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Omikron ist eine von mehr als 1.000 benannten Varianten des Coronavirus. Bildrechte: imago images/Christian Ohde

Alpha, Delta, OmikronWarum es immer neue Virusvarianten gibt und wie wir uns weiter schützen

von Andrea Besser-Seuß, Hauptsache Gesund

Stand: 30. November 2021, 16:50 Uhr

Die neue Virusvariante Omikron macht sich breit. Wieso kommt es zu immer neuen Mutationen des Coronavirus? Was bedeutet das für den künftigen Immunschutz? Wir haben dazu drei Virologen aus Mitteldeutschland befragt: Prof. Alexander Dalpke, Direktor am Institut für Medizinische Mikrobiologie und Virologie am Uniklinikum Dresden, Prof. Achim Kaasch, Direktor am Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene Magdeburg und Dr. Torben Schiffner, Impfstoff-Forscher an der Uni Leipzig.

Omikron ist eine von mehr als 1.000 benannten Varianten des Coronavirus SARS CoV2. Und es wird noch weitere geben – das sagt Prof. Achim Kaasch, Direktor am Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene Magdeburg. Doch längst nicht alle sind aus seiner Sicht besorgniserregende Varianten. Das hängt davon ab, welche Varianten sich durchsetzen.

Welche Virusvarianten das Infektionsgeschehen bisher besonders beeinflussen

Die fünf wichtigsten Varianten

– Alpha, B.1.1.7 –

  • im September 2020 in Großbritannien erkannt
  • etwa dreimal so ansteckend wie der ursprüngliche SARS CoV2-Wildtyp
  • verdrängte den "Wildtyp"
  • dominierte im Frühjahr 2021 die Pandemie
  • Hinweise auf höhere Sterblichkeit

– Beta, B.1.351 –

  • südafrikanische Variante
  • über sie wurde erstmals im Dezember 2020 berichtet
  • höhere Gefahr einer Infektion, weil Antikörper des Immunsystems weniger wirksam gegen diese Variante sind
  • konnte sich in Europa und den USA nicht ausbreiten
  • wurde durch die Alpha-Variante verdrängt  

– Gamma, P.1 –

  • brasilianische Variante, ähnelt in ihren Veränderungen der südafrikanischen Beta-Variante
  • im November 2020 nachgewiesen
  • ebenfalls geringere Wirksamkeit der Antikörper bei Geimpften und Genesenen
  • Ausbreitung nur in Süd- und Mittelamerika
  • ab August 2021 durch die Deltavariante verdrängt

– Delta, B.1.617.2 –

  • erstmals im Oktober 2020 in Indien entdeckt
  • am 24.12.2020 erster Nachweis in Deutschland
  • etwa sechs mal ansteckender als der "Wildtyp"
  • dominiert seit Ende Juni 2021 das Infektionsgeschehen in Europa
  • Delta ist bislang die dominierende Variante in Deutschland.
  • Beta und Gamma sind bislang nur selten nachgewiesen worden.

– Omikron, B.1.1.529 –

  • im November 2021 in verschiedenen Ländern nachgewiesen
  • 29.11.21: erster Fall in Sachsen nachgewiesen, Patient hatte mutmaßlich keine Kontakte zum Ausland
  • gehäufte Fälle in Südafrika

Mutationen sind normal

Grundsätzlich mutieren alle Viren, sie passen sich an den Wirt und die Bedingungen an. Mutationen entstehen zufällig. Manche sind nicht vereinbar mit dem Weiterleben des Virus, andere schon. Das Coronavirus weist eine Besonderheit auf, erklärt Prof. Alexander Dalpke, Direktor am Institut für Medizinische Mikrobiologie und Virologie am Uniklinikum Dresden: Es verfügt nämlich gleichzeitig über eine Korrekturfunktion, das heißt, dass Mutationen repariert werden können und deshalb nicht so häufig auftreten. Das ist der Unterschied beispielsweise zu Influenza-Viren.

Prof. Alexander Dalpke ist Direktor am Institut für Medizinische Mikrobiologie und Virologie am Uniklinikum Dresden. Bildrechte: Volker Bellmann

Prof. Dalpke führt weiter aus, dass sich Mutationen in verschiedene Richtungen auswirken. Zum einen kann sich die Übertragbarkeit des Virus verändern – das war zum Beispiel der Fall, als Alpha den ursprünglichen SARS CoV2-Wildtyp abgelöst hat, aber auch beim Übergang zur beherrschenden Delta-Variante. Die jeweils nachfolgende Variante war dabei ansteckender als die vorherige.

