Telefonische Krankschreibung Krankschreibung vom Arzt weiterhin per Telefon möglich

MDR-Wirtschaftsjournalist Ralf Geißler
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Der Hals kratzt, die Nase tropft: Um sich deswegen krankschreiben zu lassen, muss man seit der ersten Coronawelle nicht mehr zum Arzt, es genügt ein Anruf. Die Hausärzte dürfen ihre Patienten per Telefon krankschreiben. Gedacht war die Regelung mal, um in der Pandemie volle Wartezimmer zu vermeiden. Nun wurde sie vom Gemeinsamen Bundesausschuss aus Krankenkassen und Ärzten verlängert und das Bundesgesundheitsministerium hat es gebilligt.

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Bis Ende September kann man sich von seinem Hausarzt oder seiner Ärztin weiterhin per Telefon krankschreiben lassen. Bildrechte: dpa

Irgendwas geht rum. Erik Bodendieck merkt das in seiner Praxis in Wurzen. Eine wachsende Anzahl an Patienten klage über Schnupfen, Husten, Unwohlsein – eine Erkältungswelle mitten im Sommer. Bodendieck, der auch Präsident der Sächsischen Landesärztekammer ist, hat deshalb gut zu tun. Manchmal, sagt er, wünschten Patienten direkt am Telefon eine Krankschreibung. Nur selten entspreche er dem Wunsch: "Die gute klinische Praxis schreibt eigentlich vor, dass man Patientinnen und Patienten, die tatsächlich nicht arbeitsfähig sind, weil sie erkrankt sind, untersucht und entsprechend anschaut." Zwar könne man davon auch mal abweichen, aber: "Im Grundsatz ist der Patient anzuschauen."

Keine vollen Wartezimmer dank Krankschreibung per Telefon

Trotzdem findet Bodendieck es gut, dass eine Krankschreibung per Telefon bis Ende September möglich bleibt. Dadurch hätten die Ärzte in der Pandemie ein zusätzliches Instrument in der Hand. Auch Mitteldeutschlands größte Krankenkasse, die AOK Plus, ist damit einverstanden.

Man nimmt auch manchmal aus dem vollen Wartezimmer des Arztes was mit nach Hause, was man vorher nicht hatte, nicht kannte und nicht braucht.

Hannelore Strobel AOK Plus

Sprecherin Hannelore Strobel sagt, durch die Krankschreibung per Telefon habe man volle Wartezimmer vermeiden können: "Man nimmt auch manchmal aus dem vollen Wartezimmer des Arztes was mit nach Hause, was man vorher nicht hatte, nicht kannte und nicht braucht. Also eine Erkältung oder auch etwas, das schlimmer sein kann als eine Erkältung. Und das zu umgehen, sollte regelhaft möglich sein. Also wir sind für eine Verstetigung dieses Angebots."

Arbeitgeber haben Sorge vor "Blaumachern"

Wirtschaftsvertreter halten von dieser Idee allerdings wenig. So mancher Chef befürchtet, dass eine Krankschreibung per Telefon zum "Blaumachen" einlädt. Sachsen-Anhalts Arbeitgeberpräsident Marco Langhof sagt, valide Zahlen dazu gebe es nicht. Im vergangenen Jahr seien die Krankschreibungen zwar leicht gesunken. Es habe aber auch viel weniger Möglichkeiten gegeben, krank zu werden – wegen strenger Hygiene-Regeln und auch dadurch, dass viele im Homeoffice saßen.

Unterm Strich findet Langhof: Wer eine Krankschreibung benötige, sollte seinen Arzt sehen – und nicht nur anrufen. "Ein Arztbesuch ist ja eigentlich immer mit Diagnose, Therapiebesprechung und der Verschreibung von Heilmitteln verbunden. Abgesehen davon, dass die Krankschreibung per Telefon einige Risiken mit sich bringt. Zuallererst mal für den Patienten selbst – wird meine Krankheit richtig erkannt? – bis hin zu Datenschutzrisiken." Die Frage sei, sagt Langhof, wie man sicherstelle, dass derjenige, der anrufe, auch wirklich der sei, der er vorgebe, zu sein.

Auch Ärzte kritisieren die Verlängerung

Einige Ärzte sehen das ähnlich. Klaus Heckemann ist Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen. Er sagt, die Krankschreibung per Telefon sei ein Instrument für die Hochphase der Pandemie gewesen. Eine Verlängerung hätte es nicht gebraucht. "Momentan glaubt, denke ich, keiner mehr, dass in der Arztpraxis die Gefahr groß wäre, sich mit Corona zu infizieren." Aus dem Grund halte er die Regelung nicht mehr für nötig, sagt Heckemann. Momentan sei in seiner Praxis business as usual. "Ein Patient, den ich krankschreibe, der muss krank sein. Und davon kann ich mich im Allgemeinen nur überzeugen, wenn ich den auch vor mir habe."

Er selbst habe das Instrument nur in absoluten Ausnahmen genutzt, sagt Heckemann. Es gebe schließlich durchaus Patienten, bei denen die Krankschreibung stärker im Vordergrund stehe als das Kranksein. Das werde mit der telefonischen Krankschreibung nur befördert.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 01. Juli 2021 | 06:07 Uhr

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