Corona-Fallzahlen Leipzig: Fachleute halten niedrige Inzidenz für Momentaufnahme

Porträtaufnahme einer weißen Frau mit zurückgebundenen Haaren, einer großen Brille und grüner Bluse
Bildrechte: Tobias Thiergen

Die Inzidenz gibt die Anzahl der Neuinfektionen in den letzten sieben Tagen pro 100.000 Einwohner an. Dazu gibt es Karten mit allen Landkreisen, auf denen man die Inzidenzzahlen auf einen Blick sieht. Helles Grün oder Gelb stehen für einen geringen, Orange bis hin zu Rot für einen hohen Inzidenzwert. Sachsen ist in den vergangen Tagen immer oranger und roter geworden. Bis auf die Stadt Leipzig.

Hinweisschild zum Abstandhalten auf dem Wochenmarkt auf dem Richard-Wagner-Platz in Leipzig.
Der Netto-Effekt der Maske zeigt sich, wenn sich möglichst viele daran halten. Bildrechte: imago images/Seeliger

Wir befinden uns im Jahr 2020. Ganz Sachsen ist von steigenden Corona-Neuinfektionen betroffen. Ganz Sachsen? Nein! Eine Stadt hat weiterhin vergleichsweise wenige Neuinfektionen. Doch leider ist eine Pandemie kein Asterix-Comic. Fragt man also Fachleute, warum die Zahl ausgerechnet in der größten Stadt Sachsens so gering ist, bremsen sie die Euphorie. Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie ist sogar etwas amüsiert und erklärt, dass diese Frage wohl niemand so einfach beantworten könne. Aufgrund der derzeitigen Dynamik könne es schon sein, dass die Lage nächste Woche anders aussehe, betont Zeeb.

"Momentaufnahme nicht überbewerten"

Vielleicht habe Leipzig bisher einfach Glück gehabt, mutmaßt Zeeb. Und auch sein Fachkollege, der Jenaer Epidemiologie-Professor André Scherag, spricht von einer Momentaufnahme, die man nicht überbewerten solle. Die Gründe seien vielfältig: "Wir hätten gerne immer möglichst einfache Erklärungen für diese Phänomene. Aber diese Phänomene, wie wir sie beobachten, die setzen sich halt multikausal zusammen."

Porträt von Corinna Pietsch
Corinna Pietsch | Universitätsklinikum Leipzig Bildrechte: Corinna Pietsch

Das unterstreicht auch die Leipziger Virologin Corinna Pietsch. Für eine belastbare Aussage bräuchte es eine wissenschaftliche Analyse. Die gebe es aber nicht und deshalb könne sie auch nur Annahmen treffen, sagt sie und verrät ein paar Ideen. Es könne daran liegen, dass Leipzig eher in Richtung Sachsen-Anhalt, Mitteldeutschland liege, wo insgesamt weniger Fälle zu sehen seien und nicht an den Außengrenzen, wo etwa mehr Pendelverkehr bestehe. "Oder gibt es Unterschiede im Testverhalten? Wird schneller getestet in einem Ort als im anderen? Ist die Kontaktnachverfolgung irgendwo effizienter möglich?", mutmaßt Pietsch.

Leipziger Inzidenzwert steigt

Die Stadt erklärt auf Nachfrage, dass die Kontaktverfolgung bisher gut funktioniert habe. Die Lage sei aber zunehmend angespannt. Deshalb werde das Personal im Gesundheitsamt weiter aufgestockt, mit 15 Soldaten, Studierenden und Personal aus anderen Abteilungen. Der Inzidenzwert steigt der Stadt zufolge nach auch in Leipzig. Zuletzt um 3,8 im Vergleich zum Vortag auf 17,6. Richtige Hotspots gebe es aber keine, es seien einzelne Fälle über die Stadt verteilt.

Das spricht für eine These von Leibniz-Professor Zeeb. Ein Grund könne sein, dass es insgesamt bisher relativ wenige Infektionen sozusagen als Basis in Leipzig gebe. Damit könne eine Community-Ausbreitung, wie sie in anderen Städten stattfinde, nicht so schnell an Geschwindigkeit aufnehmen. Ob das länger so bleibe, wage Zeeb aber zu bezweifeln.

Masken-Effekt in der Stadt?

Das heißt also, die Infizierten übertragen das Virus womöglich noch nicht so unkontrolliert an Freunde, Familie oder Arbeitskollegen, die es dann wiederum an ihre Sozialkontakte weitergeben.

Doch schon ein Superspreader-Ereignis könne reichen, um die Zahlen in die Höhe schnellen zu lassen, erläutert der Jenaer Epidemiologe Scherag. Vielleicht trügen die Menschen in Leipzig ihre Masken aber auch disziplinierter als die auf dem Land. Der Netto-Effekt der Maske greife im Prinzip nur dann, wenn sehr, sehr viele sich einfach daran hielten, sagt Scherag. "Und wenn ich in meiner Community, in meinem Dorf, in meinem Ort sehe, dass sich da alle Leute nicht dran halten und man im Prinzip so weiter macht und sich ein Stück weit damit abfindet, dass alles nicht so schlimm sein wird, dann hat man am Ende das dicke Ende", erklärt Scherag.

Woran die geringeren Neuinfektionen in Leipzig also liegen oder ob einfach eine große Portion Glück im Spiel ist, lässt sich letztlich nicht wirklich sagen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 21. Oktober 2020 | 06:54 Uhr

17 Kommentare

Peter vor 47 Wochen

Anni22, Sie haben recht, die Ansteckungsgefahr in Innenräumen ist besonders groß.
Das gilt auch für den Deutschen Bundestag. Einige Abgeordnete scheinen da anderer Meinung zu sein.

Dr. Markus vor 47 Wochen

Aus eigener Anschauung kann ich bestätigen, dass sich die Menschen in Leipzig im Großen und Ganzen an die Maskenpflicht halten, während in ländlichen Regionen auch häufiger Menschen ohne Maske oder mit Maske unterhalb der Nase zusammenkommen.

Anni22 vor 47 Wochen

Na zumindest sollte man den "Alltagsschutz" mal der Wirksamkeitsprüfung in der Praxis unterziehen. Und das unter realen Bedingungen, also wie lange tatsächlich getragen, wie oft gewaschen, wie oft angefasst , in die Tasche gesteckt, Nase frei, , zu groß, Seiten locker, usw...! Ich denke unser großes Glück ist, dass man sich "draußen" an der Luft, wohl so gut wie gar nicht ansteckt.

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