie keine klassischen Betriebskosten hätten. "Diese Nothilfeprogramme zielen vor allem darauf ab, dass Betriebskosten erstattet werden." Bei einem Friseursalon sei das klar. Die Prostituierten würden dagegen etwa in Wohnungsbordellen eine Tagesmiete zahlen. Diese Kosten oder auch Einkommensausfälle könnten sie aber nicht geltend machen.

Linda Apsel schätzt, dass von ihren Klientinnen nur "ein ganz geringer Anteil" staatliche Hilfen während der Corona-Pandemie bekommen habe. "Ich weiß von zwei deutschen Sexarbeiterinnen." Viele seien daher gezwungen gewesen, weiter zu arbeiten – trotz der Illegalität.

Wir beobachten gerade, je länger die Arbeitsverbote andauern, je länger diese Perspektivlosigkeit anhält, desto mehr Menschen sehen sich einfach gezwungen, wieder zu arbeiten.

Linda Apsel Fachberatungsstelle Leila

Mehr Probleme durch Abdrängung in Illegalität

Zudem ergibt sich aus der Illegalität noch ein ganz anderes Problem: Nun trauen sich bei Übergriffen durch Freier noch weniger Sexarbeiterinnen die Polizei zu rufen. "Es herrscht Rechtsunsicherheit, weil sie wissen, dass sie gerade etwas Illegales tun", sagt Linda Apsel von Leila. "Die Lage ist angespannt."

Doch warum ist das so? "Ich glaube, es liegt daran, weil es eine ganz andere Vorstellung davon gibt, wie Sexarbeit stattfindet", sagt Linda Apsel. Es herrsche ein Bild von Rotlicht und großen Laufhäusern. Sexarbeit in ihrer ganzen Breite werde gar nicht richtig erfasst und vieles finde auch im Verborgenen statt. Besonders schwierig wird es für Sexarbeiterinnen aus dem Ausland. "Die Menschen haben ja auch keine Lobby, keine Stimme." Erst jetzt komme durch vermehrte Berichte eine Vorstellung auf, "wie Sexarbeit aussieht und was die für Bedarfe haben."

Quelle: MDR exakt/ mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR Aktuell | 08. Juli 2020 | 05:21 Uhr

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