Interview Virologe Stöhr: Keine dramatischen Auswirkungen durch Delta-Variante

Die Delta-Variante hat nach Ansicht des Virologen Klaus Stöhr keine dramatischen Auswirkungen auf die Corona-Pandemie. Er sagte MDR AKTUELL, vorläufige Daten aus England zeigten, dass die Variante höchstwahrscheinlich etwas leichter übertragen werde. Dafür scheine die Schwere der Erkrankung geringer zu sein. Die Pandemiebekämpfung gehe in die richtige Richtung. Lesen Sie hier das komplette Interview.

MDR AKTUELL: Herr Stöhr, Großbritannien oder Israel verschärfen wegen der Delta-Variante die Corona-Regeln bereits wieder. Wie bewerten Sie diese neue Mutation?

Klaus Stöhr: Ja, das ist eine interessante Beobachtung, was die anderen machen. Die Zahlen und Fakten würden eigentlich nicht dafür sprechen, dass wir es wirklich mit einer dramatischen Veränderung zu tun haben. Es ist immer noch dieselbe Pandemie. Die Bekämpfungsmaßnahmen werden auch weiter funktionieren, die RNA-Viren – und dazu gehören auch die Coronaviren – haben diese Möglichkeit, sich zu irren, wenn sie sich vermehren. Dadurch gibt es hier und dort mal ein paar andere Aminosäuren. Dadurch können die auch andere Eigenschaften entwickeln. Zum Glück sehen wir jetzt, und das sind die Zahlen aus England, dass sich die Delta-Variante höchstwahrscheinlich etwas leichter übertragen lässt, aber die Erkrankungsschwere scheint vierfach geringer zu sein. Das sind noch vorläufige Daten. Also dass mehr Hospitalisierungen auftreten, weil die Erkrankung vielleicht schwerer verläuft, das trifft nicht zu.

Was zutrifft ist, dass sich die sogenannte sekundäre Attack-Rate, also die Anzahl der Leute, die dann neu infiziert werden von einem Delta-Erkrankten, erhöht hat, und zwar von acht Prozent ungefähr auf elf Prozent. Das sind auch keine riesen Größenordnungen. Im letzten Bericht der Public Health Laboratory Service von vor vier Tagen haben sie auch noch einmal relativiert, dass die Infektiosität nicht so hoch ist – 60 Prozent stimmt nicht – und sich der Alpha-Variante etwas annähert, sie ist aber tatsächlich höher.

Sie beziehen sich schon auf die wissenschaftliche Begleitung auf Studien. Aber wie aussagekräftig können die denn zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt schon sein?

Die einzigen Daten, die leider vorliegen sind, stammen aus England. Wir hatten ja schon im Dezember angemahnt, dass man solche Studien auch in Deutschland aufsetzen sollte, als die Alpha-Variante zugenommen hat. Es gibt auch jetzt für die Delta-Variante keine Studien und höchstwahrscheinlich auch für die Epsilon und Zeta, die dann kommen, wird es auch keine geben. Man muss sich also auf die Daten verlassen aus dem Ausland, leider.

Die empirischen Daten von der Alpha-Variante waren eigentlich relativ eindeutig: Trotz eines zunehmenden Anteils der Variante, so wie wir es jetzt bei bei Delta auch sehen, hat sich der Bekämpfungsfortschritt eigentlich nicht geändert. Das sehen wir jetzt auch in Deutschland: Die Variante nimmt zu, das wird sich verdoppeln, vielleicht alle zehn Tage. Und trotzdem sehen wir einen Sinkflug der Zahlen, so eine geringe Inzidenz wie im letzten Sommer. Die Sterberate sinkt, die Anzahl der Sterbefälle ist auf sehr niedrigem Niveau. Also es geht alles in die richtige Richtung. Ich sehe jetzt eigentlich keinen Grund, irgendetwas bei der Pandemiebekämpfung zu ändern und auch jetzt schon zu diskutieren, dass man im Herbst vielleicht die Schulen nicht öffnet.

Ich sehe jetzt eigentlich keinen Grund, irgendetwas bei einer Pandemiebekämpfung zu ändern und auch jetzt schon zu diskutieren, dass man im Herbst vielleicht die Schulen nicht öffnet.

Klaus Stöhr Virologe

Aus Großbritannien gibt es Berichte über vollständig Geimpfte, die an der Delta-Variante gestorben sind. Wie wirksam sind also die Impfstoffe, die wir gerade verwenden?

