#Divigate-Debatte Kritische Stellungnahme zur Corona-Intensivmedizin weist Mängel auf

Im Netz sorgt eine Stellungnahme von Wissenschaftlern und Ärzten für intensive Diskussionen: Dort wird behauptet, dass während der Covid-Pandemie niemals eine Überlastung der Intensivstationen gedroht habe. Doch das Papier weist Mängel auf.

Ärzte und Intensivpfleger kümmern sich um die schwerkranken Covid-Patienten auf der Covid-Intensivstation der Dresdner Uniklinik.
Corona-Intensivstation an der Uniklinik Dresden. Bildrechte: imago images/Max Stein

Es waren 32 Seiten, die in den vergangenen Tagen eine heftige Debatte ausgelöst haben. 32 Seiten Stellungnahme mit dem Titel: "Die Pandemie durch SARS-CoV-2/CoViD-19 – Zur intensivmedizinischen Versorgung in der SARS-2/CoViD-19-Epidemie". Veröffentlicht wurde die Stellungnahme am Sonntag von zehn Autoren, die wiederum vor allem an den Unis Köln und Bremen lehren.

Die Stellungnahme und ein Interview des Hauptverfassers, Matthias Schrappe, mit der Zeitung "Die Welt" verfingen vor allem beim Kurznachrichtendienst Twitter: Dort trendete der Hashtag #divigate – allerdings auch, weil verschiedene Nutzer explizit dazu aufriefen, den Hashtag in ihren Tweets zu erwähnen. Was ebenfalls passierte: Die Debatte wurde schnell aufgeladen, einige Nutzer kritisierten das Thesenpapier massiv und verwiesen auf methodische Mängel.

Verfasser: Es drohten nie Bergamo-Zustände

Doch was steht eigentlich in dem Thesenpapier, das so kontrovers diskutiert wird?

Die Autoren werfen den Intensivmedizinern von der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) vor, zu Unrecht vor einer drohenden Überlastung der Intensivstationen gewarnt zu haben. Patienten seien zudem überdurchschnittlich oft auf Intensivstationen verlegt worden.

Mitautorin Andrea Knipp-Selke sagt zusammenfassend: "Bei uns haben nie Bergamo-Zustände gedroht. Es war immer maximal ein Viertel der Betten mit Corona-Patienten belegt und die anderen Betten waren natürlich voll – man fährt ja auch keine leeren Intensivstationen –, aber die waren nicht mit Covid-Patienten belegt." Und Hauptautor Schrappe sagte dem MDR: "Wir haben, selbst wenn man die Notfallreserve nicht mit einberechnet, immer noch sehr viel intensivmedizinische Kapazität übriggehabt."

Überversorgung Covid-19-Kranker?

Tatsächlich sind im Frühling 2020 und im Winter 2020/2021 jedoch viele planbare Operationen verschoben worden, wodurch Intensivkapazitäten absichtlich freigehalten wurden, um mögliche Covid-Patienten versorgen zu können. Vor diesem Hintergrund sind die Aussagen der Mediziner um Schrappe problematisch.

In der Stellungnahme nennen es die Verfasser eine "Angst-basierte Kampagne", die eine "entscheidende Rolle bei der Durchsetzung der Maßnahmen zur Kontakteinschränkung" gespielt habe. 

Pflegekräfte und Patienten auf einer Intensivstation
Corona-Station in Bergamo. Dort kam es im Frühjahr 2020 zu dramatischen Szenen. Bildrechte: imago images/Independent Photo Agency Int.

In Deutschland sei, so die Autoren, der Anteil der intensivpflichtigen Covid-Patienten höher als in allen anderen europäischen Ländern. Die Autoren schreiben dazu: "In keinem Land werden im Vergleich zur Melderate so viele Infizierte intensivmedizinisch behandelt, und in keinem Land werden so viele hospitalisierte Infizierte auf Intensivstation behandelt." Diese Situation nehme sogar zu und müsse dringend genauer untersucht werden, es drohe eine "Überversorgung".

Fehler in der Berechnung

Doch an genau diesem Argument zu hospitalisierten Patienten gibt es vehement Kritik. Die Divi – die auch das Divi-Intensivbettenregister betreibt, in dem seit dem Frühjahr 2020 die Intensivbetten in Deutschland gelistet sind – schrieb in einer gemeinsamen Stellungnahme mit dem Marburger Bund und der Deutschen Krankenhausgesellschaft: "Gänzlich unbelegt ist der Hinweis, im internationalen Vergleich habe die Versorgung der Covid-Patienten in Deutschland unangemessen häufig in den Intensivstationen stattgefunden." Es sei gerade die Stärke der deutschen Krankenhausstrukturen, die schwerkranken Patienten adäquat in den Intensivkapazitäten zu versorgen. Und weiter: "Wer daraus eine 'Fehlversorgung' konstruiert, müsste gleichzeitig Daten vorlegen, dass die Behandlungsergebnisse in anderen Ländern gleich gut oder sogar besser waren."

Bei den Zahlen zu hospitalisierten Patienten räumte Mitautorin Knipp-Selke am Montag Fehler ein: Es würden gerade neue Berechnungen angestellt. An der Gesamtaussage ändere sich dadurch allerdings nichts.

