Corona-Krise Diskussion um Öffnungen und Lockerungen – was sagen Intensivmediziner?

Die Öffnungsdebatte nimmt durch die beschlossenen Lockerungen für Genesene und Geimpfte weiter Fahrt auf. Aber wie sieht es derzeit auf den Intensivstationen aus? Was halten Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte von den Plänen, Kontaktbeschränkungen zu lockern?

Ein Intensivstationsbett mit einem Patienten und Ärzten
Mit Blick auf die Intensivstationen: Ist die Debatte um Öffnungen und Lockerungen noch zu früh? Bildrechte: imago images/Westend61

Im Carl-von-Basedow-Klinikum in Merseburg ist die Anspannung durch Corona derzeit unverändert hoch. Was die Ärztinnen und Ärzte in der dritten Welle sehen: Die Corona-Patienten sind jünger. Chefarzt Sven-Uwe Hake leitet die Corona-Normalstationen und sagt:

"Die Patienten haben sich in der dritten Welle deutlich gewandelt. Es sind mehr jüngere Patienten. Erschreckenderweise geht es auch bis in die Jahrgänge unter 30, im Alter meiner Kinder. Das erste Mal, als ich ein Röntgenbild gesehen habe, und dann den Patienten dazu, wo Jahrgang 92 drauf stand, da war ich erschrocken."

Inzwischen sei es traurige Realität, dass man schon eine gewisse Routine entwickelt habe, 27- oder 28-jährige Patientinnen und Patienten auf der Station zu behandeln.


Druck lässt nicht nach

Der Druck auf die Intensivstation hat in Merseburg bislang nicht nachgelassen. Vor kurzem noch musste sich die Klinik bei der Rettungsleitstelle abmelden – kein Platz für neue Notfälle, alle 16 Betten belegt. Und am 4. Mai, dem Tag, an dem FAKT berichtet, sind im Raum Merseburg-Halle von 280 Intensivbetten 260 belegt, sofort verfügbar sind lediglich sieben. Für eine Region mit rund einer halben Million Bewohnerinnen und Bewohner ist das wenig. Mithin eine anhaltend sehr angespannte Situation.

Im Klinikum Carl-von-Basedow sieht man in der dritten Welle aber nicht nur jüngere Patienten, sondern auch schwerere Verläufe. In der regelmäßigen Belegungskonferenz diskutierte man auch den Einfluss der Virusmutationen:

Vom Labor kam die Nachricht, dass wir jetzt auch brasilianische Varianten im Umlauf haben. Das war bisher noch nicht der Fall. Wir haben im Haus noch weiterhin die britische Variante, und zwar bis zu 90 Prozent. Und das zeigt sich auch an der Krankheitsschwere, die wir hier haben, die zugenommen hat.

Dr. Jule Wenke Winkler, Krankenhaushygienikerin Carl-von-Basedow-Klinikum Saalekreis

Das jüngere Alter der Schwerkranken erhöht die Beanspruchung der Intensivstationen zusätzlich: Covid-Patienten bleiben generell länger als viele andere Patienten auf der Intensivstation (ITS) – im Durchschnitt zweieinhalb Wochen. Jüngere Patientinnen und Patienten oft noch länger.


Isolation erhöht Leid

Aber egal,  ob es sich um ältere oder jüngere Covid-Patienten handelt  – die Isolation der Kranken erhöht das Leid bei allen. Die Krankenpflegerin Marie Christl vom Klinikum Carl-von-Basedow sagt, dass das Pflegepersonal besonders gefordert sei, denn die Patientinnen und Patienten bekämen keinen Besuch, ihnen fehle jeglicher Kontakt zu  Familie und  Angehörigen.

Im Infektionszimmer für Covid-19-Patienten auf der Interdisziplinären internistischen Intensivtherapiestation (ITS) der Universitätsmedizin Rostock hält eine Mitarbeiterin die Hand eines Patienten im künstlichen Koma und spricht mit ihm.
Isolation erhöht das Leid, egal ob alt oder jung. Bildrechte: dpa

Christl weiter: "Und natürlich sollte man sich da die Zeit nehmen – auch wenn sie oft nicht bleibt. Aber gerade einfach mal die Hand zu halten, Mut zuzusprechen und den Patienten zu sagen, dass sie das wirklich toll machen, das ist mir persönlich sehr wichtig."


Kooperation mit Kliniken in Halle

Das Krankenhaus in Merseburg kooperiert eng mit mehreren Kliniken in Halle, darunter dem Krankenhaus "St. Elisabeth und St. Barbara". Das Personal ist nach mehr als einem Jahr Pandemie ausgelaugt.

Dr. Hendrik Liedtke ist der ärztliche Direktor der Klinik. Auch hier kämpft man auf der Intensivstation um Platz für diejenigen mit nicht weiter aufschiebbaren Operationen. Und natürlich für die Notfälle, die jederzeit anfallen, ganz unabhängig von Corona: Herzinfarkte, Schlaganfälle, Unfallopfer. Um das zu schaffen, haben sich insgesamt sechs Kliniken in Merseburg und Halle eng verbunden, sie stimmen sich täglich ab.

Und das ist nicht nur in Halle und Merseburg der Fall: In ganz Deutschland sind die Kliniken zur Kooperation aufgerufen. Dazu ist die Bundesrepublik in fünf Regionen aufgeteilt, Kleeblätter genannt, die je für sich koordiniert werden. In Sachsen-Anhalt entlasten sich im Raum Halle – Merseburg die sechs Kliniken gegenseitig, indem sie Covid-Patienten so zwischen sich verteilen, dass möglichst alle Platz für Notfälle haben. Seit Weihnachten mussten 85 Patienten verlegt werden.


Ohne Kooperationen ad hoc arbeitsunfähig?

Wenn es diese Kooperation der Kliniken nicht gäbe, was wäre dann?, fragt FAKT bei Dr. Hendrik Liedtke, dem Ärztlichen Direktor des Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara nach: "Dann wäre das Risiko für einzelne Krankenhäuser, ad hoc arbeitsunfähig zu werden, sehr hoch. Und es würde das Risiko bestehen, dass Notfallpatienten in Krankenhäuser kommen, die in dem Moment, wo sie dann dort ankommen, gar nicht in der Lage sind, die Patienten zu behandeln."

Für die Verlegung von Intensivpatienten steht ein hochmodernes Spezialfahrzeug zur Verfügung, das in Halle stationiert ist – eine fahrende Intensivstation.


Gemischte Gefühle bei Öffnungsdebatte

Dr. Karsten zur Nieden ist der ärztliche Leiter des Rettungsdienstes Halle. Die Diskussionen um weitere Öffnungen lösen bei ihm gemischte Gefühle aus:

Als Mensch bin ich natürlich sehr froh, wenn wir wieder öffnen können. Als Arzt, der jeden Tag schwerstkranke Covid-Patienten betreut, bin ich nicht sicher, ob es jetzt schon der richtige Zeitpunkt ist.

Dr. Karsten zur Nieden, Leiter Rettungsdienst in Halle

Man bewege sich bei der Schwerstkranken-Zahl noch seitwärts, es gebe noch keine deutliche Erholung. Er befürchtet, wenn zu früh geöffnet werde, dann könne es sein, dass  man  dies bitter bezahlen müsse: "Und das ist das, was wir auf keinen Fall wollen."

Quelle: FAKT

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 04. Mai 2021 | 21:45 Uhr

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