Impfkampagne Curevac spielt keine Rolle mehr

Zu Beginn der Pandemie gehörte das Tübinger Pharmaunternehmen Curevac zu den Hoffnungsträgern bei der Impfstoffentwicklung. Selbst Donald Trump soll Firmenvertreter damals ins Weiße Haus eingeladen haben. Doch Curevacs Vakzin wird aufgrund schlechter Studiendaten weiter auf sich warten lassen. Dass andere Entwickler schneller waren und es immer mehr Virusvarianten gibt, wurde zum Problem für die Tübinger.

Das Logo des Biotech-Unternehmen Curevac mit dem Slogan «the RNA people» steht an der Unternehmenszentrale.
"The RNA people": Bisher konnte der Hoffnungsträger Curevac im doppelten Sinne nicht liefern. Bildrechte: dpa

Der Corona-Impfstoffkandidat des Tübinger Herstellers Curevac hat bei einer Zwischenanalyse die statistischen Ziele für die Wirksamkeit verfehlt. Das teilte das Unternehmen in der Nacht auf Donnerstag in einer Pflichtmitteilung mit. Für die laufende Impfkampagne in Deutschland wird der Impfstoffkandidat CVnCoV nach einhelliger Meinung der Experten zunächst keine Rolle mehr spielen. "In einer bislang beispiellosen Umgebung mit mindestens 13 Varianten innerhalb der untersuchten Teilmenge der Studienteilnehmer in dieser Zwischenanalyse erzielte 'CVnCoV' eine vorläufige Wirksamkeit von 47 Prozent gegen eine Covid-19-Erkrankung jeglichen Schweregrades und erreichte damit nicht die vorgegebenen statistischen Erfolgskriterien", heißt es in der Mitteilung des Unternehmens.

Der Curevac-Impfstoffkandidat befindet sich schon seit Dezember 2020 in der finalen und zulassungsrelevanten Studienphase. Während zahlreiche Konkurrenten ihre Vakzine längst auf den Markt gebracht haben, sammelt Curevac nach wie vor Daten. Ob Curevac nun überhaupt absehbar liefern kann – und wenn ja, wann –, bleibt vorerst unklar.

Regierung bleibt dabei: Impfangebot für jeden bis September

Der Rückschlag bei Curevac bringt die Impfkampagne in Deutschland zumindest nach Ansicht der Bundesregierung aber nicht durcheinander. "Eine Auswirkung auf das Tempo unserer Impfkampagne hat diese Mitteilung nicht", sagte ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums am Donnerstag.

Kanzleramtschef Helge Braun sagte den Zeitungen des Redaktionsnetzwerk Deutschland, es bleibe bei dem Versprechen eines Impfangebots an alle Bürger bis Ende September. Es sei auch viel Impfstoff für nötige Auffrischungen bestellt worden. "Wir haben viel bestellt und fördern den Aufbau von Produktionskapazitäten für mRNA-Impfstoffe und -produkte in Milliardengrößenordnungen", betonte der CDU-Politiker.

Erste Dosen sollten im Juni ausgeliefert werden

Ingmar Hoerr, einer der Gründer des biopharmazeutischen Unternehmen Curevac, steht im Schlosslabor Tübingen, das Teil des Museums der Universität ist, neben einem Pipettierroboter.
Ein Grund für die Verzögerungen bei Curevac könnte laut "Spiegel" auch eine schwere Erkrankung des früheren Vorstandschefs Ingmar Hoerr zu Beginn der Pandemie gewesen sein. In der wichtigen Phase war das Unternehmen lange führungslos. Wichtige Entscheidungen mussten warten. Bildrechte: dpa

