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Mit der App SafeVac können Nebenwirkungen und Impfkomplikationen direkt gemeldet werden. Bildrechte: dpa

ImpfkomplikationenFragen und Antworten zu Nebenwirkungen der Corona-Impfung

von Sophie Rauch, MDR AKTUELL

Stand: 17. Januar 2022, 12:17 Uhr

Ende Dezember 2020 startete die Impfkampagne in Deutschland - und seitdem gibt es auch immer wieder Berichte über schwerwiegende Nebenwirkungen im Zusammenhang mit der Impfung. Doch welche Nebenwirkungen treten wirklich häufig auf? Und wer hat Anspruch auf Entschädigung? Die Antworten finden Sie hier.

Am 22. Dezember 2020 wurde der erste Corona-Impfstoff in der EU zugelassen und fünf Tage später startete die Impfkampagne in Deutschland. Seitdem beobachtet und sammelt das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) Nebenwirkungen, die im Zusammenhang mit der Impfung auftreten.

Ganz grundlegend lässt sich weiterhin sagen, dass die Impfung mehr nutzt, als dass sie Risiken birgt. Das geht auch erneut aus dem aktuellen Bericht zu Impfkomplikationen des PEI hervor. Demnach ist die überwiegende Mehrzahl der Nebenwirkungen vorübergehende lokale und systemische Reaktionen, die bereits in den klinischen Prüfungen vor der Zulassung beobachtet wurden.

Fast 197.000 gemeldete Verdachtsfälle

Der aktuelle Bericht des Paul-Ehrlich-Instituts wertet die registrierten Fälle im Zeitraum vom 27. Dezember 2020 bis zum 30. November 2021 aus. Bis dahin wurden in Deutschland dem Robert Koch-Institut zufolge über 123 Millionen Impfungen durchgeführt. Dem gegenüber stehen knapp 197.000 registrierte Verdachtsmeldungen auf Nebenwirkungen. Demnach betrug die Melderate für alle Impfstoffe zusammen 1,6 Meldungen pro 1.000 Impfdosen und für schwerwiegende Reaktionen 0,2 Meldungen pro 1.000 Impfdosen.

ImpfstoffVerimpfte DosenGemeldete Verdachtsfälle
Gesamt123.347.849196.974
Biontech/Pfizer96.606.131113.792
Moderna10.576.13128.289
Astrazeneca12.703.03046.325
Johnson und Johnson3.462.5577.758

Bei der Betrachtung der Verdachtsfälle ist es zudem wichtig, diese immer ins Verhältnis der verabreichten Impfdosen zu stellen. Sonst entstehe ein falsches Bild, betonte das PEI. "Allein von dem mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer sind bisher ungefähr dreimal so viele Impfdosen verabreicht wurden, wie von den drei anderen Impfstoffen zusammen", heißt es unter anderem in einer Stellungnahme des Instituts.

78 Todesfälle im zeitlichen Zusammenhang mit Impfung

In den fast 197.000 gemeldeten Verdachtsfällen wurde in 1.919 Meldungen über einen tödlichen Ausgang berichtet, die jeweils einen unterschiedlichen zeitlichen Abstand zur Impfung (0 Tage bis 289 Tage) hatten. In 78 Einzelfällen davon hat das Paul-Ehrlich-Institut den ursächlichen Zusammenhang mit der Impfung als wahrscheinlich bewertet.

Zu dieser Bewertung kommt das PEI, da in den 78 Fällen die Patienten auf der einen Seite an bekannten Impfrisiken (wie Herzmuskelentzündung und Blutungen aufgrund von Thrombosen) gestorben sind. Auf der anderen Seite besteht ein zeitlich plausibler Abstand zur Impfung. Es bestehe damit auch kein Risikosignal für eine erhöhte Sterblichkeit für alle vier Impfstoffe, erklärte das PEI auf Grundlage der gesammelten Daten. Hier betonte das PEI in einer Stellungnahme: "Krankheiten oder körperliches Unwohlsein und auch Todesfälle treten auch unabhängig von Impfungen auf." Nicht alles stehe gleich im Zusammenhang mit der Impfung.

