Impfstoff Wer kann, darf und sollte sich mit Astrazeneca impfen lassen?

Erst durften sich nur Menschen unter 65 Jahren mit Astrazeneca impfen lassen, dann nur noch Menschen über 60. Zwischendurch sind die Impfungen für alle ausgesetzt worden. Viele sind verunsichert und so liegen knapp eine Million Dosen herum.

Impfstoff Astrazeneca
Von den bisher knapp sechs Millionen gelieferten Dosen Astrazeneca sind etwa 5,2 Millionen verimpft worden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wie soll sich das weiterentwickeln? Diese Frage stellt sich auch Ärztin Yvonne Wilke. Wenn es um die Impfungen mit Astrazeneca geht, dann "hat es ein bisschen etwas von Lotterie". Ständig gebe es Unklarheiten. Bei ihren Patienten "ist ganz viel Unsicherheit da", sagt Yvonne Wilke aus dem Jerichower Land in Sachsen-Anhalt.

Das Problem: Rund um den Impfstoff Astrazeneca kam es immer wieder zu Pannen. Anfangs fehlten Studiendaten für Menschen ab 65. Als diese dann endlich vorlagen, gab es Lieferschwierigkeiten. Mitte März gab es erste Berichte von schweren Nebenwirkungen. Und darauf wurde in den europäischen Ländern ganz unterschiedlich reagiert. In Deutschland wurde das Impfen mit AstraZeneca erst ausgesetzt, dann fortgesetzt und schließlich nur noch für Menschen über 60 empfohlen. Für die gilt der der Impfstoff jedoch nach wie vor als sehr wirksam und vor allem auch als sicher. 

Impfstoff: Hirnvenenthrombosen als Nebenwirkung

Doch viele Menschen sind dennoch verunsichert. Jana Burmeister wurde auf Grund einer psychischen Erkrankung bereits Mitte März gegen Corona geimpft - mit Astrazeneca. Kurz darauf gab es erste Meldungen von Hirnvenenthrombosen als Nebenwirkung des Impfstoffes. "Ich habe einen Hang zum Hypochondertum", sagt die 38-Jährige. Sie achte sehr drauf, wie es gehe und habe überlegt, wenn sie etwas merkt: "Muss ich dann gleich den Notruf wählen?"

Die Frau aus Leipzig dokumentiert all ihre Nebenwirkungen genau – denn von Thrombosen betroffen sind vor allem Jüngere. Bis dato sind in Deutschland 2,2 Millionen Menschen unter 60 Jahren mit Astrazeneca geimpft worden. Dabei sind in 52 Fällen Hirnvenenthrombosen aufgetreten. Zwölf Menschen sind verstorben: sechs Männer, sechs Frauen.

"Das sind schwerwiegende Nebenwirkungen, die auch teilweise zum Tod führen können", sagt der Immunologen Carsten Watzl von der TU Dortmund. Deshalb finde er es sinnvoll, lieber einen anderen Impfstoff zu nehmen, der diese Nebenwirkungen nicht habe, aber den gleichen Schutz biete.

Immunologe: Astrazeneca ist kein Impfstoff zweiter Klasse

Doch "auch bei den 70-Jährigen wird gefragt: Ist das jetzt dieser verpönte Astra-Impfstoff", berichtet Yvonne Wilke. Sie gehörte zu den ersten niedergelassenen Ärzten, die in ihrer eigenen Praxis impfen durften. "Es ist kein Impfstoff zweiter Klasse", entgegnet Immunologe Carsten Watzl. Die Sicherheit bei den über 60-Jährigen sei "absolut gegeben".

Andererseits: Der Impfstopp für die Jüngeren bedeutet auch erstmal: mehr Impfstoff für die Älteren. So konnten sich etwa in Halle vor ein paar Tagen über 60-Jährige mit Astrazeneca impfen lassen – ohne Termin. 

"Ich hätte es mir voller vorgestellt. Weil man immer hört, es geht ohne Termin", sagt Doris Pfeiffer die im Impfzentrum in Halle auf ihre Spritze wartet. Viele Kollegen von ihr, die ebenfalls über 60 seien, wollten sich nicht mit Astrazeneca impfen lassen. Sie sagt:

Bevor ich mir jetzt Corona einfange, nehme ich lieber die Impfung. Ich glaube, da ist man auf der sicheren Seite.

Doris Pfeiffer

Insgesamt sind am Freitag vergangene Woche über 1172 Menschen im Impfzentrum geimpft worden. Möglich wäre mehr als das Doppelte gewesen.

Astrazeneca: Bis Ende Juni weitere 15 Millionen Dosen

Von den bisher knapp sechs Millionen gelieferten Dosen Astrazeneca sind etwa 5,2 Millionen verimpft worden. Das heißt: immerhin knapp 800.000 Impfdosen liegen bundesweit herum (Stand 23. April). Bis Ende Juni sollen weitere 15 Millionen Dosen geliefert werden. Noch ist unklar, was damit geschieht.

Eine mögliche Option hat am Dienstag Sachsen beschlossen: Astrazeneca darf im Freistaat nun auch Impfwilligen unter 60 Jahren angeboten werden und das unabhängig von der Priorisierung – auf eigenes Risiko und ausschließlich bei niedergelassenen Ärzten. Allerdings führt die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen an, dass sich die Impfungen nach der Empfehlung der Sächsischen Impfkommission richten sollten und auch die Sächsische Impfkommission erachtet das Risiko für junge Menschen bei einer Impfung mit Astrazeneca höher als den Nutzen.

Zwar habe der Arzt einen Ermessensspielraum bei der Risikobewertung, da auch die Zulassung der EMA für über 18-Jährige gelte, doch derzeit scheint es unwahrscheinlich, dass junge Menschen beim Arzt mit Astrazeneca geimpft werden. Vor allem auch, weil in der kommenden Woche gar kein Astrazeneca an die Arztpraxen geliefert wird.

Was ist mit der Zweitimpfung?

Doch es gibt weitere offene Fragen. Etwa: Was ist mit den Zweitimpfungen bei Astrazeneca? Die Empfehlung der Ständigen Impfkommission: Jüngere sollten die zweite Dosis mit einem anderen Impfstoff bekommen. "Es gibt keine medizinische Begründung, dass ich mit einer zweiten Biontech-Dosis genauso gut geschützt bin wie mit einer zweiten Astrazeneca-Impfung", wundert sich Ärztin Yvonne Wilke.

Doch genau das sieht Immunologe Carsten Watzl als den besten Weg: "Man nennt diese Impfungen heterologe Impfungen", sagt der Professor. Das bedeute, dass zwei Impfstoffe kombiniert werden und dies geschehe nicht zum ersten Mal. "Natürlich hätten wir lieber auch Studiendaten, die das entsprechend belegen. Doch da müssen wir uns leider noch ein paar Wochen gedulden."

Quelle: MDR exakt / mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 21. April 2021 | 20:15 Uhr

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