Interview Stiko-Experte: Vorsicht bei der Impfstoff-Zulassung für Kinder

Inzwischen haben mehr als 26 Millionen Menschen in Deutschland ihre erste Impfung erhalten. Doch Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren sind bislang außen vor. Denn für sie sind die Impfstoffe noch nicht zugelassen. Biontech/Pfizer lässt jetzt von der EU-Arzneimittelbehörde prüfen, ob auch Kinder ab zwölf Jahren geimpft werden können. Es gibt Forderungen, schnell mit Impfungen in den Schulen zu beginnen. Experten wie Martin Terhardt von der Ständigen Impfkommission (Stiko) sind da vorsichtig.

Martin Terhardt
Stiko-Mitglied Martin Terhardt mahnt zur Vorsicht bei der geplanten Covid-Impfung von Kindern. Noch fehlten viele Daten, mahnt er. Bildrechte: WDR/AufmKolk

MDR AKTUELL: Die EMA berät zurzeit über den Antrag von Biontech/Pfizer, den Impfstoff für 12 bis 15-Jährige zuzulassen. Rechnen Sie mit einer Zulassung?

Martin Terhardt: Wir wissen ganz gut über die Wirksamkeit Bescheid, das hat die Firma gut öffentlich transportiert. Aber über die Sicherheit kann man so nur begrenzt Daten erfahren. Und da sind wir noch skeptisch, ob wir nicht noch ein bisschen mehr wissen müssen, bevor wir das breit empfehlen. Aber das wird jetzt beraten. 

Was genau wird da beraten?

Man muss bei allen Impfstoffen den Nutzen und das Risiko abwägen. Der Nutzen ist Schutz vor der individuellen Erkrankung oder eventuell auch Schutz der Bevölkerung – das heißt Erreichen der Herdenimmunität. Und Risiken sind Nebenwirkungen oder mögliche Impfkomplikationen oder Langzeitwirkungen. 

Was weiß man bislang über die langfristige Sicherheit des Impfstoffs von Biontech/Pfizer für Kinder und Jugendliche?

Über die Sicherheit wissen wir nur einiges aus der Studie. Das sind 1.130 Kinder gewesen, die da untersucht worden sind. Aber um etwas seltenere Komplikationen und Auswirkungen auf das Immunsystem über längere Zeit zu erfahren, braucht man längere Studien. Und diese liegen nicht vor. Können auch gar nicht vorliegen. 

Würde der Nutzen die Sicherheitsbedenken überwiegen?

Was den Nutzen angeht, da geht es um den Individualschutz der Kinder und Jugendlichen oder um Erreichen der Herdenimmunität. Und da muss man sagen, die Herdenimmunität werden wir nicht erreichen, solange wir nicht wirklich einen großen Teil der Bevölkerung geimpft haben. Und da scheiden ja jetzt noch die jüngeren Kinder aus, und auch die Impfbereitschaft bei den Eltern ist nicht so hoch, dass man sich ganz viel Erfolg für die Herdenimmunität erwarten kann. Es geht also vorrangig um den individuellen Schutz der Kinder und Jugendlichen. Und da ist der Nutzen deutlich geringer als bei Erwachsenen, weil Kinder deutlich seltener schwer erkranken. Sie erkranken zurzeit relativ häufig, tragen das Virus auch weiter, aber die Verläufe sind alle sehr harmlos. Und insofern ist dieses Risiko-Nutzen-Verhältnis ein deutlich anderes als bei Erwachsenen. 

Das heißt also, eine Empfehlung der Stiko ist nicht sicher?

Die Beratungen zu dieser Empfehlung der Stiko haben gerade angefangen und ich kann das nicht vorwegnehmen. Aber man kann sich schon vorstellen, dass das zunächst vielleicht erstmal bei den Kindern und Jugendlichen empfohlen wird, die wirklich ein höheres Risiko haben, die halt andere chronische Erkrankungen haben, die mit dem Risiko für einen schwereren Verlauf verbunden sind. Das muss jetzt mit großer Sorgfalt aufbereitet werden mit Daten aus der ganzen Welt, um das Risiko für die Kinder und Jugendlichen gut beurteilen zu können. 

Impfstoff ist immer noch knapp. Können wir es uns da erlauben, mit dem Ziel Herdenimmunität jetzt schon 12- bis 15-Jährige zu impfen?

Um die Herdenimmunität zu erreichen, reicht das sicherlich noch nicht, die 12- bis 15-Jährigen zu impfen. Um einen besseren Fremdschutz der Erwachsenen zu erreichen auch nicht. Und die Menge des Impfstoffs begrenzt uns immer noch. Wir sind immer noch dabei, die priorisierten Gruppen zu impfen und haben da noch große Lücken. Und dann erst kommt der Rest der Bevölkerung. Und bevor das nicht passiert ist, glaube ich, macht es keinen großen Sinn, alle Kinder primär zu impfen, damit die Schulen geöffnet werden können. 

Der Bundesgesundheitsminister und viele Bundesländer gehen davon aus, dass spätestens im Sommer Jugendliche ab 12 Jahren geimpft werden, damit die Schule im September sicher beginnen kann.

Ich erlebe jetzt in dieser Pandemie, dass Politiker den zweiten Schritt vor dem ersten planen. Und ich denke, jetzt zu versprechen, die Kinder werden jetzt schon geimpft, das erzeugt einen sehr hohen Erwartungsdruck. Ich weiß nicht genau, ob wir den erfüllen können. Und ich erlebe auch in der Elternschaft eine sehr begrenzte Bereitschaft, ihre gesunden Kinder jetzt zu impfen, solange sie nicht wissen, dass der Impfstoff absolut sicher ist und sie kein Risiko eingehen. Und das möchten wir auch von der StiKo den Eltern sagen können. Aber jetzt kann ich das noch nicht. Insofern würde ich mir wünschen, dass die Politik und auch die Medienlandschaft ein bisschen zurückhaltender damit umgehen, weil wir das noch nicht gut genug wissen.

Dr. Martin Terhardt Martin Terhardt ist Arzt in Berlin und Mitglied in der Ständigen Impfkommission (Stiko) am Robert Koch-Institut. Dort gehört er zur Arbeitsgruppe "Covid-19-Impfung“ und vertritt die Kinder- und Jugendärzte. Die Stiko empfiehlt, welche Impfstoffe wann, wie und an wen in Deutschland verabreicht werden sollten. Sie entwickelt dafür eine Risiko-Nutzen-Abwägung.

Das Interview führte André Seifert, MDR AKTUELL

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