Verdachtsfälle aus Mitteldeutschland

Im vergangenen Jahr wurden in Sachsen bis zum 30. November insgesamt 428 Verdachtsfälle registriert, bei denen die Nebenwirkungen einer Corona-Schutzimpfung über das übliche Maß hinausgingen. Bei mehr als fünf Millionen verabreichten Dosen entspreche das acht Meldungen pro 100.000 Impfungen, erklärte das Sozialministerium. Die Melderate für betreffende Nebenwirkungen liegt demnach bei 0,08 Meldungen pro 1.000 Impfdosen, für schwerwiegende Verdachtsfälle bei 0,03.

Zudem sind bisher 36 Menschen im zeitlichen Zusammenhang mit einer Schutzimpfung gestorben. Nach Angaben des Ministeriums lässt sich allerdings nicht feststellen, ob die Impfung Ursache oder maßgeblich mitverantwortlich für ihren Tod war.

In Sachsen-Anhalt hat das Landesamt für Verbraucherschutz bisher 108 Verdachtsfälle dokumentiert. Ob tatsächlich die Impfung ursächlich für das Geschehen war, werde bei der Erhebung nicht berücksichtigt, betonte das Sozialministerium des Landes. Es genüge der einmalige, auch unbestätigte Verdacht. Zu den Todesfallmeldungen im Zusammenhang mit einer Impfung konnte das Ministerium keine Angaben machen, da durch das PEI keine landesspezifische Auswertung erfolge. Das Sozialministerium in Thüringen konnte auf Anfrage keine Daten mitteilen und verwies auf die bundesweite Erhebung durch das Paul-Ehrlich-Institut.

Was gilt als Verdachtsfall?

Als Verdachtsfälle gelten Nebenwirkungen und Impfkomplikationen, die in zeitlicher Nähe zur Impfung aufgetreten sind. Aber nicht jede Impfreaktion, die als Nebenwirkung gemeldet wird, ist gleichbedeutend mit von dem jeweiligen Impfstoff verursachten körperlichen Beschwerden. Krankheiten oder körperliches Unwohlsein und auch Todesfälle treten auch unabhängig von Impfungen auf.

In den Sicherheitsberichten des PEI wird deshalb immer eine Melderate angegeben, sowohl für die Verdachtsfallmeldungen insgesamt wie auch für die Verdachtsfälle auf schwerwiegende Reaktionen. Diese Melderaten helfen dem PEI beim Erkennen möglicher bisher unbekannter Risiken von einem Impfstoff. Wenn eine bestimmte Impfreaktion häufiger gemeldet wird, als es normalerweise auch ohne Impfung auftritt, wird sie genauer analysiert und als Hinweis auf ein Risikosignal gewertet, dem weiter nachgegangen wird.

Daher sind Verdachtsfallmeldungen ein wertvolles Instrument, um mögliche Risiken, insbesondere auch sehr seltene Risiken von Impfstoffen zu erkennen. Im Fall der Corona-Impfstoffe habe man damit bereits nach wenigen Wochen bzw. Monaten einige sehr seltene Nebenwirkungen registrieren können, betonte das PEI.

Wer hat einen Anspruch auf Entschädigung bei Impfschäden?

Was als Impfschaden gilt und wer einen Anspruch auf Versorgungsleistungen hat, ist im Infektionsschutzgesetz (IfSG) geregelt. Ein Impfschaden ist demnach "die gesundheitliche und wirtschaftliche Folge einer über das übliche Ausmaß einer Impfreaktion hinausgehenden gesundheitlichen Schädigung durch die Schutzimpfung" (§ 2 Nr. 11 IfSG). Nicht darunter fallen vorübergehende Impfreaktionen wie Kopfschmerzen, Schüttelfrost oder Fieber, die häufig auftreten.

Seit Beginn der Impfkampagne sind bundesweit mindestens 1.200 Anträge auf staatliche Versorgungsleistungen nach möglichen Impfschäden gestellt worden. Das geht aus einer Recherche der Zeitung "Neue Osnabrücker Zeitung" hervor. Demnach waren aus allen 16 Bundesländern bislang 1.219 Anträge eingegangen. Davon wurde in bisher 54 Fällen schon entschieden. 18 Anträge wurden bewilligt und 30 abgelehnt. Die übrigen haben sich anderweitig erledigt. Der Zeitung zufolge stehen die 1.219 Anträge im Verhältnis zu 155,4 Millionen Impfungen - das entspricht einem Antrag pro 127.500 Impfungen (Stand: 13.01.21).

