Vakzine für alle? Was der Wegfall der Impfpriorisierung bedeutet

Ab heute fällt die Impfpriorisierung weg. Dann können sich alle Menschen in Deutschland gegen Corona impfen lassen – zumindest theoretisch. Die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Die Halle des Corona-Impfzentrums Messe Berlin.
Ab Montag fällt die Impfpriorisierung weg, doch bis alle Impfwilligen einen Termin bekommen, wird es noch dauern. Bildrechte: dpa

Heute ist es soweit: In Deutschland entfällt die Impfpriorisierung, nachdem Monate lang nur bestimmte Gruppen Zugang zu Vakzinen hatten. Die Bundesregierung erhofft sich davon eine Beschleunigung der Impfkampagne. Am Freitag unterschrieb Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die entsprechende Verordnung. Der Überblick.

Was ändert sich durch den Wegfall der Impfpriorisierung?

Bisher konnten sich nur Menschen gegen das Coronavirus impfen lassen, die zu den drei Gruppen mit der höchsten Priorität zählten. Nun fällt diese Priorisierung auf Bundesebene weg. Laut Verordnung können sich nun alle impfen lassen, die in Deutschland versichert sind, hier ihren Wohnort beziehungsweise Aufenthaltsort haben oder beschäftigt sind.

In mehreren Bundesländern war die Impfpriorisierung bei den Arztpraxen allerdings bereits weggefallen, unter anderem in Sachsen. In Hamburg hingegen wird die Priorisierung in den Impfzentren über den 7. Juni hinaus vorerst beibehalten. Die Regierung des Stadtstaates begründete dies damit, dass es noch viele Vorerkrankte gebe, die keine Impfung hätten. Auch in Schleswig-Holstein und Bayern soll die Priorisierung in den Impfzentren vorerst bestehen bleiben. In Bremen arbeiten die Impfzentren die Vorranglisten zunächst weiter ab. Im Saarland sollen Menschen der bisherigen Priorisierungsgruppen dort nach wie vor vorrangig bei Terminen bedacht werden.

Die Länder haben trotz der Aufhebung der Priorisierung grundsätzlich die Möglichkeit, diese in den Impfzentren beizubehalten oder spezielle Angebote etwa für Kinder und Jugendliche zu machen.

Mit den Impfstoffen von Astrazeneca und Johnson & Johnson können sich Impfinteressierte schon länger bundesweit ohne Zugehörigkeit zu einer Prio-Gruppe impfen lassen. Wegen möglicher schwerer Nebenwirkungen bei jüngeren Menschen werden die Vakzine aber nur für Menschen ab 60 Jahren empfohlen. Bei Jüngeren sind vorab ärztliche Aufklärung und eine individuelle Risikoanalyse vorgeschrieben.

Bekommen nun alle Impfwilligen einen Imfptermin?

Alle Menschen in Deutschland haben mit dem Wegfall der Priorisierung die Möglichkeit, sich impfen zu lassen – zumindest theoretisch. Denn von mehreren Seiten gab es Warnungen vor übertriebenen Erwartungen. Gesundheitsminister Spahn hatte bereits Mitte Mai in den ARD-Tagesthemen gesagt: "Dass am 7. Juni oder auch in der Woche des 7. Juni alle, die wollen, geimpft werden können, das kann ich ausdrücklich nicht sagen." Und weiter erklärte der CDU-Politiker: "Das heißt nicht, dass wir dann alle binnen weniger Tage impfen können. Ich muss weiterhin auch da um Geduld bitten." Man werde bis in den Sommer hinein brauchen, um alle, die wollen, auch impfen zu können.

Die Ärzte rechnen ab Montag mit einem großen Andrang in den Praxen und rufen Impfwillige zu Geduld auf. Der Vorstandschef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung", er rechne mit einem "Ansturm auf die Praxen". Gassen appellierte an die Menschen: "Bitte haben Sie Geduld und bedrängen Sie nicht die Ärzte und Ärztinnen und deren Teams, die medizinischen Fachangestellten. Alle werden geimpft werden – und das so schnell wie möglich. Aber nicht alle auf einmal!" Bei vielen Menschen sei der falsche Eindruck entstanden, sie könnten sich sofort impfen lassen. Das sei mitnichten möglich. Obwohl die Mengen kontinuierlich zunähmen, seien Impfstoffe immer noch zu knapp.

Ähnlich äußerte sich Dirk Heinrich, Bundesvorsitzender des Virchowbundes als Verband der niedergelassenen Ärzte. Es gebe nach wie vor in den Praxen zu wenig Impfstoff. "Daher müssen wir unsere Patienten um Geduld bitten", sagte Heinrich der Zeitung. Immerhin gehe es jetzt nur noch um Wochen, nicht um Monate, bis alle Impfwilligen ein Angebot bekämen. Heinrich schlug vor, zumindest in Impfzentren die Priorisierung dort beizubehalten, wo noch nicht genügend Menschen der Priorisierungsgruppe drei geimpft seien.

Das Problem ist noch immer mangelnder Impfstoff, auch wenn inzwischen viel größere Mengen geliefert werden. Derzeit werden vor allem Zweitimpfungen durchgeführt. In Nordrhein-Westfalen etwa werden bis Mitte Juni keine Termine für Erstimpfungen vergeben, da der komplette Impfstoff für Zweitimpfungen verwendet werden muss.

Für verschiedenen Gruppen, etwa Kinder unter 12 Jahren gibt es zudem noch keine zugelassenen Impfstoffe.

Wer ist noch nicht geimpft?

Am Donnerstag lag die Impfquote deutschlandweit bei 44,1 Prozent, wie aus Daten des Risklayer-Projekts hervorgeht. Knapp 37 Millionen Menschen in Deutschland hatten zu diesem Zeitpunkt bereits ihre Erstimpfung erhalten, fast 17 Millionen auch die zweite Dosis.

Das heißt aber im Umkehrschluss: Mehr als die Hälfte der Deutschen ist noch nicht geimpft. Kinder, Schwangere und andere Gruppen wurden bisher nicht oder kaum immunisiert. Für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren besteht aber ebenfalls ab Montag die Möglichkeit, sich impfen zu lassen. Zuvor hatte die EU-Arzneimittelbehörde den Biontech-Impfstoff für Jugendliche ab zwölf Jahren zugelassen. Eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) dazu steht allerdings noch aus.

Spahn sagte am Mittwoch, dass bisher etwa 70 Prozent der impfbereiten Erwachsenen in Deutschland mindestens einmal geimpft seien. Man gehe von einer Impfbereitschaft von 75 Prozent aus.

Wo wird künftig geimpft?

Die Impfzentren bleiben größtenteils weiter geöffnet, die Hausärzte sollen perspektivisch noch mehr Impfungen übernehmen. Neu dazu kommen ab Montag die Betriebsärzte. Diese sollen laut Gesundheitsminister Spahn in der ersten Woche 700.000 Impfdosen erhalten. Auch in Privatpraxen kann ab dem 7. Juni geimpft werden.

Quellen: MDR, dpa, reuters, afp, epd

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 02. Juni 2021 | 11:28 Uhr

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