Faktencheck Corona-Infektionen: Wie häufig sind schwere Verläufe bei Kindern?

In den mitteldeutschen Ländern enden die Schulferien. Parallel dazu steigen die Corona-Inzidenzen – doch welche Gefahr geht für Kinder von der Krankheit aus?

Schülerinnen und Schüler der Klasse 6a am Goethe-Gymnasium in Hamburg-Lurup schreiben in einer Gruppenarbeit im Klassenzimmer ihre Wünsche für das neue Schuljahr auf einen Zettel unter dem Motto: „Darauf freue ich mich?“ am ersten Schultag nach den Ferien.
Nach den Herbstferien werden die Klassenräume wieder voll sein – doch welche Gefahr geht für Kinder von Covid-19 aus? Bildrechte: dpa

Am 1. November geht in Sachsen und Sachsen-Anhalt die Schule wieder los. In Thüringen ist es am 8. November so weit. Gleichzeitig gibt es in Deutschland bisher keine zugelassene Corona-Impfung für Kinder unter zwölf Jahren. Ein Überblick über die Risiken, die das Virus für Kinder bedeutet – und welche Rolle Schulen bei der Übertragung spielen.

Fakt 1: So viele Corona-Infektionen werden bei Kindern und Jugendlichen gemeldet

Bei den beiden ersten Coronawellen im Frühjahr 2020 und rund um den Jahreswechsel waren vor allem die höheren Altersgruppen von Infektionen betroffen. Bei der dritten Welle im Frühjahr 2021 änderte sich das Bild: Auch bei den Kindern und Jugendlichen gab es zwischenzeitlich sehr hohe Inzidenzen. Seit Herbstbeginn hat sich der Trend noch verstärkt.

Zuletzt (Stand 28.10.) wies die bundesweite Inzidenz bei den 5- bis 14-Jährigen bundesweit mit Abstand den höchsten Wert auf – gemeldet wurden dem Robert Koch-Institut (RKI) in dieser Altersgruppe 251 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen. In allen Altersgruppen zusammen lag die Inzidenz nur rund halb so hoch.

Die hohe Inzidenz bei den Jüngeren beruht allerdings nicht unbedingt ausschließlich auf mehr Infektionen. Denn durch die regelmäßige Testung in den Schulen werden auch mehr asymptomatische Corona-Infektionen – also Infektionen ohne Symptome – entdeckt, die sonst eventuell unentdeckt geblieben wären. Darauf weisen das RKI und mehrere Experten hin. In anderen Bereichen der Gesellschaft wird hingegen weniger getestet.

Insgesamt wurden laut RKI bisher rund 550.000 Corona-Infektionen bei Kindern und Jugendlichen im Alter bis 14 Jahren festgestellt. In Sachsen waren es bisher rund 26.500 Corona-Infektionen, in Sachsen-Anhalt 11.670 und in Thüringen 15.233.

Fakt 2: So häufig sind schwere Covid-19-Verläufe bei Kindern und Jugendlichen

Grundsätzlich gilt: Bei Kindern wurden seit Beginn der Pandemie fast genauso viele Infektionen pro 100.000 Einwohner festgestellt wie in höheren Altersgruppen – schwere Verläufe oder langfristige Schäden sind aber viel seltener.

Doch auch wenn Kinder bisher nur sehr selten von schweren Infektionsverläufen betroffen sind, gab es dennoch auch in den jüngeren Altersgruppen Todesfälle. Seit Beginn der Pandemie starben laut RKI insgesamt 29 Kinder und Jugendliche bis 19 Jahre in Folge von Covid-19. Von diesen hatten wiederum 19 bekannte Vorerkrankungen.

Die deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) und die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) schrieben in einer Stellungnahme von Mitte September: "Weniger als eines von 100 Kindern mit einer SARS-CoV-2-Infektion muss ins Krankenhaus aufgenommen werden, 5 Prozent aller im Krankenhaus behandelten Kinder mit SARS-CoV-2-Nachweis benötigen eine Intensivtherapie und 3 bis 4 von 1.000 dieser stationär behandelten Kinder versterben mit oder an Covid-19." In dieser Hinsicht sei die Krankheitslast bei Kindern vergleichbar mit anderen Erregern wie Influenza oder der Atemwegserkrankung RSV. Von letzterer sind derzeit viele Kinder auch in Mitteldeutschland betroffen.

Ähnlich sieht es bei den Hospitalisierungen und bei Behandlung von Kindern auf Intensivstationen aus: Seit Beginn der Pandemie bis zur 41 Kalenderwoche 2021 wurden insgesamt 5.963 Kinder und Jugendliche im Alter von 0 bis 14 Jahren nach einer Corona-Infektion in einem Krankenhaus behandelt. Das geht aus Zahlen des RKI hervor.

In Sachsen-Anhalt wurden laut dortigem Gesundheitsministerium bisher 147 Kinder bis 14 Jahre nach einer Corona-Infektion im Krankenhaus behandelt, allerdings nur 52 davon direkt wegen der Covid-19-Erkrankung. Auf einer Intensivstation wurden vier der Kinder behandelt.

In Thüringen wurden laut Gesundheitsministerium im Erfurt seit Beginn der Pandemie 139 Kinder bis zwölf Jahren nach einer Corona-Infektion im Krankenhaus behandelt, zwei davon wurden auf einer Intensivstation behandelt. Zahlen für Sachsen konnte das Ministerium in Dresden nicht nennen.