Verschiedene Pressesprecher der Gesundheitsministerien der Länder wiesen gegenüber der Zeitung darauf hin, dass der Gesundheitszustand nach sechs Monaten maßgeblich für die Entscheidung über die Anträge sei. Zudem sei die Prüfung auf einen Zusammenhang des Gesundheitszustands mit der Impfung sehr umfangreich und zeitaufwendig. Die Verfahren zur Anerkennung von Impfschäden sind auch im Infektionsschutzgesetz in den Paragraphen 60 und 61 geregelt. Verantwortlich dafür sind die Versorgungsämter der einzelnen Bundesländer.

Welche Nebenwirkungen treten am häufigsten auf?

Die drei häufigsten Beschwerden, die nach einer Impfung gemeldet wurden, waren Schmerzen an der Injektionsstelle, Müdigkeit und Kopfschmerzen. Bei allen drei Impfreaktionen deuten vorläufige Daten des Paul-Ehrlich-Instituts darauf hin, dass sie nach der Auffrischungsimpfung seltener auftreten. Den Großteil der Meldungen machen demnach vorübergehende und kurzfristige Allgemein- und Lokalreaktionen wie Fieber, Kopf-, Muskel- und Gliederschmerzen aus.

Zudem lässt sich den Daten des PEI entnehmen, dass bei einem Drittel der Personen, die einen Verdachtsfall gemeldet haben, zum Meldezeitpunkt die Beschwerden wieder weg waren. Circa drei Prozent meldeten einen bleibenden Schaden nach der Impfung. Bei 20 Prozent hatte sich der Allgemeinzustand zum Meldezeitpunkt bereits verbessert und bei einem Drittel blieb der Zustand unverändert.

Welche Nebenwirkungen treten bei 12- bis 17-Jährigen auf?

Bei Kindern und Jugendlichen wurde bisher der Impfstoff von Biontech/Pfizer am meisten verabreicht. Hier beträgt die Melderate 0,60 auf 1.000 Impfdosen. Am häufigsten wurde von Schmerzen an der Injektionsstelle, Kopfschmerzen, Ermüdung und Fieber berichtet. Schwerwiegende unerwünschte Reaktionen wurden in circa 23 Prozent der Meldungen beschrieben. Insgesamt gab es 2.777 gemeldete Verdachtsfälle in der Altersgruppe. Aus den Daten geht also hervor, dass vorübergehende und kurzfristig andauernde Lokal- und Allgemeinreaktionen auch hier am häufigsten gemeldet werden.

Bei rund 55,4 Prozent der gemeldeten Fälle, waren die Beschwerden zum Zeitpunkt der Meldung wieder vollständig weg oder die Personen waren auf dem Weg der Besserung. Bei 30 Prozent waren die Beschwerden zum Zeitpunkt der Meldung noch vorhanden und bei knapp 14 Prozent der Kinder und Jugendlichen war der Ausgang unbekannt. Nach Angaben des RKI waren zum Zeitpunkt der Auswertung durch das PEI über die Hälfte der Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren mindestens einmal und circa 46 Prozent doppelt geimpft.

Wie verhält es sich mit Nebenwirkungen nach der Auffrischungsimpfung?

Im Zusammenhang mit einer Auffrischungsimpfung mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer wurden 2.931 Verdachtsfälle gemeldet und 338 Meldungen im Zusammenhang mit dem Impfstoff von Moderna registriert. Ein Vergleich der Melderaten nach Grund- und Auffrischungsimpfung zeigt, dass die Melderaten zu Verdachtsfällen von Nebenwirkungen bezogen auf 1.000 Impfungen nach einer dritten Impfdosis deutlich geringer waren, als die entsprechenden Melderaten nach der Grundimmunisierung. Die folgende Tabelle gibt Auskunft darüber, wie viele Meldungen pro 1.000 Impfungen registriert wurden.

Impfstoff1. Impfung2. Impfung3. Impfung
Biontech/Pfizer6,77,11,4
Moderna2,420,7

Allerdings ist zu beachten, dass es sich hierbei um vorläufige Zahlen handelt, da bis zum Stichtag der Auswertung (30.11.21) vermutlich vorwiegend ältere Personen, bestimmte Berufsgruppen und solche, die die ersten beiden Impfungen gut vertragen haben, eine Auffrischungsimpfung erhalten haben. Zudem sei die Nachbeobachtungszeit dieser Impfung kürzer als die der Grundimmunisierung, betont das Institut. Auch hier müssen die Werte in Relation zu den verabreichten Impfdosen betrachtet werden.

