Kommentar In der Sackgasse: Die Corona-Politik der Kanzlerin

Tim Herden
Bildrechte: ARD Hauptstadtstudio, Steffen Jänicke

Nur mit Mühe und Not wurde in der Nacht ein Scheitern des Bund-Länder-Treffens verhindert. Vor allem Angela Merkel stellte sich gegen jegliche Lockerungen zu Ostern. Stattdessen setzte sie sogar einen verschärften Lockdown durch. Das Corona-Krisenmanagement wird für die Bürger immer unverständlicher und braucht dringend einen Neustart.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)
Angela Merkel stellte sich gegen jegliche Lockerungen zu Ostern. Bildrechte: dpa

Nun also Stubenarrest zu Ostern. Angela Merkel hat sich mal wieder durchgesetzt. Sie glaubt immer noch, man könne die Pandemie allein mit Verboten durch die Krise führen. Dabei unterschätzt sie den menschlichen Faktor. Denn längst arbeiten viele von uns Bürgern mit einer Art doppelter Buchführung. Wir tragen schön in der Öffentlichkeit Maske, halten Abstand, aber treffen uns trotzdem mit Freunden und Bekannten. Mit oder ohne Maske. Mit oder ohne Abstand. Das Ergebnis von gestern Nacht ist nicht mehr als der kleinste gemeinsame Nenner nach endlosen Diskussionen, die nur alle endlich beenden wollen. Bei Licht besehen, wird das wohl mancher der Teilnehmer heute schon wieder anders sehen.

Absurd: Mallorca ja, Urlaub in Deutschland nein

Wie absurd diese Beschlüsse sind, zeigt sich an der Tatsache, dass man zwar Ostern nicht auf die Straße oder Verwandte treffen darf, aber mit gut hundert Passagieren in einem Flugzeug nach Mallorca sitzen kann. Sicher nicht mit dem nötigen Abstand. Negativtest beim Einsteigen hin oder her. Den Menschen ist diese Zweiklassen-Gesellschaft nicht zu erklären. Als Familie in einem Auto in eine Ferienwohnung oder mit dem Wohnwagen auf einen Camping-Platz zu fahren und dort kontaktarmen Urlaub zu machen mit Selbstversorgung, ist sicher ungefährlicher als der Trip auf die Balearen. Einigen Ministerpräsidenten ist diese politische Schizophrenie aufgefallen und sie versuchten gegenzusteuern. Aber sie scheiterten an Merkels kategorischem Nein. Nur um den Schein zu wahren, beugten sie sich dem Veto der Kanzlerin.

Lockdown ist keine Strategie, es braucht Alternativen

Markus Söder feierte das zu Unrecht als Sieg des Teams Vorsicht. Es war mehr der Sieg des Teams Phantasielosigkeit. Denn das Corona-Krisenmanagement braucht endlich einen Neustart, das nicht allein auf dem Prinzip viel Peitsche, wenig Zuckerbrot basiert. Ohne die Gefahr zu unterschätzen, müssen wir lernen mit dem Virus zu leben. Denn auch der fünftägige Osterlockdown wird es nicht in die Flucht schlagen. Wir müssen als hochtechnologisches Land unsere Möglichkeiten nutzen, wieder langsam in die Normalität zurück zu kehren. Natürlich wäre da der beste Weg, so schnell wie möglich so viele Menschen wie möglich zu impfen. Und zwar überall wo es geht. Allerdings können die politischen Versäumnisse bei der Impfstoffbeschaffung nicht so schnell wettgemacht werden.

So müssen wir andere Möglichkeiten suchen. Die Corona-Warn-App muss mit der Registrierung der Testergebnissen zu einer Art Eintrittskarte ins öffentliche Leben umfunktioniert werden. Dann könnten Geschäfte, Kultureinrichtungen sowie Restaurants und Hotels auch wieder öffnen. Da hat Deutschland viel Zeit verschlafen. Wo bleibt der deutsche Erfindergeist? Man schaut immer nur auf die Inzidenzzahlen, aber nicht auf die Möglichkeiten, damit so umzugehen, dass die Menschen nicht die Hoffnung verlieren. Selbst die Vorsichtigsten werden mutlos, sind ermüdet, deprimiert. Der Beschluss trägt dazu erheblich bei. Wenn nicht endgültig die Stimmung in diesem Land kippen soll, muss Angela Merkel ihren Kurs ändern.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 23. März 2021 | 10:55 Uhr

319 Kommentare

Anita L. vor 25 Wochen

"Kompromisse sind meistens faul."

Kompromisse sind ein elementarer Bestandteil jeder Demokratie. Ohne sie geht Demokratie gar nicht. Wir hätten einen Kampf von 80 Millionen Einzelmeinungen und am Schluss die Diktatur.
Aber "danke", dass Sie mich in meiner - leider pessimistischen - Einschätzung eines bestimmten Bevölkerungsteils bestätigen. Ihre Aussage ist ähnlich erhellend wie die eines anderen Teilnehmers, der sich vor Kurzem freute, die Demokratie "vorgeführt" zu haben, und die eines weiteren, dem es "egal" ist, ob seine Partei sich an das Grundgesetz halte, solange sie nur seine Interessen vertrete.

Anita L. vor 25 Wochen

"Beim Zitieren muss die Quelle allgemein zugänglich sein, ist sie aber nicht!"

Herrlich! Und das von Ihnen... Sie wissen schon, dass ich hier weder den Link noch ein Bild von der Titelseite meiner Tageszeitung einstellen kann, dass eine Quelle aber auch nicht dadurch definiert wird, ob Sie zum nächsten Zeitungsstand laufen und sich die Tageszeitung holen wollen? Die Quelle ist! allgemein zugänglich. Weder handelt es sich um eine Sonderausgabe, die als Unikat auf meinem Küchentisch liegt, noch um ein besonders schützenswertes Exemplar, welches nur für Experten und nach Anmeldung einsehbar ist. Du meine Güte... Und dafür erhalten Sie noch Daumen...

Aber weil ich nett bin, habe ich mal das Netz bemüht und für Sie nach dem Artikel gesucht, da er garantiert nicht nur in meiner DNN-Ausgabe zu finden ist. Et voilá: Auch der Kölner Stadtanzeiger oder die Ruhrnachrichten veröffentlichten besagten Artikel. Der Titel lautet: Experten sind leise entsetzt; verfasst wurde er von Saskia Bücker.

Dietmar vor 25 Wochen

Lieber Norbert 56 NRW, "wie das wahre Leben des Stimmvolkes aussieht..." Ich hätte kein Problem mit einem Ruhedonnerstag. Wahrscheinlich hat ein großer Teil der arbeitenden Bevölkerung auf den Winterurlaub verzichtet. Ein Tag davon wäre bestimmt am Donnerstag drin gewesen. Ich werde es machen und somit einen weiteren kleinen Beitrag zur Eindämmung der Pandemie leisten.
Die Verharmlosung des Virus k... mich gelinde gesagt an.

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