Zahlen zu aktuellen Behandlungen gibt es nur für die Intensivstationen: Laut Divi-Intensivregister lagen Stand 27.10. deutschlandweit zehn Kinder unter 18 Jahren mit einem positivem PCR-Test auf einer Intensivstation. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen lagen zu dem Zeitpunkt keine Kinder mit Covid-19 auf einer Intensivstation.

Fakt 3: So oft ist Long-Covid, Post-Covid und PIMS bei Kindern und Jugendlichen

Schwere Verläufe durch die akute Corona-Infektion sind bei Kindern sehr selten, können aber dennoch vorkommen. Und es gibt noch andere Probleme, mit denen junge Menschen zu kämpfen haben können: das Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome (PIMS) und Long-COVID beziehungsweise Post-Covid. PIMS-Fälle traten allerdings offenbar vor allem bei Infektionen mit der im Frühjahr vorherrschenden Alpha-Variante auf, bei Delta-Infektionen dagegen weniger.

PIMS tritt in der Regel drei bis vier Wochen nach einer Corona-Erkrankung auf. Das Krankheitsbild ist unterschiedlich, viele Patienten müssen aber intensivmedizinisch behandelt werden. Laut der Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie gab es bisher in Deutschland 436 gemeldete PIMS-Fälle bei Kindern und Jugendlichen. (Stand 24.10.)

Exakt - die Story: Unerkannt und unterschätzt - Wenn Kinder an Long-Covid leiden 30 min
Exakt - die Story: Unerkannt und unterschätzt - Wenn Kinder an Long-Covid leiden Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mehr Fälle gibt es wohl im Bereich Long-Covid beziehungsweise Post-Covid, wobei die Definition unklar ist. Oft wird Long-Covid als Folgeerkrankung definiert, bei der Symptome mindestens vier Wochen oder später nach einer Infektion auftreten – unabhängig von der ursprünglichen Krankheitsschwere. Bei Post-Covid treten Symptome mindestens drei Monate nach der Infektion auf.

Mit Post-Covid haben sich gerade Forscher der Uniklinik Dresden in einer Studie auf Grundlage von Krankenkassendaten beschäftigt. Wie oft Post-Covid bei Kindern vorkommt, konnte die Studie allerdings letztlich nicht feststellen, denn asymptomatische Infektionen werden von den Krankenkassen ja nicht erfasst. Auch für Long-Covid fehlen genaue Daten. Denn bisher ist die Krankheit nicht meldepflichtig.

Fakt 4: Wo sich Kinder mit dem Coronavirus anstecken

Bei den Übertragungsorten bei Infektionen gibt es nach wie vor nur sehr wenige Daten, das gilt auch für Kinder und Jugendliche. Laut RKI nahm die Anzahl der Schulausbrüche (mindestens zwei zusammenhängende Infektionen) zuletzt wieder stark zu. Gründe seien vermutlich die leicht übertragbare Deltavariante, aber auch, dass Infektionen wegen der vielen Tests überhaupt erfasst würden.

Letztlich ist unter Experten umstritten, wie weit Schulen Übertragungsorte sind. Jakob Armann ist Oberarzt an der Klinik für Kinder und Jugendmedizin des Uniklinikums Dresden. Seit vergangenem Jahr untersucht er in einer Studie, wie viele Kinder und Jugendliche sich bisher mit Corona infiziert haben.

Armann sieht Schulen nicht als besonders starke Übertragungsorte. Dem MDR sagte er, dass die Studie bisher gezeigt habe, dass sich viele Kinder auch in Zeiten von geschlossenen Schulen infiziert hätten. Das zeige, dass Ansteckungen auch im eigenen Haushalt passieren würden. Kinder sieht Armann nicht als Treiber der Pandemie, im Gegenzug würden sie unter Schulschließungen, aber auch der Einschränkung des sozialen Lebens, extrem leiden.

Fakt 5: So hoch ist die Impfquote bei Kindern und Jugendlichen

Inzwischen gibt es neben in Europa zugelassenen Impfstoffen für Menschen ab zwölf Jahren seit einiger Zeit auch eine entsprechende Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko). Kinder unter zwölf Jahren können sich hingegen noch nicht impfen lassen, in den USA gibt es inzwischen zumindest eine Expertenempfehlung dazu. Bei den Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren liegt die Impfquote (vollständig geimpft) bundesweit inzwischen mehr als 40 Prozent. Mitteldeutschland hängt allerdings – wie bei den Immunisierungen für Erwachsene – deutlich zurück.

In Sachsen und Sachsen-Anhalt sind in dieser Altersgruppe rund 25 Prozent vollständig geimpft, in Thüringen rund 28 Prozent.

Fazit zu schweren Corona-Verläufen bei Kindern

Bei Kindern sind die Inzidenzen seit Wochen besonders hoch. Allerdings wird in dieser Altersgruppe auch besonders viel getestet. Schwere Covid-Verläufe sind bei Kindern sehr selten, können aber vorkommen. Bei PIMS sind einige hundert Fälle bekannt, bei Long- und Post-Covid ist die Datenlage unklar.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL - Radio | 29. Oktober 2021 | 11:00 Uhr

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