Digitaler Impfpass Werden Corona-Genesene mit Geimpften gleichgesetzt?

Millionen Menschen gelten in Deutschland als Corona-Genesene. Das bedeutet aber auch: Sie dürfen sich ein halbes Jahr lang nicht impfen lassen. Erhalten sie dennoch die gleichen möglichen Erleichterungen wie Geimpfte?

Auf einem Impfausweis befinden sich Coronamodelle und eine Spritze.
Bald soll es auch digitale Impfnachweise geben. Bildrechte: dpa

Es ist Ende März 2021 als ein Ehepaar aus Ostthüringen an Corona erkrankt. Bei ihm wird die Infektion per Labortest diagnostiziert. Sie bekommt Tage zwei Tage später ebenfalls starke Symptome. Da die Frau bereits in Quarantäne ist, wird sie nicht getestet. Inzwischen sind beide wieder gesund – dafür fühlen sie sich nun benachteiligt. Ihre Namen möchten sie lieber nicht veröffentlichen.

Das Ehepaar gehört zur Prioritätsgruppe drei und wäre deshalb nun impfberechtigt. Das Problem: Wer von einer Coronainfektion genesen ist, darf sich derzeit sechs Monate lang nicht impfen lassen. So hat es die Ständige Impfkommission empfohlen, zuletzt in einer aktualisierten Empfehlung vom 22. April. Begründet wird das mit dem Impfstoffmangel. Demnach sollen immungesunde Menschen nach derzeitigem Stand einmal geimpft werden.

"Wir haben wirklich Pech", sagt die Ostthüringerin, die beim Meinungsbarometer MDRfragt teilgenommen hat. Sie befürchtet, dass sie demnächst Nachteile gegenüber Geimpften hat. "Ich will reisen, ich will ins Kino, ich will die gleichen Rechte wie Geimpfte", sagt sie.

Digitaler Impfnachweis soll kommen

Ein junger Mann vor einer Anzeigetafel auf einem Flughafen
Mit Hilfe des "grünen Zertifikats" wil die EU Reisen erleichtern. Bildrechte: imago images/Panthermedia

Ob sich ihre Befürchtungen begründen, steht noch nicht fest. Klar ist: Die EU und Deutschland arbeiten derzeit an digitalen Impfnachweisen. In der EU soll es vermutlich ab Ende Juni ein "digitales grünes Zertifikat" geben, so kündigte es EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) bereits im März an. Damit sollen ab Sommer Reisen zwischen den Mitgliedsstaaten erleichtert werden. EU-Bürger werden dann über ein einheitliches System nachweisen können, ob sie geimpft, getestet oder eben von Covid-19 genesen sind. Quarantäne vor und nach dem Urlaub wäre so Vergangenheit. Derzeit laufen die Verhandlungen zwischen EU-Rat und EU-Parlament.

Doch das "digitale grüne Zertifikat" umfasst letztlich nur einen europaweiten Rahmen, auf den sich die Mitgliedsstaaten und das Parlament einigen müssen. Die konkreten Erleichterungen legen die Mitgliedsstaaten selber fest.

Dass viele Menschen die Einführung eines Corona-Impfpasses befürworten, zeigt auch eine aktuelle Befragung des Meinungsbarometers MDRfragt, an der mehr als 26.000 Menschen teilgenommen haben. Demnach befürworten 31 Prozent eine Einführung so bald wie möglich. 42 Prozent möchten die Einführung des Dokumentes erst, wenn sich alle Menschen sich impfen lassen. Nur 25 Prozent sprechen sich gegen die Einführung eines Impfpasses aus.

mdrFRAGT – Einführung des Corona-Impfpasses
Mehr als 26.000 Menschen haben sich an der Befragung von MDRfragt beteiligt. Die meisten sind für die Einführung eines Corona-Impfpasses. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Deutschland arbeitet am digitalen Impfpass

Auch Deutschland arbeitet derzeit an einem digitalen Impfnachweis und will damit den EU-Rahmen umsetzen. Laut dem Bundesgesundheitsministerium (BMG) sollen Impfzeitpunkt und Impfstoff digital auf in eigenen App auf dem eigenen Smartphone gespeichert werden. Geimpfte könnten dann mit Hilfe des digitalen Nachweises die gleichen Erleichterungen wie negativ Getestete wahrnehmen. Das BMG teilte dem MDR dazu mit, es sei geplant, die Auflagen für Geimpfte zu lockern. Auf Basis einer RKI-Empfehlung habe Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Pläne konkretisiert, Geimpfte genauso zu behandeln wie negativ Getestete.