Das macht man ja natürlich nicht fest an Einzelbefunden. Das ist erst einmal tragisch, gar keine Frage. Man muss sich natürlich eine größere Population anschauen. Das haben die Engländer gemacht. Da gibt es große Studien, die haben gefragt, wie viele Leute haben sich denn, nachdem sie das zweite Mal geimpft wurden, danach noch einmal infiziert, innerhalb von 90 Tagen. Und da gibt es Vergleiche zwischen der Alpha-Variante, der Delta-Variante. Und hier sieht man keine Zunahme, also keine Zunahme der sogenannten Impfdurchbrüche. Aber was man natürlich sieht – jetzt machen ja 90 Prozent aller Fälle schon die Delta-Variante aus – dass, was immer jetzt passiert, Erkrankungen, Hospitalisierungen oder auch Todesfälle, wird eben durch die Delta-Variante verursacht, nicht mehr durch Alpha, das jetzt verschwunden ist.

Könnte uns die Delta-Variante schon früher Probleme machen als im Herbst, etwa, weil sie wärmeresistenter ist als andere?

Davon würde ich jetzt erst einmal überhaupt nichts wissen. Und die Daten müsste man über einen längeren Zeitraum wirklich sammeln. Daten habe ich nicht gesehen. Selbst bei den anderen RNA-Viren, da gibt es ja sehr viele, gibt es solche Vergleichsuntersuchungen nicht. Die haben alle eine sehr ähnliche Fettschicht, diese sogenannten behüllten Viren. Diese Fettschicht macht sie empfindlich gegen UV-Strahlen. Im Winter müsste man die UV-Strahlung der Sonne den ganzen Tag auf so ein Virus drauf lassen, damit man es neutralisiert – im Sommer sind das 15 Minuten. Unterschiede gibt es da noch nicht zwischen dem Viren, die man da festgestellt oder publiziert hat.

Also sind mit Blick auf den Herbst diese Szenarien und Spekulationen über Schulschließungen alle verfrüht?

Ich würde trennen. Die Delta-Variante von der Pandemie und dem Pandemie-Verlauf. Auch ohne Delta-Variante und die neuen, die noch kommen werden, wird es im Herbst eine Zunahme der Atemwegserkrankungen geben, wie die letzten Hunderte von Jahren und auch hoffentlich in den nächsten vielen Jahren, weil der Winter immer noch kräftig sein wird. Die Atemwegserkrankungen werden zunehmen, nicht nur bei Corona, auch bei Influenza, bei vielen anderen, Adenoviren, Metapneumoviren und wie sie alle heißen. Und das wird auch in diesem Jahr passieren mit zwei Unterschieden: Der erste Unterschied ist der, dass im Vergleich zu der Influenza sehr viele Personen über 50, 60 Jahren geimpft sind. Also das ist sehr gut. Es wird also weniger Intensivpatienten geben, hoffentlich auch weniger Todesfälle.

Und das andere Besondere ist, dass sehr viele junge Leute immer noch erkranken werden. Viele asymptomatisch mit leichten Erkrankungen, auch mal eine Hospitalisierung. Aber die Pandemie ist in dem Sinne noch nicht vorbei, bis alle ihre Erstinfektion – hoffentlich durch Impfung– und wenn nicht, dann eben die schlechtere Wahl wirklich Infektionen durchhaben. Und dann geht es zur Endemie. Dann läuft das genauso wie bei der Influenza: Im Herbst wird man die Älteren impfen, weil die einen schlechteren Immunschutz und einen schlechteren Immunstatus haben, aber für die anderen wird das alles eine Atemwegserkrankung sein, die man nicht gerne hat. Aber die einen dann auch nicht so sehr stört, dass man sich da jedes Jahr immunisieren muss dagegen.

Bei Jüngeren soll die Delta-Variante vor allem Schnupfensymptome auslösen. Deshalb wird schon vom "Delta-Schnupfen" gesprochen. Wie viel Gelassenheit können wir uns erlauben?

Das ist natürlich völlig daneben, von einem "Delta-Schnupfen" zu reden. Das ist noch eine Pandemie, das ist ein gefährliches Virus. Es hat in Deutschland über 90.000 Todesfälle gegeben. Das kann man nicht irgendwie beiseite drängen. Das ist dasselbe Virus, was besonders bei den Älteren auch eine hohe Todesfallrate verursacht. Dass es bei den Jüngeren milder abläuft und dass Schnupfen, Husten und Niesen dazugehört, das ist bekannt. Dass man das jetzt verharmlost, das ist natürlich auch völlig daneben.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 24. Juni 2021 | 08:20 Uhr

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