Corona-Impfung Charité-Forscher fordert Ambulanzen für Impfgeschädigte

An der Charité in Berlin wird eine Beobachtungsstudie zu Nebenwirkungen nach Corona-Impfungen durchgeführt. Professor Harald Matthes leitet die Untersuchung und fordert mehr Anlaufstellen für Betroffene.

Ein Patient wird in eine Röhre für ein MRT gebracht
Impfschäden nach einer Corona-Impfung sind selten, aber es gibt sie. "Viele Krankheitsbilder, die man von 'Long Covid' kennt, entsprechen denen, die als Impfnebenwirkungen auftreten", sagt Professor Matthes. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Zahl schwerer Komplikationen nach Impfungen gegen Sars-CoV-2 könnte höher sein, als durch das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) bislang erfasst wurde. Das ist eines der vorläufigen Ergebnisse einer bislang unveröffentlichten langfristigen Beobachtungsstudie der Berliner Charité. Der Leiter der Untersuchung, Professor Harald Matthes, fordert jetzt mehr Anlaufstellen für Betroffene.

Untersuchung mit rund 40.000 Teilnehmern und Teilnehmerinnen

Seit einem Jahr läuft die Beobachtungsstudie "Sicherheitsprofil von Covid-19-Impfstoffen" (kurz "ImpfSurv"), welche Nebenwirkungen der verschiedenen Vakzine im Fokus hat. Deutschlandweit werden dafür inzwischen knapp 40.000 geimpfte Personen in regelmäßigen Abständen befragt. Jetzt gibt es erste Zwischenergebnisse, basierend auf den Daten von den ersten ca. 10.000 Freiwilligen, welche über ein Jahr zu ihren Symptomen nach der Impfung mittels Online-Fragebogen regelmäßig befragt wurden.

Ein Resultat: Etwa acht von 1.000 Geimpften (0,8%) leiden unter schweren Nebenwirkungen. Dieses Zwischenresultat weicht deutlich von den Ergebnissen anderer Studien und Auswertungen ab. Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) gibt in seinem Sicherheitsbericht von März 2022 beispielsweise bei 0,2 von 1000 Geimpften (0,02%) schwerwiegende Nebenwirkungen an.

Professor Harald Matthes spricht
Die Beobachtungsstudie "Sicherheitsprofil von Covid-19-Impfstoffen" an der Berliner Charité leitet Professor Harald Matthes. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Manche Nebenwirkungen halten monatelang an

Als schwere Nebenwirkungen gelten in der ImpfSurv-Studie Symptome, die über Wochen oder Monate anhalten und medizinische Behandlung erfordern. So werden die Studienteilnehmer u.a. befragt, ob ihre behandelnden Ärzte die Krankheit als potentiell lebensbedrohlich einstufen. Dazu zählen Muskel- und Gelenkschmerzen, Herzmuskelentzündungen, überschießende Reaktionen des Immunsystems und neurologische Störungen, also Beeinträchtigungen des Nervensystems. "Die meisten, auch schweren Nebenwirkungen, klingen nach drei bis sechs Monaten ab, 80 Prozent heilen aus. Aber es gibt auch leider welche, die deutlich länger anhalten", berichtet Professor Matthes.

Nebenwirkungen im Zusammenhang mit einem COVID-19-Impfstoff können dem Paul-Ehrlich-Institut online gemeldet werden. Ziel ist es hier, bisher unbekannte Risiken nach einer Impfung erkennen zu können. Zu beachten ist, dass das PEI für schwerwiegende Nebenwirkungen eine etwas andere Definition zu Grunde legt, nämlich "Nebenwirkungen, die tödlich oder lebensbedrohend sind, eine stationäre Behandlung oder Verlängerung einer stationären Behandlung erforderlich machen, zu bleibender oder schwerwiegender Behinderung, Invalidität, kongenitalen Anomalien oder Geburtsfehlern führen". Dadurch lassen sich die Zahlen nicht hundertprozentig vergleichen. Für Betroffene ist allerdings nur eines wichtig: Dass sie schnell und kompetent Hilfe bekommen – und dass man sie ernst nimmt.

Mediziner: "offen darüber diskutieren, ohne als Impfgegner zu gelten"

Rund 179 Millionen Covid-19-Impfdosen wurden bislang in Deutschland verimpft. "Angesichts der Einzelfälle mit schweren und langanhaltenden Nebenwirkungen nach Covid-Impfungen in Deutschland müssen wir Ärzte tätig werden", betont Prof. Matthes, der neben seiner Tätigkeit an der Berliner Charité, im Vorstand mehrerer medizinischer Fachgesellschaften und ärztlicher Leiter einer Klinik mit Schwerpunkt auf anthroposophischer Medizin ist. Zudem war er Leiter einer Coronastation und eines Impfzentrums. "Wir müssen zu Therapieangeboten kommen, auf Kongressen und in der Öffentlichkeit offen darüber diskutieren, ohne dass wir als Impfgegner gelten", betont er.