In Lieferprognosen vom März erwartete das Gesundheitsressort 1,4 Millionen Curevac-Dosen im zweiten Quartal. Zum Vergleich: 50 Millionen Dosen sollen in dem Zeitraum allein von Biontech/Pfizer kommen. Aktuell rechnet das Ministerium laut seiner im Internet veröffentlichten Listen nicht mehr mit Lieferungen durch Curevac.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach rechnet grundsätzlich nicht mehr mit einem Einsatz des Curevac-Impfstoffs in Deutschland, selbst wenn sich dessen Wirksamkeit am Ende noch leicht verbessern würde. Der Curevac-Impfstoff werde bei der zuerst in Indien nachgewiesenen Delta-Variante "wahrscheinlich noch schwächer sein, somit keine Rolle mehr spielen", sagte Lauterbach der "Rheinischen Post".

Lauterbach: Ausfall verzögert Impfkampagne

Der SPD-Politiker rechnet, anders als Kanzleramtschef Braun, auch mit Konsequenzen für den Impffortschritt in Deutschland. "Für unsere Impfkampagne bedeuten der Wegfall von Curevac und die geringere Liefermenge von Biontech, dass wir erst Mitte September Herdenimmunität erreichen können, selbst ohne Impfung der Kinder", sagte Lauterbach. Gleichzeitig zeigte der SPD-Politiker Mitgefühl mit den Entwicklern bei Curevac: "Schade, das Team aus Tübingen hätte Erfolg verdient gehabt", twitterte er.

Der CDU-Gesundheitsexperte und Europaabgeordnete Peter Liese schlug im "Handelsblatt" vor, Curevac könnte jetzt einen großen Beitrag leisten, indem das Unternehmen "den mRNA-Impfstoff von Biontech oder Moderna als Auftragsfertiger" produziere. Immerhin hat die Bundesregierung über die KfW-Bank Curevac mit mehr als 500 Millionen Euro gefördert. Nicht auszuschließen, dass sich Curevac nach weiteren Rückschlägen zu dem Schritt gezwungen sehen wird.

Was lief bei Curevac schief?

Erste Analysen haben laut der Unternehmensmitteilung von Curevac gezeigt, dass die Wirksamkeit von der untersuchten Altersgruppe und den Virusstämmen abhängt. Den Angaben zufolge bescheinigte das Data Safety Monitoring Board (DSMB) dem Mittel jedoch ein gutes Sicherheitsprofil. Auch bei einer ersten Zwischenanalyse waren keine Sicherheitsbedenken festgestellt worden. Das Mittel basiert wie die Vakzine von Biontech/Pfizer und Moderna auf der neuen Technologie der Boten-RNA (mRNA). Die Studien der Wettbewerber fanden jedoch vor dem Auftreten neuer Virusvarianten statt. Der Fortgang der Pandemie mit der Entstehung zahlreicher Virusvarianten – er hat Curevac die Sache erschwert.

Bizarrerweise fehlen dem Unternehmen mittlerweile zudem Corona-Fälle bei den Studienteilnehmern – nämlich in der Kontrollgruppe, der zur Berechnung der Wirksamkeit des Vakzins ein Placebo verabreicht worden ist. Erkranken in dieser Gruppe nicht genügend Menschen am Coronavirus, lässt sich nicht einschätzen, wie sehr das Ausbleiben von Infektionen in der geimpften Gruppe auch auf den Impfstoff zurückzuführen ist.

Die Studie von Curevac wird laut dem Unternehmen dennoch fortgesetzt. Die in den USA gehandelte Curevac-Aktie brach bis Donnerstagmittag um 40 Prozent ein. Die Folgen für das Unternehmen dürften gravierend sein, schließlich hatte Curevac parallel zum Zulassungsverfahren bereits damit begonnen, seinen Corona-Impfstoff zu produzieren. Doch es gibt auch Hoffnung: Mit dem britischen Partner Glaxo Smith Kline arbeitet Curevac bereits auch an einer neuen Impfstoff-Generation.

Quellen: Reuters/dpa/AFP(pfh)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 17. Juni 2021 | 06:00 Uhr

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