Auch wenn es vielleicht ungerecht sein sollte, aber die sofortige Umsetzung des Impfpasses bringt schon mal ein bisschen Umsatz in Lokale und Geschäfte und motiviert alle anderen sich schnell impfen zu lassen. Mit ist es egal, das dann welche schimpfen, dass das Impfpflicht durch die Hintertür oder sonstwie genannt wird.

53-jähriger MDRfragt-Teilnehmer aus dem Landkreis Leipzig

Konkret würde das laut BMG heißen: Bei Einreisen aus dem Ausland würden keine Tests und keine Quarantäne mehr erforderlich sein, außer bei Einreisen aus Virusvariantengebieten. Auch Testpflichten beim Shoppen wären für Geimpfte nicht mehr nötig – das Ministerium weist aber darauf hin, dass Regelungen von Ländern geändert werden müssten – und rechnet nach eigenen Angaben derzeit damit, dass der digitale Impfnachweis zum Ende des zweiten Quartals bereitgestellt wird.

Janosch Dahmen (Bündnis 90/Die Grünen) während einer Sitzung des deutschen Bundestags
Janosch Dahmen ist Gesundheitspolitiker der Grünen. Bildrechte: IMAGO / Christian Spicker

Nach Angaben des Grünen-Bundestagsabgeordneten und Mitglied im Gesundheitsausschuss Janosch Dahmen könnte es sogar früher sein. Er sagte dem MDR, der digitale Impfstatus in der Corona-Warn-App solle nach Angaben der Bundesregierung noch im Mai kommen. Die Details der technischen und organisatorischen Umsetzung seien aber noch völlig unklar. "Insbesondere ob neben der Möglichkeit den Impfstatus einzutragen, auch die Ergebnisse eines tagesaktuellen Schnelltests oder ein hinreichender Schutz durch Antikörper nach einer Corona-Infektionen gegeben ist", sagte Dahmen.

Was ist mit den Genesenen?

Die Corona-Genesene aus Ostthüringen befürchtet allerdings, dass ihre bereits geimpften Eltern und Schwiegereltern mit Hilfe des Zertifikats bald wieder normal in Gaststätten gehen könnten – sie und ihr Mann aber weiter einen negativen Test bräuchten.

Das Bundesgesundheitsministerium verweist bei der Frage auf einen Beschluss der Gesundheitsministerkonferenz der Länder vom 19. April. Darin heißt es explizit: "Bei Genesenen ist für sechs Monate nach dem PCR-Nachweis der SARS-CoV-2 Infektion bzw. bei länger zurückliegender Infektion bei Erhalt einer Impfdosis eine Immunität anzunehmen, die der Immunität der vollständig Geimpften gleichzustellen ist." Bei der Nutzung des Einzelhandels oder Dienstleistungen seien vollständig Geimpfte und Genesene mit Personen geleichzustellen, die ein tagesaktuelles negatives Testergebnis nachweisen könnten. Laut BMG sind die Details noch in der Abstimmung, zudem müsse der Beschluss in Bundes- und Landesverordnungen umgesetzt werden. Ob der Status von Genesenen digital eingetragen werden kann, etwa in der Corona-Warn-App, bleibt aber unklar.

Warum sollten nur einige Menschen Vorteile haben? (darauf läuft der Besitz des Impfpasses ja wohl hinaus) Solange nicht jeder sich impfen lassen kann, wann er will (die Regierung also für Ungleichheit sorgt) führt dies eher zu nochmal Ungleichbehandlung und entsprechenden negativen Gefühlen bei denjenigen, die keine Impfung hatten.

