Zehntausende Dosen auf Lager Wohin mit dem Astrazeneca-Impfstoff?

Deutschland lagern viele Dosen Astrazeneca-Vakzin, erste drohen zu verfallen. Mit der nachlassenden Impfnachfrage hat die Bundesregierung plötzlich ein Problem: Wohin mit dem Impfstoff?

Eine Impfärztin zieht eine Spritze mit Astrazeneca-Impfstoff auf.
Erst großer Hoffnungsträger, dann Ladenhüter: Astrazeneca. Bildrechte: imago images/NurPhoto

Es war im März dieses Jahres, als der Streit zwischen der EU und dem britisch-schwedischen Impfstoff-Hersteller Astrazeneca eskalierte. Kommissionpräsidentin Ursula von der Leyen drohte angesichts von Lieferengpässen damals sogar mit einem Exportstopp des in der EU produzierten Vakzins.

Nur fünf Monate später hat sich die Lage komplett geändert: Deutschland sucht nach einem Abnehmer für die bestellten Astrazeneca-Impfdosen – und in den Impfzentren und Arztpraxen will sich fast niemand mehr mit dem Vakzin immunisieren lassen. "Der Astrazenaca-Impfstoff wird praktisch gar nicht mehr nachgefragt", sagt Klaus Heckemann. Er ist Arzt und Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen. "Der kurzfristige Impfstopp im Frühling hat einen irreversiblen Schaden hinterlassen." Dabei sei der viel mehr nachgefragte Impfstoff von Biontech zumindest für die älteren Impflinge gar nicht unbedingt nebenwirkungsärmer, sagt Heckemann.

Öffentlichkeitswirksames Impfen

Um das Vertrauen zu erhöhen, impften sich Politiker wie Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) oder seine Kabinettskollegin und Sozialministerin Petra Köpping (SPD) öffentlichkeitswirksam mit Astrazeneca. Doch geholfen hat es offenbar nicht viel. Laut Sachsens KV-Chef Heckemann wollen die Patienten für ihre Zweitimpfung fast alle Biontech statt Astrazeneca.

Zum mangelnden Vertrauen kommt die allgemein zurückgehende Nachfrage nach Coronaimpfungen. Bund und Länder stehen damit vor einem Problem: Sie müssen sich überlegen, was mit dem bereits ausgelieferten und dem für den Rest des Jahres bestellten Impfstoff geschehen soll.

Impfstoff wird gespendet

Zu Letzerem hat die Bundesregierung inzwischen einen Plan: Am 7. Juli beschloss das Kabinett, bis Ende des Jahres insgesamt mindestens 30 Millionen Impfdosen Astrazeneca und Johnson & Johnson abzugeben. Die Vakzine sollen unentgeltlich vor allem an Entwicklungsländer gehen. Mindestens 80 Prozent davon im Rahmen der Covax-Impf-Initiative der Vereinten Nationen. Ein kleiner Teil der Dosen soll zudem bilateral an Staaten auf dem Westbalkan sowie das ehemalig von Deutschland besetzte Namibia in Südwestafrika gehen. Losgehen soll es im August.

Von der geplanten Abgabe wären damit ein Großteil der künftigen Lieferungen betroffen. Diese sehen bisher (Stand 22. Juni) alleine für das dritte Quartal 19 Millionen bestellte Impfdosen Astrazeneca sowie 15,8 Millionen Dosen Johnson & Johnson vor. Dazu kommen noch 40,2 Millionen Dosen Biontech sowie 30,3 Millionen Dosen Moderna. Was mit den möglichen überschüssigen Vakzinen von Biontech und Moderna geschehen soll, ist derzeit noch nicht bekannt. Noch werden diese nachgefragt.

Impfdosen bereits bei Ärzten und in Verteilzentren

Doch trotz Abgabe künftiger Lieferungen – bundesweit lagern weitere Astrazeneca-Impfdosen. Sie liegen bei Kassenärzten oder in den Verteilzentren der Länder für die Impfzentren. Alleine in Sachsen lagert das zuständige DRK mehr als 180.000 Dosen Astrazeneca und rund 70.000 Dosen Johnson & Johnson, wie das Sozialministerium dem MDR mitteilte. In Thüringen sind es laut dortigem Gesundheitsministerium rund 30.000 Impfdosen Astrazeneca und 20.000 der Firma Johnson & Johnson. Sachsen-Anhalt machte keine genauen Angaben.

Wie viele Impfdosen deutschlandweit wo genau lagern, teilte das Bundesgesundheitsministerium nicht mit. Derzeit versuche man sich aber einen Überblick zu verschaffen, heißt es. Geliefert wurden an Deutschland bisher gut 18 Millionen Dosen Astrazeneca und rund 3,9 Millionen Dosen Johnson & Johnson sowie gut 66 Millionen Dosen Biontech und rund 8,5 Millionen Dosen Moderna. Aus Daten des RKI lässt sich aber herauslesen, dass (Stand 14. Juli) in Deutschland insgesamt gut zwölf Millionen Impfungen mit Astrazeneca durchgeführt wurden (rund neun Millionen Erstimpfungen und drei Millionen Zweitimpfungen).

Ob die bereits an die Länder und Ärzte ausgelieferten Astrazenca-Impfdosen – die aber nicht mehr nachgefragt werden – ebenfalls im Rahmen des Impfprogramms der Vereinten Nationen, Covax, abgegeben werden sollen, ist noch nicht klar. Aus dem Sozialministerium Dresden heißt es dazu, die Frage sei noch nicht abschließend beantwortet. Thüringen und Sachsen setzen darauf, dass die gelagerten Impfstoffe noch verimpft werden können.

Einsammeln oder vernichten?

Klar ist: Das Einsammeln bei den Ärzten wäre eine logistische Herausforderung. "Das Einsammeln würde sich nicht lohnen", sagt Sachsens KV-Vorsitzender Heckemann. Er geht deshalb davon aus, dass Impfdosen teilweise entsorgt werden müssten. Allerdings seien die meisten Dosen, die jetzt bei den Ärzten liegen, noch einige Zeit haltbar. Logistisch weitaus einfacher wäre dagegen wohl das Einsammeln aus den Zentrallagern der Länder.

Klar ist: Entscheidungen müssten bald getroffen werden. Denn sechs Monate nach der Produktion müssen die Astrazenecadosen wegen der ablaufenden Haltbarkeit vernichtet werden. Erste Chargen drohen bereits abzulaufen: Laut BMG verfallen im dem im Verteilzentrum des Bundes gelagerten Impfdosen noch im Juli insgesamt 1.375 Dosen.

In Sachsen ist es laut dem für die Impfzentren zuständigen DRK im August bei 800 Dosen der Fall. Aus Sachsen-Anhalt hieß es, die Impfdosen würden derzeit nicht vor dem Verfall stehen, genauere Angaben wurden nicht gemacht. In Thüringen verfallen Ende Juli rund 6.700 Astrazeneca-Dosen, allerdings hofft das Gesundheitsministerium, dass diese noch bei Zweitimpfungen eingesetzt werden können.

Sachsen hatte nach Angaben des Sozialministeriums noch im Juni ein kurzfristiges Angebot des Bundes über zusätzliche Astrazeneca-Impfdosen angenommen. Im Juli stornierte das Bundesland dann weitere Anlieferungen.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: Das Erste | Brisant | 15. Juli 2021 | 17:15 Uhr

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