Vorbereitungen auf mögliche vierte Welle Das Ende der Inzidenz?

Bisher begründete der Bund die Corona-Maßnahmen vor allem mit den Infektionszahlen. Künftig könnte stattdessen die Zahl der schweren Krankheitsverläufe entscheidend sein. Löst die Hospitalisierungsrate nun die Inzidenz ab?

Die abendliche Sonne scheint auf zahlreiche Besucher des Schrevenparks in der Kieler Innenstadt.
Bisher wurde bei der Bewertung der Coronalage vor allem auf die Neueinfektionen geschaut – das könnte sich bald ändern. Bildrechte: dpa

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen stieg zuletzt wieder leicht an – erstmals seit Monaten. Das Bundesgesundheitsministerium arbeitet unterdessen an einem Plan, wie es die Gefahr einer vierten Welle besser einschätzen kann. Allein die Zahl der Neuinfektionen wird dann vermutlich nicht mehr ausschlaggebend für mögliche strengere Maßnahmen sein.

Darauf deuten Äußerungen von Mitgliedern der Bundesregierung und ein Verordnungsentwurf des Bundesgesundheitsministeriums von Ende Juni hin. Laut dem Entwurf soll neben der Inzidenz – also der Anzahl der Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche – künftig vor allem die Schwere der Erkrankungen eine Rolle spielen.

Krankheitsschwere soll besser erfasst werden

In dem Entwurf, der dem MDR vorliegt, heißt es, zusammen mit den Daten aus dem DIVI-Intensivregister könne so die Belastung des Gesundheitssystems umfassend beurteilt werden – und Corona-Maßnahmen nicht mehr allein von den Infektionen abhängig gemacht werden.

Krankenhäuser sollen dem Verordnungsentwurf zufolge mitteilen, wie schwer die Covid-Erkrankung einzelner Patienten verläuft. Diese Daten sollen den örtlichen Gesundheitsämtern übermittelt werden. Neben dem Namen, Alter und Antikörperstatus sollen auch Informationen über die vorhandene oder nicht vorhandene Corona-Impfung erfasst sowie Verdachtsfälle übermittelt werden.

Im Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara arbeiten Pfleger auf der Interdisziplinären Intensivstation mit Covid-19 Bereich am Bett eines Patienten von Patienten. Auf der Station ist seit dem heutigen Tag eine deutliche Entspannung zu spüren, was die Belegung durch Patienten mit Covid-19 betrifft.
Corona-Intensivsation in Halle: Künftig soll die Krankeitsschwere von Geimpften stärker berücksichtigt werden. Bildrechte: dpa

Kanzleramt: Kein Lockdown für Geimpfte

Dass die Inzidenz der reinen Neuinfektionen als Grundlage für Corona-Maßnahmen eine geringere Rolle spielen könnte, hatte vergangene Woche bereits Helge Braun (CDU) im MDR angedeutet. Geimpften, so der Kanzleramtschef, drohe künftig überhaupt kein Lockdown mehr.

Später äußerte sich auch Jens Spahn (CDU). Er sagte, wer geimpft oder genesen sei, könne auch bei der Einschränkung von Freiheitsrechten nicht genau so belegt werden wie andere. Solange es keine Mutation gibt, die den Impfschutz beeinträchtigt, seien "Beschränkungen wie im Winter weder notwendig, noch angezeigt noch rechtlich möglich", so Spahn.

Mehr als die Hälfte geimpft

Hintergrund der Verordnung ist die fortgeschrittene Impfkampagne: Inzwischen sind laut RKI 58 Prozent der Einwohner in Deutschland mindestens einmal geimpft. Eine zweite Impfung, die besonders bei der Delta-Variante wichtig zu sein scheint, haben 41 Prozent erhalten. Hinzu kommen etwa 3,6 Millionen Genesene (Stand 07.07.2021). Durch die komplette Schutzimpfung reduziert sich aktuellen Studien zufolge das Risiko eines schweren Verlaufs erheblich. Aktuelle Daten des Robert Koch-Instituts weisen auf eine hohe Impfeffektivität von rund 90 Prozent hin.

Inwiefern die Impfungen auch gegen die inzwischen dominierende Delta-Variante schützen, ist derzeit noch unklar. Möglicherweise infizieren sich Geimpfte, haben aber leichte Verläufe und müssen nicht so häufig ins Krankenhaus. Das legen vorläufige Erhebungen aus Israel und Großbritannien nahe.

Krankenhausgesellschaft: Meldepflicht bereits vorhanden

Allerdings: Bei der Deutschen Krankenhausgesellschaft gibt es Kritik am Verordnungsentwurf. Der Aufwand für die Kliniken sei hoch, Aufnahme und Entlassung in Krankenhäuser müssten bereits jetzt gemeldet werden. Im Paragraf 6 des Infektionsschutzgesetzes ist geregelt, dass Hospitalisierungen von Corona-Fällen den Gesundheitsämtern gemeldet werden müssen. Es erschließe sich nicht, welchen zusätzlichen Erkenntnisgewinn man sich durch die neue Verordnung erhoffe, heißt es in einer Stellungnahme der Krankenhausgesellschaft. Der Verordnungsentwurf befindet sich aktuell im  Abstimmungsverfahren und kann deshalb noch geändert werden.