49-jährige MDRfragt-Teilnehmerin aus dem Erzgebirgskreis

Auch Grünen-Gesundheitspolitiker Dahmen befürwortet Erleichterungen für Genesene, macht aber Einschränkungen. Aus seiner Sicht könne man nach einer überstandenen Infektion im digitalen Impfnachweis nicht einfach für eine bestimmte Zeit automatisch den Genesenen-Status eintragen, sondern müsse den Antikörperstatus mit einem Labortest nachweisen. "Denn wir wissen inzwischen, dass es insbesondere nach asymptomatischen Infektionen und bei immungeschwächten Patienten Reinfektionen gibt. Das ist nicht nur für die Betroffenen wichtig, auch für andere Menschen, die dadurch infiziert werden könnten."

Als Corona-Genesene gelten in Deutschland alle Menschen, die eine Infektion mit dem Virus überstanden haben. Da Genesungen nicht gemeldet werden müssen, schätzen die Gesundheitsbehörden die Zahl mit Hilfe eines Algorithmus. Die Entscheidung, ob diese für einen gewissen Zeitraum mit Geimpften gleichgesetzt werden, hat Einfluss auf Millionen Menschen. In den sechs Monaten von Anfang Oktober bis Anfang April zählte das RKI insgesamt fast 2,3 Millionen Genesene. In Sachsen waren es nach Angaben des Sozialministeriums im gleichen Zeitraum mehr als 190.000 Genesene. In Sachsen-Anhalt waren es laut Sozialministerium fast 62.000 Genesene und in Thüringen laut Gesundheitsministerium fast 80.000. Da die Zahl der Neuinfektionen derzeit weiter hoch ist, wird die Entscheidung also auch in der Zukunft Auswirkungen auf Millionen Menschen haben.

Immunologin: Antikörpertest wäre sinnvoll

Immunologin Prof. Dr. Monika Brunner-Weinzierl von der Universität Magdeburg. Sie erforscht aktuell die Reaktion von T-Zellen im Immunsystem von Menschen, die trotz einer Corona-Infektion keine Krankheitssymptome zeigen.
Monika Brunner-Weinzierl hat zur Immunantwort des Körpers auf Covid-19 geforscht. Bildrechte: Privat: Monika Brunner-Weinzierl

Die Immunologin Prof. Monika Brunner-Weinzierl von der Unikinderklinik Magdeburg forscht zu Immunantworten des Körpers auf eine Corona-Infektion. Sie sagt: "Mittlerweile ist fundiert bekannt, dass noch nach sechs Monaten einer durchgemachten Infektion eine sehr gute Reaktion auf den SARS-CoV-2-Virus vorhanden ist, sowohl Antikörper die den Virus umhüllen, dass er an unsere Körperzellen nicht mehr andocken kann und dadurch unschädlich gemacht wird, als auch T-Zellen, die sofort eine gezielte Immunabwehr einleiten können." Es mache Sinn, den ersten Schutz durch die Infektion auszunutzen und dann zu impfen.

Brunner-Weinzierl sagt, theoretisch könne man Genesene den Geimpften gleichsetzen. Sie verweist allerdings auf die Gefahr durch falsch-positive Tests und Genesene, die keinen eindeutigen PCR-Nachweis gehabt hätten. Deshalb empfiehlt sie: "Am günstigsten wäre es, einen Antikörpertest gegen den Virus vorweisen zu können, dann könnte man klar sehen, dass eine Infektion durchlaufen wurde und sie Geimpften eventuell sogar in ihrer Immunität überlegen sind."

Auch die Corona-Genesene aus Ostthüringen will nun erst einmal einen Antikörpertest machen, um einen Beweis zu haben, dass sie tatsächlich mit Corona infiziert war. Den Test müsse sie allerdings selber zahlen. Dann habe sie zumindest die Sicherheit, für eine Weile immun zu sein, sagt sie. Da bei ihr kein PCR-Test gemacht wurde, könnte sie sich theoretisch impfen lassen. Sie will aber die sechs Monate abwarten, auch aus Angst vor möglichen Schäden durch eine zu frühe Impfung. Die Stiko sieht dafür keinen Anlass, es könne in solchen Fällen höchstens zu einer verstärkten Reaktion kommen. "Nach den bisher vorliegenden Daten gibt es aber keinen Hinweis darauf, dass die Impfung in diesen Fällen eine relevante Gefährdung darstellt", heißt es.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 21. April 2021 | 21:45 Uhr

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