Umsatzeinbußen und Onlineangebote Thüringer Gedenkstätten im Coronamodus

Lily Meyer, Autorin
Bildrechte: MDR/Jan Bräuer

In Thüringen und Sachsen ist am Freitag letzter Schultag gewesen. Und die letzten Monate waren absolut außergewöhnlich. Die Schüler und Schülerinnen mussten lange von zuhause aus lernen, durften dann wieder in die Schule. Aber Klassenfahrten und Wandertage fielen flach. Das stellt auch Gedenkstätten vor Probleme, die sich oft auch auf Schülergruppen spezialisiert haben.

An der Tür der Gedenkstätte Andreasstraße, dem ehemaligen Stasi-Gefängnis in Erfurt, klebt ein selbstgemaltes Bild. Ein rundes Gesicht mit Maske erinnert daran, den Mund-Nase-Schutz aufzusetzen. Zwei Besucherinnen aus der Nähe von Frankfurt am Main sind dieser Bitte nachgekommen.

Von Corona würden sie sich ihren Besuch nicht vermiesen lassen, sagen die Besucherinnen: "Ach was, nein. Damit leben wir prima. Es wird ja drauf geachtet, von daher geht das. Es sind ja keine großen Menschenansammlungen hier."

Digitalisierungsschub bei Gedenkstätte

Mittlerweile kommen wieder genauso viele Besucher am Tag, wie vor der Corona-bedingten Schließung, erzählt Jochen Voit. Er leitet die Gedenkstätte und stellt gleich klar – er möchte nicht Jammern: "Wir haben natürlich Einnahmeverluste, wir werden auch im nächsten Jahr nicht mehr so gut dastehen. Davon gehe ich eigentlich schon aus. Aber es ist insgesamt glimpflich abgelaufen."

Schulklassen dürfen bisher noch nicht wieder kommen, aber kleinere Gruppenführungen sind schon wieder möglich. Es finden aber auch Veranstaltungen online statt.

Diesen Digitalisierungsschub hätten die Gedenkstätten bitternötig gehabt, meint Voit: "Da muss man uns gar nichts vormachen, da waren wir alle viel zu langsam und haben uns da auch zurückgezogen auf die Aura unseres Hauses und haben gesagt: Ne, wer nicht zu uns kommt und es spürt und sieht, dem entgeht da ganz viel."

Das stimme zwar auch, sagt Voit weiter, aber auch wenn die Leute online weniger mitbekämen, sei das besser als gar nichts.

Ausgefallener Gedenktag nicht online kompensierbar

Auch in den Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora wird jetzt noch mehr online angeboten. Ein Besuch vor Ort könne damit aber nicht kompensiert werden, gerade an besonderen Gedenktagen, sagt Philipp Neumann-Thein, der die Stiftung der beiden Gedenkstätten kommissarisch leitet:

Insbesondere fehlt uns unheimlich, dass wir den 75. Jahrestag der Befreiung nicht wie es lange geplant und vorbereitet gewesen ist, im April dieses Jahres mit zahlreichen ehemaligen Häftlingen und Angehörigen begehen konnten. Das ist wirklich sehr, sehr schmerzlich.

Phillip Neumann-Thein Kommissarischer Stiftungsdirektor Gedenkstätte Buchenwald

In der Zwischenzeit seien einige der Zeitzeugen bereits verstorben, bedauert Neumann-Thein. Die Einnahmeausfälle bereiten ihm weniger Sorgen, die seien nicht existenzbedrohend.

Gedenkstätte Point Alpha rechnet mit 300.000 Euro Einbußen

Angespannter ist die Situation in der Gedenkstätte Point Alpha. Das Grenzmuseum ist auf die Eintrittsgelder der Besucher und Besucherinnen angewiesen. Vorstandsmitglied Berthold Jost sagt: "Im vergangenen Jahr hatten wir ca. 14.000 Schüler, das ist schon ein wesentlicher Teil." Auch Besuchergruppen seien wichtig für die Gedenkstätte, sagt Jost weiter, insgesamt 1.400 Gruppen seien im vergangenen Jahr gekommen: "Und das ist natürlich auch im Prinzip jetzt ganz weggebrochen."

Jost rechnet mit einem Einnahmeausfall von 300.000 Euro in diesem Jahr. Er und seine Kollegen haben deshalb Bittbriefe an die Landesregierungen von Hessen und Thüringen geschrieben. Im Thüringer Corona-Sondervermögen sind 4,4 Millionen Euro für die Museen in Thüringen eingeplant.

Ein Anfang, meint Kultur-Staatssekretärin Tina Beer, die auf mehr Besucher im Sommer hofft: "Ich hoffe, dass vor dem Hintergrund, dass ja viele ihre Auslandsreisen auch abgesagt haben, dass möglichst viele in Deutschland bleiben und dann auch zu uns nach Thüringen kommen, und sich die Gedenkstätten oder bzw. alle kulturellen Einrichtungen sich in Thüringen anschauen."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 18. Juli 2020 | 09:17 Uhr

3 Kommentare

mensrea vor 39 Wochen

@ein Volk: Ich weiß nicht, wo Sie herauslesen, dass es um Erbschuld geht. Sie bestreiten doch hoffentlich nicht, die Tatsache der Gräuel der Nazis? Niemand fordert von Ihnen persönlich sich schuldig zu fühlen. Wenn Sie nicht gerade 95 Jahre alt sind, denkt niemand Sie persönlich hätten irgendetwas verbrochen. Aber es ist nicht zu viel verlangt, auch von Ihnen, Mitgefühl mit dem Leiden der Opfer damals zu haben; anzuerkennen, dass die Nazis deutsche Tugenden, wie Ordnung, Organisation und Tüchtigkeit so pervetiert haben, dass Menschen in großem Maßstab, ja industriell getötet worden. Dem wird hier gedacht.

Und wenn die US-Amerikaner keine Gedenkstätten für fremde Kriegsopfer haben, dass heißt doch nicht, dass Deutschland diesem schlechten Beispiel folgen muss.

MDR-Team vor 39 Wochen

Lieber User, das Gedenken an die Menschen, die im Zweiten Weltkrieg von den Nationalsozialisten in Konzentrations- und Arbeitslagern ermordet wurden, ist wichtig. Der systematisch geplante Massenmord an Juden, Kriegsgefangenen, politischen Gegnern, Menschen mit Behinderung und Andersdenkenden ist einmalig in der Geschichte. Die Menschen dürfen und sollten das nicht vergessen. Nur so kann verhindert werden, dass so etwas nicht noch einmal passiert. Wir zitieren den Historiker Volkhard Knigge, der die Arbeit der Gedebkstätten so formuliert: "...wir sind auch dazu da, sie ethisch und moralisch zu bewerten; wir sind dafür da, aus dieser Erfahrung gesellschaftliche und politische Konsequenzen zu ziehen und zu sagen: Was müssen wir denn tun, damit sich das nicht wiederholt, nicht im Ansatz und auch nicht im Ganzen." (Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/erinnerungskultur-in-zeiten-des-rechtspopulismus-die.724.de.html?dram:article_id=448267) Liebe Grüße aus der MDR.de-Redaktion

Ein Volk das nach Untergang bettelt vor 39 Wochen

Unsere Erbschuld gib uns täglich für die nächsten 2000 Jahre, die Deutschen müssen und wollen für immer geknechtet werden.
Übrigens gibt es beim Amis Gedenkstätten für die Millionen Tote die sie zu verantworten haben?
Klares Nein!!
Warum bei uns?

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