Streit um Parole "Wir sind das Volk": DDR-Bürgerrechtler zum Slogan der Corona-Proteste

Raja Kraus, Autorin, Reporterin
Bildrechte: MDR/Isabel Theis

Auch auf den jüngsten Protesten gegen die Corona-Maßnahmen wird der bekannte Satz aus dem Jahr 1989, "Wir sind das Volk!", wieder gerufen. Doch wie stehen Ehemalige aus der DDR-Bürgerbewegung zu der Verwendung im neuen Kontext? Die Meinungen gehen auseinander.

Tausende nehmen an der Demonstration der Stuttgarter Initiative „Querdenken“ auf dem Augustusplatz teil.
In Sachsen finden seit Anbeginn der Pandemie immer wieder Proteste statt. Dort fällt auch häufig der bekannte Satz "Wir sind das Volk!" Bildrechte: dpa

Die Aktivistinnen und Aktivisten der DDR-Bürgerbewegung sind sich, schert man sie alle über einen Kamm, vor allem in der Ablehnung des SED-Staates einig. Doch in vielen anderen Dingen nicht. Und so gibt es auch mit Blick auf die Corona-Proteste und deren Anleihen bei den 1989ern sehr unterschiedliche Auffassungen.

Dutzende Polizisten und hunderte Demonstranten stehen sich gegenüber. 6 min
Bildrechte: MDR/Björn Walther

"Ihr seid nicht das Volk!"

Der ehemalige Leipziger Pfarrer und Bürgerrechtler Rolf-Michael Turek findet, die Friedliche Revolution werde auf den Demos als Mythos zur Legitimation genutzt: "Weil ich mir meiner Argumente nicht sicher bin, greife ich auf diese Kraft von damals zurück und meine, diese mangelnden Argumente damit stützen zu können, von welcher Seite auch immer."

Den Rückgriff auf den Slogan "Wir sind das Volk!" findet Turek unangebracht. Vergangene Woche hat er deshalb auch die Leipziger Erklärung mit dem Titel "Ihr seid nicht das Volk!" unterzeichnet. Die Bürgerrechtlerinnen Gesine Oltmanns und Gisela Kallenbach hatten sie initiiert.

Wonneberger versteht Slogan als Botschaft

Im Herbst 1989 stehen im Anschluss an ein Friedensgebet Teilnehmer mit Kerzen in der Hand vor der Nikolaikirche in Leipzig.
Christoph Wonneberg hat die damaligen Friedensgebete mitorganisiert und sieht Parallelen zu den heutigen Corona-Protesten. Bildrechte: dpa

Christoph Wonneberger bringt diese Erklärung aus der Fassung. Er ist wie Turek ehemaliger Leipziger Pfarrer und Organisator der damaligen "Friedensgebete" in der Nikolaikirche. Wonneberger nimmt selbst regelmäßig an den Corona-Protesten teil: "Da steht also wirklich: Ihr seid nicht das Volk. Also mir tut das auch wirklich weh, dass Kollegen von mir sich da nicht zu schön sind, sich unter so einer Erklärung mit darunterzusetzen. Ihr seid nicht das Volk. Wieso denn? Ihr seid alle das Volk!"

Wonneberger bestreitet nicht, dass der Kontext heute ein ganz anderer ist. Er versteht den Slogan als Botschaft: Wir müssen miteinander reden. Und zwar friedlich. Dafür standen 1989 die Kerzen in den Händen der Menschen. Auch bei den Corona-Protesten wird diese Symbolik benutzt.

Anderer Kontext bei Corona-Protesten

Ulrike Poppe stört sich daran nicht. Sie war einst DDR-Oppositionelle und bis 2017 Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur in Brandenburg.

Sie teilt die Auffassung der Demonstrierenden nicht, sagt aber trotzdem: Gegen Grundrechtseinschränkungen auf die Straße gehen, müsse immer möglich sein und alles, was nicht verfassungswidrig ist, dürfe auch geäußert werden. Also auch "Wir sind das Volk": "Die 1989er haben diesen Slogan nicht gepachtet. Also ich habe wirklich nichts dagegen, dass das gerufen wird. Nur es gibt heute einen anderen Kontext als der, unter dem dieser Slogan entstand, damals 1989. Und insofern ist das schon ein bisschen absurd, diesen Slogan zu verwenden, aber Absurdität ist ja nicht verboten."

Wer die Rhetorik und Symbolik der Friedlichen Revolution benutze, müsse sich auch Kritik gefallen lassen.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 23. Dezember 2021 | 09:36 Uhr

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