Das Problem an den Daten, mit denen Knipp-Selke und ihre Kolleginnen und Kollegen ihre Thesen stützen: Sie ziehen zur Berechnung der hospitalisierten Patienten Zahlen des Robert Koch-Instituts heran. Doch die beziehen sich jeweils nur auf die neu aufgenommenen Patienten, ohne Aussage über Dauer und Qualität eines folgenden Krankenhausaufenthalts. Wie viele Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt insgesamt stationär oder intensivmedizinisch behandelt werden mussten, geht aus diesen RKI-Daten nicht hervor.

Bei der Divi stieß die Stellungnahme aber insbesondere auch wegen der expliziten, nicht-medizinisch-wissenschaftlich geleiteten Vorwürfe auf Kritik: "Irreführende Vorwürfe vom Spiel mit der Angst" weise man zurück, heißt es in einer Mitteilung. "Es ging nie um Panik oder Angstmache, sondern immer um Vorsicht. Es ging vor allem um die Versorgung schwerkranker Patienten, Krankenhäuser vor der Überlastung zu bewahren und auf extrem steigende Patientenzahlen dennoch vorbereitet zu sein."

Divi-Hinweis wird übersehen

In der viel diskutierten "Stellungnahme" gibt es weitere fragwürdige Punkte: So heißt es etwa, es seien mehrere tausend Intensivbetten im Laufe der Zeit aus dem Divi-Register verschwunden. "Entweder ist in der Vergangenheit aus noch zu klärenden Gründen falsch gezählt worden, oder es hat eine nachträgliche 'Korrektur' der Zahlen gegeben, die ebenfalls erklärungsbedürftig wäre (natürlich ist theoretisch auch ein gezielter Bettenabbau möglich)."

Die Divi weist das entschlossen zurück: Zwischenzeitlich seien die Betten der Kinderintensivstationen herausgerechnet worden. Denn diese hätten für die Versorgung der Covid-Patienten keine Rolle gespielt. Auf die Veränderung sei in sämtlichen Statistiken explizit hingewiesen worden. Tatsächlich steht dies im Divi-Tagesreport vom 3. März 2021, im Papier der Autorengruppe wird auf den Hinweis nicht eingegangen.

Ungenaue Angaben

Fragen werfen auch weitere Passagen des Papiers der Wissenschaftler um Schrappe und Knipp-Selke auf: Die Autoren befassen sich etwa mit der Anzahl der Patienten, die in den jeweiligen Corona-Wellen intensivmedizinisch betreut wurden. Dazu heißt es unter anderem: "Rund 3.000 Patienten wurden während der ersten 'Welle' im Frühjahr 2020 intensivmedizinisch behandelt." Als Quelle für die Zahl führen die Autoren das Divi-Register an. Das Problem dabei: Die Zahl 3.000 bezieht sich dort auf die Höchstzahl der behandelten Patienten zum Höhepunkt der ersten Welle. Die jeweiligen Wellen dauerten mehrere Wochen oder sogar Monate an, die Gesamtzahl der Patienten auf den Intensivstationen während einer Welle lag deutlich höher. Zur Einordnung: Mitte Mai gab die Divi die Zahl abgeschlossener intensivmedizinischer Behandlungen nach Covid-19-Erkrankungen seit Pandemiebeginn mit 106.400 an.

Teilweise können die Autoren ihre Thesen überhaupt nicht mit Quellen unterfüttern. An einer Stelle heißt es, Patienten würden in Deutschland "wegen ambulant behandelbarer Erkrankungen häufiger im Krankenhaus aufgenommen als in den meisten anderen EU-Ländern." Den Beleg für diese Aussage bleiben die Autoren schuldig.

Gaß nennt Papier "absurd"

Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft, nennt das Papier "absurd". Gaß sagte dem MDR: "Unsere Patienten hatten die Chance, wenn sie schwerkrank waren, einen Platz auf der Intensivstation zu finden, das war in anderen Ländern nicht gegeben. Daraus jetzt umgekehrt einen Vorwurf zu konstruieren, ist schon sehr speziell und entbehrt jeder medizinischen Erkenntnis." Man müsse sich in Deutschland nicht dafür schämen, dass diejenigen, die es brauchten, auf der Intensivstation hätten behandelt werden können.

Auf die Kritik angesprochen sagte Hauptautor Matthias Schrappe, er sei offen für eine konstruktive Auseinandersetzung. Und Mitautorin Knipp-Selke sagt: "Das wird nicht die letzte Pandemie gewesen sein." Es könne nicht sein, dass man dann wieder so schlecht gewappnet sei, das müsse geklärt werden. Und dazu wolle man etwas beitragen.

In Bezug auf mögliche Sympathien, die Corona-Leugner vor allem im Internet zum Papier und den Autoren bekunden, sagte Knipp-Selke: "Man wird leider auch von den Falschen vereinnahmt". Das sei eine Ecke, in die die Autoren nicht gehörten. Die Ärztin verteidigt sich: Das Problem sei, sobald man Kritik an den Maßnahmen äußere, werde man sofort in diese Ecke gedrängt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 18. Mai 2021 | 07:09 Uhr

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