Corona-Pandemie Intensivmediziner appellieren an Bundesbürger

Die Lage auf deutschen Intensivstationen ist angespannt und so schnell dürfte sie sich auch nicht verbessern. Ärztinnen und Pfleger befürchten eine Patientenwelle durch Ansteckungen in der Weihnachtszeit. Sie bitten darum, im möglichst kleinen Kreis zu feiern und auf Reisen zu verzichten.

Ärztinnen auf der Covid-Station, einem Bereich der Operativen Intensivstation vom Universitätsklinikum Leipzig.
Die Covid-Station der Intensivstation vom Universitätsklinikum Leipzig. Bildrechte: dpa

Die Intensivmediziner in Deutschland haben an die Bundesbürger appelliert, zu Weihnachten auf Treffen im größeren Kreis zu verzichten. "Wir würden uns wünschen, dass die Menschen sich dieses Jahr auf sich selber zurückbesinnen, ein ganz ruhiges Weihnachtsfest im aller-, allerengsten Familienkreis feiern", sagte der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Uwe Janssens, der Deutschen Presse-Agentur.

Das wäre eine große Hilfe für alle Pflegekräfte auf den Intensivstationen, die an Weihnachten arbeiten würden, sagte Janssens. Diese hätten Angst, dass sonst 14 Tage später alles noch schlimmer werde.

Keine Entspannung auf Intensivstationen

In den Krankenhäusern zeichnet sich kurz vor Weihnachten keine Entspannung ab. Nach Angaben der Divi vom Montag werden bundesweit derzeit 5.167 Covid-19-Patienten intensivmedizinisch behandelt – das sind etwa 500 mehr als in der Vorwoche. 2.690 der Patienten werden aktuell invasiv beatmet.

In Deutschland sind derzeit knapp 22.000 Intensivbetten belegt, nur 4.860 sind noch frei. Besonders angespannt ist die Lage in Südbrandenburg und Ostsachsen. So sind im Landkreis Oberspreewald-Lausitz mehr als 87 Prozent der Intensivbetten mit Covid-Patienten belegt, im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge mehr als 82 Prozent der Intensivbetten und im Erzgebirgskreis knapp 66 Prozent. Aufgrund fehlenden Personals können mancherorts aber auch als frei gemeldete Intensivbetten nicht belegt werden.

Die Intensivmediziner erwarten auch in den kommenden Wochen keine Besserung der Lage auf den Intensivstationen. Die Zahl der belegten Betten werde weiter steigen, sagte der der Sprecher des Divi-Intensivregisters, Christian Karagiannidis. Das liege einfach daran, dass Patienten im Mittel erst acht Tage nach der Coronavirus-Infektion auf die Intensivstation kommen. Da bisher die Infektionszahlen nicht zurückgehen, dürften also auch die Zahlen der Patienten mit einem schweren Verlauf weiter steigen.

Karagiannidis rechnet mit steigenden Zahlen bis mindestens Mitte/Ende Januar. "Wir machen uns zunehmend Sorgen und es wird wirklich eng werden in deutschen Krankenhäusern, nicht nur in Sachsen, sondern in ganz Deutschland", sagte Karagiannidis bei einer virtuellen Pressekonferenz mehrerer Divi-Vertreter am Dienstagnachmittag. Karagiannidis forderte, schnellstmöglich das Krankenhauspersonal zu impfen, um eine Versorgung der Patienten sicherzustellen.

Mediziner hoffen auf Wirkung des Lockdowns

Die Mediziner hofften, dass die Zahlen nach dem aktuellen Anstieg aufgrund des Lockdowns ab Ende Januar wieder fielen, sagte Karagiannidis. Ganz sicher sei aber, dass die Intensivmedizin bis dahin nochmal stärker belastet werde.

Steffen Weber-Carstens von der Charité Berlin hob aber hervor, dass es im Moment nicht die Situation einer sogenannten Triage in Deutschland gebe. Dies gelte auch für Sachsen, wo die Ansteckungszahlen derzeit besonders hoch sind. Für die kommenden Tage befürchte er aber eine Verschlimmerung der Lage. "Wir richten uns auf eine dramatische Zunahme an Patienten ein, die wir intensivmedizinisch versorgen müssen", so Weber-Carstens.

Divi-Präsident Janssens wies in der virtuellen Pressekonferenz erneut darauf hin, dass jeder helfen könne, Krankenhäuser und Pflegepersonal zu entlasten. "Wir werden alle Patienten versorgt bekommen, aber es wird ein sehr hartes Weihnachtsfest werden – insbesondere auch für die Pflegekräfte", sagte Janssens. "Ich kann Ihnen versichern, dass wir das schaffen werden, aber es wird ein Kraftakt. Bitte feiern Sie das Weihnachtsfest im geringsten Umfeld wie möglich!"

Triage Unter einer Triage wird verstanden, wenn Ärzte entscheiden müssen, welche Patienten sie bei begrenzten medizinischen Kapazitäten bevorzugt behandeln. Bei Corona-Patienten müssten die Ärzte demnach etwa entscheiden, wer zunächst an ein Beatmungsgerät angeschlossen wird und wer nicht.

RKI-Chef Wieler spricht sich gegen Reisen aus

Auch der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, hatte zuvor vor Reisen über Weihnachten und in der Zeit bis Neujahr gewarnt. "Reduzieren Sie Ihre Kontakte auf das absolute Minimum, reisen Sie nicht", sagte Wieler auf der RKI-Pressekonferenz am Dienstagmorgen in Berlin. Er könne angesichts der Bilder von vollen Flughäfen nicht verstehen, warum immer noch so viele Menschen reisten.

Der Mensch sei der einzige Virusträger und Überträger bei SARS-Cov-2, nur er könne die Verbreitung stoppen. "Überall, wo Menschen zusammenkommen, besteht ein Ansteckungsrisiko", sagte Wieler. Daher sollte man versuchen, Kontakte überall einzuschränken, wo es möglich sei. "Tatsächlich stehen uns einige schwere Wochen bevor", sagte Wieler und ergänzte: "Wir sollten sie nicht noch schwerer machen."

Mehr Polizeikontrollen

Die Polizei kündigte an, die Präsenz im öffentlichen Raum an den Feiertagen zu erhöhen, um die Einhaltung der Corona-Beschränkungen zu Weihnachten und Silvester scharf zu kontrollieren. Man werde nicht von Haus zu Haus gehen und nachzählen, wie viele Leute am Tisch säßen. Wenn man aber Hinweise bekomme, dass Regeln verletzt würden, werde man dem nachgehen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 22. Dezember 2020 | 11:00 Uhr

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