Betroffene müssen ernst genommen werden

Für Betroffene sei es besonders bedrückend, dass sie mit ihren Beschwerden oft nicht ernst genommen würden. Niedergelassene Ärzte würden entsprechende Symptome zu oft nicht mit den Impfungen in Verbindung bringen, weil sie entweder nicht darauf vorbereitet seien oder weil sie sich in einer aufgeheizten politischen Stimmung nicht positionieren wollten. Davon zeugten auch die vielen Zuschriften an Professor Matthes, in denen Betroffene ihre oft monatelange Suche nach wirksamer ärztlicher Hilfe und Anerkennung schildern. Sie zeigen, dass Verdachtsfälle in diesen Fällen offenbar nicht offiziell gemeldet werden. Das könnte eine Erklärung sein, warum die Zahlen schwerwiegender Impfreaktionen beim Paul-Ehrlich-Institut mit 0,2 Meldungen pro 1.000 Impfdosen so niedrig sind.

Spezialambulanzen für Impfgeschädigte gefordert

Es gibt bereits eine Reihe von Einrichtungen, die in der Lage wären, zumindest die Erstversorgung von Patienten mit Impfkomplikationen zu übernehmen: "Wir haben bereits mehrere Spezialambulanzen zur Behandlung der Langzeitfolgen einer Covid-Erkrankung", erklärt Prof. Matthes. "Viele Krankheitsbilder, die man von 'Long Covid' kennt, entsprechen denen, die als Impfnebenwirkungen auftreten." Die Ärzte in solchen Kliniken seien daher erfahren genug. Nun gehe es darum, die Ambulanzen auch für Patienten mit Impfkomplikationen zu öffnen. Je nach Ausprägung der Komplikation, könnten Patienten dann an Fachabteilungen, wie die Neurologie oder Kardiologie weitervermittelt werden. Und auch Intensivstationen und Dialysezentren könnten in die Behandlung eingebunden werden: "Die haben Erfahrung mit Blutwäsche" ergänzt Professor Matthes.

Blutwäsche als Therapie

Sowohl an der Charité als auch in weiteren Kliniken sei man dabei, wirksame Behandlungen für Menschen mit Impfkomplikationen zu entwickeln. "Häufig ist das Vorhandensein zu vieler Autoantikörper im Blutplasma der Betroffenen die Ursache des Problems", erklärt Prof. Matthes. "Darum muss zunächst ermittelt werden, welche und wie viele dieser Autoantikörper vorhanden sind." Auch Labore, die entsprechende Untersuchungen durchführen können, müssten daher mit ins Boot geholt werden.

Sobald die Diagnose klar ist, gehe es darum, die überschüssigen Antikörper durch medikamentöse Immununterdrückung oder durch eine spezielle Blutwäsche aus dem Blut zu entfernen. Das Verfahren sei lange schon bekannt, aber zu unspezifisch: "Wir wollen nur falsch gebildete Autoantikörper reduzieren also solche, die sich gegen Sars-CoV-2 entwickelt haben." Das Problem sei allerdings, dass die Behandlungen von Long Covid, auch Reha-Maßnahmen, inzwischen durch die Krankenkassen bezahlt werden, vergleichbare Behandlungen von Impfkomplikationen hingegen aber nur in sehr seltenen Fällen. Hier müsse dringend nachgebessert werden, unterstreicht der Mediziner und rät Patienten und ihren Hausärzten: "Wenn die Kasse die Kostenübernahme für eine Maßnahme ablehnt, legen Sie Widerspruch ein, notfalls ein zweites Mal."

Anlaufstellen für Long Covid: bundesweite Kontakt-Liste

Anmerkung der Redaktion In einer früheren Version dieses Artikels war die Aussage zu lesen, dass die Zahlen der ImpfSurv-Studie zu schwerwiegenden Impfnebenwirkungen sich auch in den Daten anderer Länder wie Schweden, Israel oder Kanada bestätigen. Recherchen des MDR haben das nicht bestätigt. Außerdem hat die Redaktion die unterschiedliche Definition von "schweren" bzw. "schwerwiegenden" Impfnebenwirkungen im Sicherheitsbericht des PEI und der ImpfSurv-Studie berücksichtigt und die Zahlen nicht mehr direkt miteinander ins Verhältnis gesetzt.

Der Artikel weist außerdem auf die unterschiedlichen Tätigkeitsfelder von Prof. Matthes hin. Von der im Artikel genannten Studie und den enthaltenen Zahlen hat sich die Charité distanziert und eine Überprüfung veranlasst. Die Studie wurde inzwischen offline genommen. Über die Ergebnisse werden wir berichten.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 28. April 2022 | 21:00 Uhr

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