Mutationen können auch dazu führen, dass das Virus die Immunabwehr des Wirtes leichter umgeht, sich also ungehinderter ausbreiten kann. Das war zum Beispiel bei der südafrikanischen Beta-Variante der Fall, die aber nicht ansteckender war und sich deshalb nicht großflächig ausbreiten konnte. Es gibt auch Mutationen, die die Schwere der Erkrankung beeinflussen, so wie man es ursprünglich auch bei Delta vermutet hatte, was dann aber nicht der Fall war.

Viren stehen ständig unter Beobachtung

Überall auf der Welt werden Viren regelmäßig sequenziert. Das heißt, man untersucht das Genom des Virus auf Veränderungen. Das ist Standard und wird durch die Weltgesundheitsorganisation WHO überwacht. Prof Dalpke erklärt, dass bei neuen Mutationen unter anderem beobachtet wird, ob sie sich plötzlich ausbreiten: Das kann ein Hinweis sein, dass sie leichter übertragbar sind. Im nächsten Schritt erfolgt die Einsortierung in "variants of interest" (VOI), die besonders beobachtet werden, und "variants of concern" (VOC), besorgniserregende Varianten, so wie das bei der neuen Variante Omikron der Fall ist. Diese weist besonders viele Mutationen auf. In Deutschland werden etwa zehn Prozent der SARS-CoV2-Proben sequenziert, also das Genom genauer untersucht. Zuständig dafür sind das Konsiliarlabor für Coronaviren an der Berliner Charité, aber auch das Robert-Koch-Institut (RKI), Universitätskliniken und Speziallabore führen Genomsequenzierungen durch.

Das Virus trickst das Immunsystem aus

SARS CoC2 verändert sich weiter. Das sieht man aktuell bei Omikron: Hier kommen so viele Mutationen zusammen, dass noch gar nicht klar ist, was diese genau bewirken. Die Sorge ist, dass der Immunschutz durch Impfung oder durchgemachte Infektion nicht mehr greift. Denn neutralisierende Antikörper docken an bestimmten Stellen des Spike-Proteins an – wenn diese Andockstellen aber verändert sind, dann können die Antikörper dort nicht mehr andocken. Das Virus entgeht der körpereigenen Abwehr.

Ganz so einfach ist es nicht, sagen unsere Experten, denn Impfungen wirken nicht nur über Antikörper. Dr. Torben Schiffner, Impfstoff-Forscher von der Universität Leipzig, ist zuversichtlich, dass die Impfstoffe, die aktuell in Deutschland zur Verfügung stehen, nach wie vor gut vor einer schweren Erkrankung schützen. Auch Prof. Dalpke vom Universitätsklinikum Dresden hält es für unwahrscheinlich, dass die neu entdeckte Variante Omikron dem Immunsystem komplett entgeht. Es gebe ja beispielsweise auch die T-Zellen, die zusätzlich zu den Antikörpern an der Abwehr beteiligt sind und auch mutierte Viren erkennen. Der Magdeburger Mikrobiologe Prof. Kaasch setzt in der aktuellen Situation stark auf weitere Impfungen. Indirekt könnten so auch die Mutationen eingedämmt werden, denn grundsätzlich gilt: Hohe Antikörperspiegel verhindern das ungebremste Ausbreiten der Viren, und je weniger Viren zirkulieren, desto weniger Mutationen kann es geben, begründet Prof. Kaasch.

Ob Omikron gefährlicher ist als die Vorgängervarianten, dazu möchte sich keiner der befragten Experten festlegen. Man wisse es zum jetzigen Zeitpunkt einfach noch nicht sicher, aber die bisherigen Daten sprächen nicht dafür, meint Prof. Dalpke.

Prof. Achim Kaasch ist Direktor am Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene Magdeburg. Bildrechte: Universität Magdeburg/Jana Dünnhaupt

Impfstoffe werden angepasst

Die gute Nachricht in der Debatte um die neue Variante: Das Mainzer Unternehmen Biontech startet mit der Anpassung seines Impfstoffes. Es soll ein Vakzin gegen die Omikron-Variante entwickelt werden. Das sei Teil des Standardvorgehens bei neuen Varianten, teilte das Unternehmen am Montag mit. Auch der Impfstoffentwickler Moderna arbeitet mit Hochdruck an einer verbesserten Version seines Vakzins. Omikron hat nach Angaben der WHO besonders viele Mutationen auf dem Spike-Protein, auf das die Corona-Impfstoffe abzielen. Prof. Kaasch glaubt, dass frühestens in einem Vierteljahr mit den neuen Impfstoffen zu rechnen sei.  

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Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 02. Dezember 2021 | 21:00 Uhr