Abgeordnete: Orientierung an Hospitalisierungsrate überfällig

Der Verordnungsentwurf kann als politisches Zeichen verstanden werden – weg von der reinen Inzidenz, hin zu den Hospitalisierungen. Im Gesundheitsausschuss stößt die angekündigte Neuorientierung auf Zuspruch. Andrew Ullmann, Obmann des Ausschusses und FDP-Abgeordneter im Bundestag, sagt: "Es scheint eine Lernkurve stattzufinden: Die Inzidenzwerte können für die Beurteilung der pandemischen Lage nicht allein ausschlaggebend sein." Da lohne sich, so Ullmann, ein Blick nach Großbritannien. Dort seien die Infektionszahlen kürzlich deutlich gestiegen, auch die Krankenhausaufenthalte aufgrund von Corona. "Aber eben nicht so massiv. Eine Überlastung ist aktuell nicht zu erkennen."

Das sieht Kordula Schulz-Asche ähnlich. Sie ist Bundestagsabgeordnete der Grünen und ebenfalls Mitglied des Gesundheitsausschusses. Sie sagt, dass insbesondere durch eine Erhöhung der Impfquote und die vermehrte Ausbreitung der Delta-Variante relevant zu erfassen sei, wie schwer Infektionen verliefen und ob die Infizierten und Hospitalisierten bereits geimpft gewesen seien. Allein die Erhebung der Krankheitsschwere und der Hospitalisierung reiche allerdings nicht aus, sagt Andrew Ullmann.

Andrew Ullmann (FDP), Mitglied des Deutschen Bundestages, spricht in der Debatte zum Masernschutzgesetz.
Andrew Ullmann sitzt für die FDP im Gesundheitsausschuss. Bildrechte: dpa

"Bei der angedachten Hospitalisierungsrate ist enorm wichtig, dass nicht nach Bauchgefühl Grenzwerte festgelegt werden." Die Festlegung der Inzidenzzahlen habe bisher eher willkürlich stattgefunden und sei nicht ausreichend begründet gewesen. Es brauche, so Ullmann, ein evidenzbasiertes Modell, das anhand der Daten beziehungsweise Parameter konkret festlegt, wann welche Maßnahmen sinnvoll sind.

Sachsen setzte schon früh auf den “Bettenindikator”

Während im Frühjahr 2020 der R-Wert Konjunktur hatte, entwickelte sich bis November die Inzidenzzahl zum wichtigsten Faktor für schärfere Corona-Regeln. Ab Ende April dieses Jahres galt ausschließlich die Inzidenz von 100 für das Inkrafttreten der Bundesnotbremse. In Sachsen setzte man bereits im Frühjahr 2021 auf den "Bettenindikator". Waren mehr als 1.300 Krankenhausbetten im Freistaat belegt, griffen schärfere Maßnahmen. Auf Bundesebene spielte dieser Parameter bislang nur eine untergeordnete Rolle, um frühzeitig die Überlastung des Gesundheitssystems erkennen zu können.

Begründet wurde die Fokussierung auf die Inzidenzzahl stets mit einer einfachen Rechnung: Je mehr Infektionen, desto mehr belegte Betten. Oberste Priorität hatte immer, die Belastung des Gesundheitssystems im Rahmen zu halten. Diese einfache Rechnung wird angesichts der Impfquote künftig kaum mehr aufgehen. Seit Juli ist die Bundesnotbremse außer Kraft. Der Bund muss nun überlegen, wie es weitergeht.

Experte erwartet vierte Welle

Markus Scholz ist Professor für Genetische Statistik und Systembiologie am Institut für medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie an der Uni Leipzig.  Er erwartet, dass spätestens im Herbst die vierte Coronawelle kommt. Scholz sagt: "Grundsätzlich ist es gut, die Anzahl der Hospitalisierungen als weiteren Parameter neben der Inzidenz zu betrachten. Durch die vielen Geimpften droht uns in der vierten Welle eher keine Überlastung des Gesundheitswesens. Dazu müsste die Inzidenz schon sehr hoch sein."

Trotzdem müsse man sich laut Scholz Gedanken machen, wie man die vielen ungeimpften Kinder und Jugendlichen schützen und gleichzeitig die Schulen offenhalten könne. "Denn auch, wenn schwere Fälle bei Kindern sehr selten auftreten, wären eventuelle Langzeitfolgen bei diesen besonders dramatisch", so Scholz.

Zahl der Neuinfektionen bleibt ein Faktor

Kordula Schulz-Asche von den Grünen erwartet, dass der Inzidenzwert dennoch von Bedeutung bleiben wird. Es sei jedoch zu begrüßen, "wenn auch andere Indikatoren zur Bewertung der Gesamtsituation hinzugezogen werden."

Schließlich sind die Infektionszahlen der frühestmögliche Zeitpunkt, um bestimmte Entwicklungen ablesen zu können. Der Vorstoß des Bundesgesundheitsministeriums deutet aber darauf hin, dass diese in den Hintergrund rücken werden. Offen bleibt, welche Modelle und Grenzwerte zur Lagebeurteilung herangezogen werden – und, ob die Bundesregierung noch vor der Wahl im September aktiv wird.

Markus Scholz von der Uni Leipzig erwartet für den Fall, dass die Inzidenz im Herbst doch stark steigen sollte, dass die Politik dann nicht ewig zuschauen könne. "Gut wäre es, nun eine Zweitimpfungskampagne zu starten, damit es gar nicht erst so weit kommt. Nur durch die zweite Impfung wird ein ausreichender Schutz hergestellt", sagt Scholz.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 09. Juli 2021 | 15:00 Uhr

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