Corona-Impfung Impfdrängler werden mehr – und immer aggressiver

So langsam zieht das Impftempo in Deutschland an. Dennoch müssen sich die meisten noch gedulden. Das scheint einigen Impfwilligen jedoch schwer zu fallen – Hausärzte und Beschäftigte in den Imfpzentren berichte von massivem Druck.

Impflinge warten im Corona Impfzentrum Messe Berlin auf ihre Impfung.
Die Impflinge im Impfzentrum Messe Berlin haben, was sich derzeit viele Menschen wünschen: einen konkreten Impftermin. Bildrechte: dpa

Mit Beschimpfungen und Beleidigungen haben die sächsischen Impfzentren schon lange zu kämpfen, meist per Telefon und Email, erzählt der Sprecher des Deutschen Roten Kreuzes Sachsen, Kai Kranich. 

Manche kämen einfach direkt ohne Termin ins Impfzentrum und drängten auf einen Impfpieks, einmal habe jemand sogar davor gestreikt. Kai Kranich sagt: "Wir haben auch Personen, die uns richtig drohen, persönlich angreifen". Mitarbeiter würden beleidigt; dass sie unfähig genannt würden, sei dabei noch die mildeste Form.

Angst vor Corona macht nervös

Beim sächsischen Hausärzteverband hätten sich die Mitglieder bisher noch nicht zu dem Thema konkret gemeldet, sagt Vorstandsmitglied Torben Ostendorf.

In seiner Praxis in Leipzig Paunsdorf aber bemerkt er schon eine zunehmende Aggressivität: "Das hängt aber eher allgemein mit der Pandemie, den Ängsten und der allgemeinen Gefühlslage der Menschen zusammen" – und sei nicht nur auf das Impfen herunterzubrechen.

Viele entwickeln ein Anspruchsdenken

Dass ein erheblicher Teil der Patienten drängelt und quengelt, beobachtet auch der Leipziger Arzt Stefan Windau. Er kritisiert den Bund, denn von dessen Seite sei die Kommunikation zum Impfen nicht glücklich gewesen. Entsprechend groß sei die Verunsicherung der Leute, aber auch das Anspruchsdenken, sagt Windau.

Diese Spannung bekämen dann die Praxen zu spüren, erklärt Stefan Windau. So stark, "dass man sich dann auch mal nachmittags und abends nach der Sprechstunde entlädt und sagt: Es war heute wieder irre." Bisher habe man es irgendwie gemeinsam geschafft. Doch Windau schiebt hinterher: "Das schafft man nicht ewig, das geht auch an die Substanz."

Klare Kommunikation kann helfen

Auch in Sachsen-Anhalt spürt man einen gewissen Druck in den Praxen. Einzelne Patienten werden aggressiver, wenn es um die Vergabe von Impfterminen geht, berichtet der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), Jörg Böhme.

In Thüringen habe man dieses Problem nicht, sagt dagegen die Vorsitzende der dortigen KV, Annette Rommel. Grund dafür sei die Strategie des Freistaats, sagt Annette Rommel. "Dass wir ganz klar kommunizieren, wer geimpft werden kann, dass die Menschen auch wissen, sie werden einen Termin bekommen. Jeder muss auch einsehen, wenn wir nur eine begrenzte Anzahl von Impfstoffdosen haben, kann nicht jeder gleichzeitig geimpft werden.“

Psychosoziale Notfallversorgung

Die sächsischen Impfzentren haben für ihre Hotlines mittlerweile Ehrenamtliche engagiert, die in psychosozialer Notfallversorgung geschult sind.

Denn der Frust und die Wut der Anrufer seien nicht immer lapidar, sagt Kai Kranich: "Es sind nicht immer nur Menschen, die in irgendeiner Art und Weise sagen: Ich bin Steuerzahler und ich will meinen Urlaub, also will ich jetzt auch geimpft werden. Sondern oft sind dahinter auch persönliche Schicksale – und die Menschen sind dadurch auch gestresst, frustriert und das müssen wir auch irgendwie abfangen."

Allerdings dürfe man bei allem Verständnis für den Frust und die Wut der Patienten nicht vergessen, so Jörg Böhme von der kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt: "Es geht ja in dem Fall nicht um die Behandlung von Patienten, nicht von Notfällen oder ähnlichen Dingen, sondern es geht um einen Wunschtermin für eine Impfung." Und das könne man aufgrund des begrenzten Impfstoffes, der zur Verfügung steht, eben noch nicht sicherstellen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 13. Mai 2021 | 08:11 Uhr

245 Kommentare

nicht vergessen vor 4 Wochen

Eigentlich ist es ja logisch das es Impfdrängler gibt.Mangelnde Imstoffzufuhr,ein nahender Sommer,der Drang zur Erholung,und ohne Impfe bleibst du zuHause,steckt eben nicht jeder weg. Wenn Janosch gerne auf Balkonien urlaubt,ihm seis gegönnt. Mich zieht es immer noch in die Ferne,und immer woanders.

astrodon vor 4 Wochen

Ein seriöser Wissenschaftler wird a) niemals etwas mit 100% Sicherheit behaupten, b) seinen Wissensstand ständig anpassen. Die Impfstoffe haben eine "bedingte Zulassung", das ist deutlich etwas anderes als eine Notfallzulassung.
Ach ja - und Langzeit-Nebenwirkungen kann man nur feststellen, wenn man den Impfstoff an möglichst viele Patienten verabreicht und dies über einen langen Zeitraum beobachtet.

Karl Schmidt vor 4 Wochen

Auch mir sind mittlerweile Impfneider bekannt, nach folgender, zeitlicher "Metamorphose":

Anfang letzten Jahres: "Es gibt kein Corona!!!".

Ende letzten Jahres: "Ich lass mich doch nicht impfen!!!"

Seit ein paar Wochen: "Warum bin ich noch nicht geimpft!!!"

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