Wie häufig treten schwerwiegende Nebenwirkungen auf?

Eine der seltenen schwerwiegenden Nebenwirkungen, die immer wieder Aufmerksamkeit in den Medien bekam, ist die Myokarditis und die Perikarditis – also die Entzündung des Herzmuskels bzw. des Herzbeutels. Hier war die Melderate für den Impfstoff von Biontech/Pfizer bei jungen Männern (18-29 Jahre) nach der zweiten Impfung mit 8,7 Fällen pro 100.000 Impfdosen am höchsten. Im Vergleich dazu ist die Melderate für junge Frauen in der gleichen Altersgruppe mit 1,5 Fälle pro 100.000 Impfdosen deutlich geringer. Die überwiegende Mehrheit der erkrankten Personen habe jedoch gut auf die Behandlung reagiert und sei schnell genesen, teilte das PEI mit.

In der Tabelle wird die Melderate nach der zweiten Impfung nach Altersgruppen und Geschlecht dargestellt. Die Melderate entspricht den Meldungen, die pro 100.000 Impfungen registriert wurden. Bei den Jugendlichen, die den Impfstoff von Moderna erhalten haben, gibt es keine Angaben zur Melderate, da bisher nur drei Fälle bekannt sind und deshalb die Fallzahl für eine Berechnung zu klein ist.

GruppeBiontech/PfizerModerna
Jugendliche, männlich8,97k.A.
Jugendliche, weiblich0,8k.A.
Männer, 18-29 Jahre8,725,6
Männer, gesamt1,54,6
Frauen, 18-29 Jahre1,55,8
Frauen, gesamt0,81,3

Die Melderate sinkt zudem für beide Impfstoffe und beide Geschlechter mit steigendem Alter. Die höhere Gesamtmelderate nach Moderna beruht dabei vor allem auf der höheren Melderate bei jungen Erwachsenen. Die Stiko empfiehlt deshalb vorsorglich in der Altersgruppe der unter 30-Jährigen die Impfung mit dem Biontech-Impfstoff.

Neue Form der Thrombose als mögliche Nebenwirkung

Als eine weitere schwerwiegende, in einigen wenigen Fällen auch tödliche Nebenwirkung wird auch die Thrombose in Kombination mit einer Thrombozytopenie (Mangel an Blutplättchen) genannt. Diese Impfkomplikation ist vor allem bei den Vektorimpfstoffen von Astrazeneca und Johnson & Johnson aufgetreten. Die Thrombosen treten hierbei oftmals an ungewöhnlichen Stellen auf, wie beispielsweise in Hirn-, Milz- oder Lebervenen. Die Daten des PEI zeigen zudem, dass die Komplikation bei Astrazeneca viel seltener nach der zweiten Impfung auftritt als nach der ersten.

Kriterien zur Definition dieser Impfkomplikation

Bei der Zuordnung der Symptome zu dieser Form der Thrombose greift das Paul-Ehrlich-Institut auf Kriterien zurück, die die US-amerikanischen Centers of Disease Control and Prevention (CDC) entwickelt haben. Danach zählen alle Fälle zu dieser Impfkomplikation, bei denen Thrombosen an ungewöhnlichen Stellen (z.B. Sinusvenen) mit gleichzeitigem Blutplättchen-Mangel auftreten. Auch Thrombose an üblichen Stellen (z.B. Lungenembolie) zählen dazu, wenn nachgewiesen werden kann, dass Antikörper gegen ein bestimmtes Blutgerinnungsprotein (genauer: Plättchenfaktor 4) gebildet werden.

Insgesamt starben 31 Personen nach der Impfung mit Astrazeneca in Folge der Erkrankung und sieben Personen nach Impfung mit Johnson & Johnson. Dabei waren bei 29 der 38 Meldungen die CDC-Kriterien erfüllt. Nach Impfung mit Biontech starben vier Personen in Folge der Impfkomplikation. Ein Patient starb, der den Impfstoff von Moderna erhalten hatte. Bei den mRNA-Impfstoffen waren die CDC-Kriterien in keiner der registrierten Meldung erfüllt.

Quelle: MDR AKTUELL/AFP (sra)

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 11. Januar 2022 | 21:45 Uhr